Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-24 · 17 (24.4.1896) · p. Seite 303

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 303 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610029--1364-9610040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 17. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 808. fest an die Wirksamkeit einer solchen Zuweisung glaubte. Thatsache ist, daß er zu glauben schien und zu glauben behauptete — und dies verlieh seinem Anstreten eine sichere Grundlage, seinem Benehmen jenen Stolz uufc' jenen gewissen Hochmut, der, ost Leuten, die ans ihr gutes Recht pochen können, eigen ist, jenen heiteren Gleichmut, der sich durch nichts erschüttern, durch nichts ans der Fassung bringen läßt. Dieser Glaube machte ihn unempfindlich gegen jede Beleidigung, gegen jeden Schimpf, jeden Vorwurf. Er lächelte nur, zwinkerte mit den Augen und gab sich den Anschein, als ob er den Scherz, den mau sich gegen ihn erlaube, ganz gut verstehe und durchschaue. Dieser Glaube machte ihn schließlich zur Geißel, zum Brandschatzer des Städtchens, welches seiner nimmermehr ledig ivurde. Unter allen Umständen hob er seine wöchentliche Steuer ein, sowohl von denen, die ohne weiteres, als auch von denen, die ungern damit herausrückten; er war in dieser Beziehung von einer den kräftigsten Widerstand überdauernden Geduld. Dabei lag iu der Art, wie er die verschiedenen Parteien behandelte, eine gewisse Methode, deren Zweckmäßigkeit nicht in Abrede zu stellen ist. In Häusern, wo die Leute ihn gerne sahen, gut traktierten und fortfuhren, ihm nach wie vor vier Kreuzer zu geben, überguoll er von Scherzen und Schelmereien, lobte das Essen und ließ sich herbei, den Frauen in einer Weise zu schmeicheln, die bei ihrer Plumpheit einer gewissen Anmut nicht entbehrte. So verabschiedete er sich von der Hausfrau nie anders als mit den Worten: „Möchten Sie mir nicht einen einzigen Gefallen thun, liebe Frau?" „Was wollt Ihr, Peeriß?" ivurde der Bursche gefragt, der lächellld dastaud und verlegen an seinem Barte zupfte. „Bleibeil Sie mir hnndertnndzwanzig Jahre gesund und schön, liebe Frail," antwortete er herzlich, indem er rasch, als fürchtete er, man könnte ihrl zrlrückrnfen lind für diesen Wunsch besonders beschenken, das Zimmer verließ. Wenn man sich in solchen, ihm wohlgesinnten Häusern über seinen ungeheuren Appetit lustig machte, lachte er vergnügt mit lind bestätigte auch wohl die Wahrheit dieser Thatsache durch ein oder das andere Geschichtchen. „Soll mir Gott helfen," pflegte er zu sagen, „ich eff gern gut und ess' gern viel, und was die Hauptsache ist — Hunger Hab' ich immer. Seht Ihr, wie ich noch meinen Schwäher geführt Hab' — Reb Ion,in, lieber Hausherr, ist blind, dabei scharfsichtiger als der „gute Iüd" — sind ivir eiiunal über Schabbes geblieben in Czanice bei der kleinen alten Wirtshäuslerin, Babtscha nennen sie die Fuhrleute, weil sie trotz ihres hohen Alters immer noch Hellen und heiteren Sinnes ist und jedermann freundlich bedient. Kurz, versteht Ihr? — Wir sind also dort, und die Babtscha bringt uns mittags eine große Schüssel mit gutem, fettem Essen. Gut! Wir machei, uns drüber her. Reb Iomin spricht und ißt ununterbrochen, auch wenn er eine Frage stellt; denn wozu soll man reden, wenn nian essen kann, Herr? Auf einmal hebt Reb Iomin die Haild, ltnd eh' ich mich dessen verseh', Hab ich Ihnen einen gewaltigen Patsch im Gesicht. — „Reb