Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 18 (1.5.1896)
- Date
- 1896-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 18. Jahrgang V. Berlin, 1. Mai 1896. I Nebst einer tpijfmfcfyaftltcbert Beilage „Desct?urun". Redakteur: A. £ e v t n. Verlag: Siegfried Lronbach, Verlin W. 57. Telephon: Redaktion VII, 4236. * Expedition VI, 796. Bezugspreis vierteljährlich: Treu und frei! Deutschland u. Oesterreich-Uugarn -MK. 2,00, * alle andern Länder MK. 2.50. Post-Zeitungsliste Nr. 108. Die „Wochenschrift" erscheint an jedem Freitag mindestens 20 Seiten (2>/, Bogen), der „Irschurun" Mitte und Ende jeden Monats mindestens 4 Seiten (Va Bogen) stark. Zu beziehen durch die Post (Zeitungsliste pro 1896 Nr. 108) oder unsere Expedition. Anzeigen werden mit 25 pfg. für die einspaltige Petitzeile oder deren Raum berechnet. Bei Wiederholungen oder größeren Aufträgen tritt eine Preisermäßigung ein. Alle Annoncen-Expeditionen sowie unsere Expedition nehmen Anzeigen für dieses Blatt entgegen. Inhalt: Das geistige Zion. Von Dr. S. Bernfeld. — Der neue Kurs. Von M. A. Klausner. — Das Rabbinat in Oesterreich. Von einem Rabbiner. — Wochen-Chronik: Die babylonis-'e Verwirrung. — Die Rabbinerwahl in Paris. — Zu spät! — „Muhamedaner thun's nicht". — Statistisches. — 6000 Mark. — Eine peinliche Szene. — Zur Judenfrage in Rußland. — Feuilleton: Das Martyrium der spanischen Juden. U. Von Prof. Dr. H. Graetz. — Das Ghetto in Fez. Von Elsa von Schabelsky. — Erster Hader. — Unsere Sachverständigen. — Epigramme und Anderes. Von Wilhelm Ruhemann. — Hier und dort. — Aus dem Leserkreise. — Kalender. — Anzeigen. Das geistige Kau. So oft wir die Stimme erheben, um unsere Stammesgenossen daran zu erinnern, daß es doch endlich an der Zeit wäre, an die Wiederherstellung des Judentums zu gehen, werden wir um die genaue Präzisierung unseres Standpunktes gefragt, wie wir uns das Judentum auf traditionellem Boden stehend und doch nicht mumienhaft, dem Zeitgeist völlig fremd, denken. Es ist inderthat nötig, daß man einmal mit klaren Worten und ohne Rücksicht auf die Tagesgötzen sage, wie der wesentliche Inhalt des Judentums mit allen Errungenschaften der Kultur und der wirklichen Zivilisation in Einklang zu bringen sei. Denn die Phrasen von Fortschritt und nötigen Reformen haben in unseren Tagen glücklicherweise ihren Kredit eingebüßt: vor der Macht der Thatsachen sind sie völlig verblaßt, und außer einigen Marodeuren, die jedes selbständige Denken verlernt haben, ist man sich innerhalb der Judenheit so ziemlich bewußt, daß mit dem Zerstörungswerk des nunmehr zu Ende gehenden Jahrhunderts Einhalt geschehen müsse, während es die höchste Zeit sei, in unserer Mitte gründlich Wandlung zu schaffen. In der Regel wird uns entgegengehalten, daß das Judentum, soweit es die „Reformen" des neunzehnten Jahrhunderts perhorresziert, mit den Anforderungen der Zeit in Widerspruch stände. Diese Anschauung können wir uns aber nicht aneignen; denn wir müssen es entschieden in Abrede stellen, daß die Anforderungen, welche unser Glauben an seine mutigen Bekenner stellt, unerreichbar wären. Uns fehlt nur in diesem blasierten Zeitalter der Mut der Ueberzeugung: wir wenden uns von dem väterlichen Glauben nur aus falscher Scham vor dem Nachbarn ab: wir haben nicht mehr, um mit Heine zu sprechen, den Mut, einen Bart zu tragen, d. h. uns offen und mutig als Juden zu bekennen. Wir haben uns daran gewöhnt, wie Gabriel Rießer einst mit Recht klagte, das Wort Jude recht leise auszusprechen, aus Furcht, es könnte dies der Nachbar hören, wodurch wir uns kompromittiert glauben. Die Fälle, in denen Satzungen der Religion den Anforderungen des Lebens im Wege stehen, sind verschwindend wenig gegen jene, in denen es sich einfach um ein unsittliches Sichgehenlassen, um einen Defekt in der Fähigkeit der moralischen Selbstbestimmung handelt. Wir können und wollen uns nicht mehr die kleinste Entbehrung auferlegen, wir haben jede Opferwilligkeit und jede Opferfähigkeit eingebüßt: wir sind nicht mehr jene heroischen Naturen, wie es unsere Väter gewesen, welche stets fähig waren, sich den Idealen ihres sittlichen Daseins zu opfern. Im Vergleich zu oen wirklichen Opfern, welche unsere einfachen und schlichten Vorfahren ohne jede Pose, ohne jedes komödiantenhafte Spielen mit den Pflichten gegen unsere Geschichte gebracht, ist alles, was wir für die Erhaltung des Judentums thun, geringfügig und belanglos. Ja, wenn wir all das ausscheiden wollten, was wir nur aus Eitelkeit oder aus Gewohnheit oder aus Rücksicht auf andere thun, so bleibt als Rest nur ein leeres Nichts. Uns fehlt der geistige Inhalt, das Sichvertiefen in das Judentum, das Bewußtsein, daß die religiösen Ideale uns in all unserem Thun als Richtschnur gelten müßten. Unser Judentum ist selbst dort, wo es nicht völlig verleugnet wird, eine inhaltlose Phrase, eine Pose, eine „Anekdote von gestern und vorgestern", wie Nietzsche sagt. Das religiöse Leben entbehrt jeder Innerlichkeit und hat sich in ein Gemengsel von schalem Formalismus, von Paradejudentum, von seichten Predigten, schlechter Liturgie, von Chor und Orgel aufgelöst. Und wenn wir nach Hause kommen, sind die Orgeltöne verhallt, der gemischte