Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 304 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 304. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. diesen Männern und Peeritz gab es immer harten Streit und eine erbitterte Feindschaft, die unser Held ans die Frauen zu übertragen für gut fand. Wenigstens hatte er Frau Bandmacher aufs tiefste verletzt, als er einmal als Gast ihres Tisches, von dem Inhalt eines mürrisch hingeschobenen Tellers kostend, die unschuldige Frage stellte: „Liebe Hausfrau," — er hob von der Speise etwas Weniges mittels der Gabel in die Höhe und machte ein recht einfältiges Gesicht — „liebe Hausfrau, was ist das da?" „Nudeln mit Zucker und Zimmt," sagte sie. „Nudeln?" wiederholte er ini Tone höchster Verwunderung — „Nudeln? Nach dem Geschmack hält' ich geglaubt, es ist Sauerkraut." Wenn Peeritz irgend jemanden in der Welt, haßte, so waren es die wenigen Familien, in denen man ihm nicht mit jener Achtung und jenem Wohlwollen eutgegenkam, welche er nun einmal beanspruchte. Aber er nahm dies nicht so ohne iveiteres hin, jede Demütigung, die man ihm anthat, vergalt er. HerrJoachimManasse gab ihm einmal einen halben Kreuzer. Peeritz faßte die Münze ganz saust zwischen Daumen und Zeigefinger und legte sie anscheinend mit äußerster Vorsicht ans die innere Fläche der ausgestreckten linken Hand, die er mm unter fortwährendem Kopsschütteln den sich langsam vergrößernden Augen nahebrachte. Sodann blies er seine Wangen aus und pustete kräftig auf das kleine Geldstück, so daß es zu hüpfen begann; hieraus nahm er es wiederum mit derselben ängstlichen Vorsicht herab und ließ es, während er sein Ohr der Tischplatte nahebrachte, klingen. „Was treibt Ihr da, Peeritz, macht, daß Ihr fort kommt!" schalt Herr Joachim Manasse. Peeritz unterbrach seine Manipulation nicht einen Augenblick, hob aber den .Kopf ein wenig in die Höhe und bemühte sich, dumm dreinzuschauen. „Lieber Herr, mir scheint," er kratzte sich wie in tiefster Verlegenheit hinter dem Ohr, „mir scheint, das ist ein falscher Kreuzer." „Geht mir mit Euren Dummheiten, Ihr wißt ja ganz gut, daß es keiu Kreuzer ist, sondern ein halber." „Ein halber?" rief Peeritz erstaunt, „nehmt mir's nicht übel, Herr; Hab' ich doch so was noch nie gesehen!" Wiederum vertiefte er sich in den Anblick des Geldstückes, schiittelte den Kops und wartete auf die Wirkung seiner letzten Worte. „Bis jetzt," sagte er nachdrücklicher, „hat mir noch niemand einen halben Kreuzer gegeben —" „2Bcim Jhr's nicht zufrieden seid, so laßt es bleiben und scheert Euch zum Kukuk. Ueberhaupt weiß ich nicht, wie Ihr Euch untersteht, zu betteln, Ihr, so ein kräftiger Mensch, der arbeiten könnte —" Peeritz hörte dies alles mit der größten Gemütsruhe an und zuckte nur mitleidig mit ben Achseln. „Lieber Herr," sagte er, „ich Hab' keine Arbeit, glaubt Ihr? Wenn Ihr oder Eure Kinder einmal betteln geht, dann werdet Ihr schon sehen, wieviel Arbeit und Müh' man hat, bis irgend ein Knicker mit seinen! Kreuzer heransrückt . . Wißt Ihr was? Gebt mir noch einen halben." Rot vor Zorn hat der Hausherr die Thür aufgerissen. „Geht oder —" „Was bemüht Ihr Euch, ich kann die Thür auch allein öffnen - ich nrerde gehen — meinetwegen — aber den halben Kreuzer könnt' Ihr noch zulegen. — Nein? — Gut, hat man Dir den halben Kreuzer gestohlen, werd' ich denken — ein Dieb ivill ja auch leben in der Welt, dazu hat ihn Golt einmal geschaffen --" 'Nach einer halben Stunde war Peeritz wiederum im Laden des Herrn Joachim Manasse. Tann kam er noch denselben Abend, dann am nächsten Morgen, bis er den ziveiten halben Kreuzer in der Tasche hatte. * * So trieb er es jahrelang. Peeritz wurde älter, aber er änderte sich nur insofern, als sein 'Anstreten immer sicherer wurde. Er nahm nicht mehr die lange Pfeife aus dem Mund, wenn er ein Zimmer betrat; sein Appetit wuchs mit seinen Jahren. Einmal traf er bei Herrn Glücklicher junior mit dem alten Herrn Joachim Manasse zusammen. Peeritz lächelte, Manasse wurde blau vor Wut. „Ihr habt doch eben erst bei mir zu Mittag gegessen," schrie er, „und jetzt eßt Ihr noch einmal bei meinem Sohn?" „Was wollt Ihr?" antwortete Peeritz ruhig und mit Würde, „ich Hab' mir gedacht, bei einem wird man nicht -satt und Hab mich vorgesehen. Und dann, sagt, lieber Herr, seid Ihr nicht selbst hergekommen, um noch einmal zu essen?" Einige Jahre darauf sammelte Peeritz Beiträge für die Mitgift seiner Tochter. „Was gebt Ihr Eurem Eidam?" fragte man, „Drillichau etwa?" „Solange ich noch gehen und mir mein Brot verdienen kann," sagte er lachend, „kriegt er's nicht; aber erben ivird er's" . . . fügte er lustig hinzu. 'Nun ist er schon längst tot. Unter den zahlreich durch Drillichau ivandernden jungen und alten Bettlern findet man keine Peeritze, keine Fomins, keine Originale, keine Genies, keine Humoristen. Sie tragen wohl schäbige Atlaspekeschen, aber es ist nicht der alte Geist, der darin steckt. Nicht einmal ihr Appetit fällt ans. Der Nachwuchs ist mißraten. Peeritz ist längst tot. Ter Erbe hat sich aber bis znm heutigen Tage nicht gezeigt. In Drillichau denkt man des Toten noch, und wenn ein junger, rotwangiger Bursche, den Hut auf dem Kopfe, einen Laden betritt, fragt wohl der eine oder der andere Krämer: „Ihr, habt Ihr nicht Drillichau geerbt? . . ." Hm, es giebt auch Leute, die den Kerl, ohne erst diese Frage zu stellen, einsperren lassen. * Auch ein Geschäft! In dem gemietlichen Wien kursiert jetzt ein charakteristisches Zwiegespräch zwischen einem jüdischen Händler und einem fanatischen Lnegerianer. Mit bekannter Zuvorkommenheit erkundigt sich jener bei diesem auf der Straße, ob er nicht „alte Kleider" zu verkaufen habe? Worauf der Lnegerianer: „Kummen's mit, hob' was zu verkäsen, und zwar i möcht' gern mei Wechsel —" — Händler: „O, solche Ware kauf ich ani liebsten." — Lnegerianer: „Aber lossen's doch a Menschen ansreden! I ivill Ihnen mei Wechsel-