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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-24 · 17 (24.4.1896) · p. Seite 302

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 302 (sequence 10)
Language
German
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Seite 302. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. 'Nr. 17. sundheitspflege, alles, alles, was das Leben und die Lebensregelung des alten Israel betraf. Von .unserer heutigen Rnbrikeneinteilung des Lebens weiß die Thora nichts. Ans einer Quelle strömt alles: aus Gott. Ihre Philosophie lautet: Gott hat die Welt geschaffen und verpflichtet Dich, ihm zu gehorchen. Ihre Religion lautet: Gott gebietet Dir, ihm zu dienen; ihre Moral lautet; Gott gebietet Dir, sittlich zu sein; ihr Recht lautet: Gott gebietet Dir, diese cüstrci diese Rechtssatzungen zu halten; ihre Heilkunde, ihre Gesundheitspflege lautet: Gott gebietet Dir, diese und jene Reinlichkeitsgesetze zu beobachten, diese und jene Vorsichtsmaßregeln zu treffen, wie sie in den Schristabschnitten Thasria und Mezora verzeichnet sind. Gott ist die Einheit des alt-israelitischen Lebens, Gott und Gottes Willen (Theokratie). Darum heißt es überall T T”P1: „Gott sprach", bei den zehn Sinaiworten, wie bei den hygienischen Vorschriften von Thasria und Mezora, bei den Rechtssatzungen über Mein und Dein, wie bei den — ins Gebiet der Architektur fallenden — Anweisungen zum Bau der Stiftshütte. Ja, wenn man nur die zehn Sinaiworte allein .betrachtet — in wie viel Rubriken und Fächer würde sie das moderne Leben teilen. Das erste Wort gehörte ins Gebiet der Geschichte, das zweite und dritte ins Gebiet der Religion oder Religionsphilosophie, das vierte zum Teil ins Gebiet der sozialen Gesetzgebung, das fünfte und zehnte ins Gebiet der Moral, das sechste bis neunte ins Gebiet der Jurisprudenz, des Rechtes! Und so wenig wie die Thora, so wenig weiß der Talmud, so weuig weiß das rabbinische Schrifttum von der modernen Zerstückelung des Lebens. Darum enthält ja der Talmud, noch mehr als die Thora, - iveil das Leben mannigfaltiger, vielgestaltiger geworden war, — alles: Theologie, Philosophie, Medizin, Rechtsgelehrsamkeit, Moral, Politik, Gesundheitspflege; alle bekannten Wissenschaften: Geometrie, Astronomie, Soziales, Landwirtschaftliches, alles, alles, was das weite Leben umfaßt, und alles ist, wie in der Thora, Gottes Wille, Gottes Gebot. Und so erhält in Gott das vielgestaltige Leben seine Einheit und seinen Sammelpunkt, und so gähnt im echten alt-jüdischen Leben keine Kluft, keine jämmerliche Zerrissenheit, wie sie das moderne Leben kennzeichnet. Diese Betrachtung ist zeitgenläßer als es scheint. Ein Schrei der Entrüstung geht durch unser Vaterland über ein CpTer des Vorurteils, das in diesen Tagen die Zerrissenheit unseres modernen Lebens so klar gezeigt, wie selten. „Du sollst nicht töten", ist ein Gebot der Religion, zu der man sich bekennt. Aber der Ehrenkodex eines hochangesehenen Standes in unseren) Vaterlande gebietet den Gegensatz zu der Religion, zu der man sich trotz alledem bekennt: „Du sollst töten", wenn Tu nicht schimpflich aus unserem Stande ausgestoßen sein willst. Und hat man dem Ehrenkodex Genüge gethan, so kommt das Staatsgesetz und bestraft denjenigen, der dem Ehrenkodex des Standes mehr gehorchte, als dem Rechtskodex