Iomin, was patscht Ihr mich?" frag' ich ganz niedergeschlagen. - „Warum soll ich Dich gepatscht haben, Peeritz?" sagt er. - „Ra warum?" frag' ich. — „Tarllin," sagt er, „ich red' in einen, fort und esf' sehr viel: ivie viel mußt Du erst essen, der Du das Maul nicht aufmachst zu 'nein Wörtel." — Und er hat wirklich recht gehabt, mein Schwäher." Wenn er Verständnis für seine Geschichten fand, d. h. wenn sie nach Gebühr belacht und belobt wurden, konnte er — freilich erst nach Beendiguilg des Mahles — stundenlang dasitzen und umringt von den Kindern des Hauses, deren Angen an den behaglich schmunzelnden, einem Würstchenpaare nicht ilnähnlichen Lippen des Bettelbnrschen hingen, der iu seinem Sabbatstaate bürgerlich genug aussah, und die Gesellschaft so lange ergötzen, bis diese, Helle Lachthränen im Auge, ihn inständig bat, aufzuhören. Begreiflicherweise drehten sich seine Schwänke alle entweder um seinen Schwiegervater oder um seinen Appetit, oder auch — und dies war am häufigsten der Fall — um beide zugleich. „Mein Schwäher," erzählte er oft, „mein Schwäher pflegte zu sagen: „Peeritz, mein Kind, ich esf nfie ein blinder Mensch, Du wie ein blind' Pferd." — Oder jene Geschichte, deren Pointe in Drillichau heutigentags noch ein geflügeltes Wort ist: „Da sind wir einmal beide beim Rabbi zu Gast; bei Tisch sagt Reb Iomin, iudem er den Kopf hebt ,lnd scharf zu mir hiuhorcht: „Peeritzl, mein Kind, iß doch, iß doch . ." und das sagt er ein paarmal. — Der Rabbi schaut zu mir hinüber und wundert sich über die Rede meines Schwähers, da er sieht, daß ich ordentlich zngreife, und er sagte verweisend : „Iomin, was wollet Ihr denn von Peeritz, er ißt doch..." „So?" schreit mein Schwäher, „essen thr,t er? — Das heißt Ihr essen, Rabbi? — Bei mir heißt das fressen!" Ein mitleidiges Lächeln besaß Peeritz für jene Leute, welche, wenn sie ihn auf ihr Haus zukommeu sahen, sich rasch in den Geschästsladeu stüchteten und die Thür desselben zweimal versperrten. Er wußte sehr ivohl, daß dies weiche Raturen seien, unfähig eines energischen Wortes, unfähig einem Bittsteller von Angesicht 31t Angesicht „-Rein" zu sagen; Schwächlinge, die sich lieber verbargen, als daß sie sich dieser Eveutualität aussetzten, die widerwillig gaben, aber es am Ende doch thun mußten. Peeritz gegenüber nützten diese Manöver nicht im geringsten. Ruhig näherte er sich der versperrten Thür und drückte die Klinke. Hierauf schüttelte er verdrießlich deu Kopf, daß es der Manu aus seinem Verstecke heraus seheu mußte, und entfernte sich mit schweren, allmählich verhallenden Schritten . . . nicht weit, nur bis unter das Fenster. Tort blieb er eilt wenig gebückt stehen und wartete, bis der Krämer vorsichtig die Thür öffnete und auf die Straße hinausspäte. In diesen! Augenblick stand Peeritz aber auch schon vor dem Zusammenfahrenden und sagte mit seinem breitesten Lächeln: „Ein' guten Tag, lieber Herr!" Es ist niemals vorgekommen, daß ein derart Ertappter seine Steuer nicht entrichtet hätte. Weit schwereren Stand hat er mit Männern, wie Herr- Jacob Hirsch Bandmacher einer war, oder Herr Joachim Manasse Glücklicher und dessen Sohn. Das war eine Sorte von Leuten, die ihm gegenüber weder Furcht noch Respekt fühlten, die seine Rechte auf Drillichau weder im Ernst, noch im Scherz anerkennen wollten, Leute, die es wagten, ihn als ganz gewöhnlichen Dutzendbettler zu betrachten. Zwischen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.