des Staates. Ta haben wir den ganzen Jammer der Zerrissenheit unseres modernen Lebens. Religion und Staat und soziales Leben gehen nebeneinander her, als wüßten sie nichts von einander. Man verletzt die Gesetze des Staates und nennt sich ganz besonders loyal, das heißt aus Deutsch gesetzlich; man bekennt sich mit besonderem Nachdruck zur Religion, aber man macht Ehrensatznngen, die ein Hohn aus alle Religion sind. Wortgepränge ist unsere ganze so hoch gepriesene und bei jedem Anlaß betonte religiöse Zivilisation. Wir haben eine Religion, die nur in unserem Munde lebt, von der unser Herz nichts weiß und unsere Thaten nicht zeugen. Oder findet die Religion Zutritt zum Lebens Findet sie Einlaß in der Gesellschaft? Wird ihr gehuldigt in Handel und Wandels Wird ihr Gebot befolgt in der Diplomatie, in der Politik? Die Religion ist gnädiglich erlaubt, so lange sie nicht stört, so lange sie sich nicht unbequem bemerkbar macht. Aber wehe der Religion, wenn sie sich erdreistet, ihren Mund gegen öffentliche Sünden ansznthun, wenn sie es wagt, gesellschaftliche und soziale Schäden vor ihren Richtcrstuhl zu ziehen. Dann heißt es: Kehre vor Deiner Thür! Wir lassen Dich in Frieden, drum laß auch uns in Frieden, liebe Religion. Kümmere dich um deine Kirchen und Synagogen, kümmere dich um deine Sprüchlein und Glaubensartikel, nnd schelte die sündige Seele weidlich aus, wenn sie darin zu wenig thnt, aber bringe die Gesellschaft, bitte, nicht in Verlegenheit. Gesellschaft ist Gesellschaft, Politik ist Politik, Kavaliersbegriffe sind Kavaliersbegriffe nnd — Religion ist Religion. So ist die Religion aus ein kärglich Brot gesetzt, so ist sie verbannt ans des Lebens verivirrenden Kreisen. Daher die Zerrissenheit, die durch unsere Menschheit geht: Der Friede ist von unserer Schivelle gerissen. Ein Wurm nagt am Herzen dieses ganzen Geschlechts, der Jammer nach Frieden, nach Lebenseinheit, nach harmonischer Lebensgestaltung. Ob unsere Zeit, unsere Zivilisation vom alten vielverkannten Judentum lernen könnte? "Nicht von den Juden; — Unsere Juden haben nicht minder viel zu lernen; - aber vom alten echten mosaischen nnd talmudischen Fndentum. Die Gotteinheitslehre hat die Menschheit vom Judentum gelernt, die Lebenseinheitslehre muß die Menschheit noch von ihm lernen. Die Gotteinheitslehre hat die Menschheit zwar iveiser aber nicht besser und nicht glücklicher gemacht, die Lebenseinheitslehre würde die Menschheit besser und glücklicher lnachen, jene Lebenseinheit, welche die Religion zum Gesetz nnd das Gesetz zur Religio» erhebt; jene Lebenseinheit, welche die Sitte zur Sittlichkeit und die Sittlichkeit zur Sitte macht; jene Lebenseinheit, welche die Theologie zur Philosophie nnd die Philosophie zur Theologie wandelt; jene Lebenseinheit, welche Glaubensheüchelei und Modereligion ans dem Wörterbuch der menschlichen Sprache streicht, und welche die alte Feindschaft zwischen Glauben nnd Wissen in Freundschaft wandelt. _ Rkli Imins Mm. Eine Drillichauer Geschichte. Von Manuel Schnitzer. (Schluß.) (Nachdruck verböte».) Man ist nie dahinter gekommen, ob der alte Jomin, mit der Einfalt seines Schwiegersohnes rechnend, diesem in der That das Städtchen als unumschränkten Bettelrayon zugewiesen habe und ob Peeritz, wenn dieses auch der Fall gewesen.

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