Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 301 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 17. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 301. neulich dem Zaren unterbreiteter Rechenschaftsbericht, in welchem die Juden gründlich angeschwärzt wurden, erzielte den gewünschten Erfolg. Ausweisung von Juden aus den Dörfern, die im vorigen Jahre eingestellt war, ist in jüngster Zeit wieder ausgenommen worden. In anderen Marktflecken werden die Bauern durch Polizisten verhindert, bei Juden zu kaufen, so daß viele Familien, deren Ehrlichkeit die Bauern selbst preisen, an den Bettelstab gebracht werden. Die Maschine des russischen Staatsschiffes bewegt sich im alten Geleise, und dem mächtigen Zarenreiche mangelt es an Männern, die ehrlich wären, nnl dieses Schiff auf die Bahn der Toleranz und Gerechtigkeit zu lenken. — Rekrutierung der Toten. Ein Jude in Witehsk wurde im Jahre 1894 benachrichtigt, daß sein Sohn, der vor einigen Jahren gestorben ist, sich zum Militärdienste zu stellen habe. Tie Polizei that ihr Mögliches, um den fehlenden Rekruten anfznstnden, und da ihr das natürlich nicht gelang, verurteilte sie den Vater des Toten zu einer Geldstrafe von 300 Rbl.; nach vielen Irrungen und Wirrungen ward die Bnße jedoch später aufgehoben. Jetzt ist aber plötzlich dem alten Juden nlitgeteilt worden, daß, wenn sein Sohn sich nicht sofort zum Militärdienste stellen werde, ihm, d. h. dem Vater die gesetzlich festgesetzte Strafe auferlegt werden würde. — Dr. Aarou Weiß, Rabbi der Rodes Schalom-Gemeinde in New-Pork, ist gestorben. Tr. Weiß war keine sogenannte Leuchte. Er besaß ein umfangreiches jüdisches Wissen, aber man konnte nicht sagen, daß er ein tiefer Gelehrter war. Auch war er kein glänzender Redner — aber er war mehr als das, er war ein Volksmann und Volksredner. Er verstand es, sich dem Erfassungsvermögen seiner Zuhörer anzupassen, ihren Geist zu fesseln, ihr Herz zu gewinnen und für die Zwecke des religiösen Denkens und Fühlens gefangen zn nehmen. Als er vor mehr als zwanzig Jahren an die Spitze der Rodes Schalom-Gemeinde berufen wurde, war dieselbe eine der orthodoxesten. Sein Vorgänger Dr. Hahn, welcher jetzt die Theologie an den Nagel gehängt hat und sich dem Advokatenstand in Cleveland zugewendet, war ein Fanatiker in des Wortes vollster Bedeutung. Aber die amerikanische Luft zersetzte seinen Glauben, so daß aus dem orthodoxen Saulus ein reformatorischer Paulus wurde, dessen Glaubensbekenntnis stark nach agnostischer Unglänbigkeit roch. Unter Weiß's Führung wurde die Gemeinde zwar reformiert, aber nicht radikalisiert, uub sie nahm so sehr an Mitgliedern zu, daß sie die Clinton Str. verlassen und den Tempel an der 63. Str. von der Beth El käuflich erwerben konnte, nachdem letztere den Prachtban an der 5. Avenue allsgeführt. Einer seiner Söhne, Rev. Stephen S. Weiß, welcher sein 25. Jahr noch nicht erreicht hat, genießt bereits einen beneidenswerten Ruf als Kanzelredner und fungiert schon seit zwei Jahren an der B'nai Jeschnrun-Gemeinde in Madison Ave. Ein zweiter Sohn, Otto Irving Wise, vorteilhaft als Advokat bekailnt, ist auch als republikanischer Politiker thätig und wird sein Name häufig unter den praktischen Politikern genannt. St. Feuilleton. Die Zemlskilheit -cs lebcns. Eine zeitgemäße Betrachtung.*) „Thasria und Mezora" — seltsame Schriftabschnitte, die von ihrem ersten bis zu ihrem letzten Worte nichts enthalterl als medizinische, hygienische, gesundheitspolizeiliche und ähnliche Verordnungen und Vorschriften. Wie kommt Saul unter die Propheten? Wie kommen diese zur religiösen Betrachtllng so ungeeigneten Abschnitte in die Thora? Ist die Thora nicht ein Religio ns buch für das Judentum? Was haben gesundheitspolizeiliche Vorschriften mit Religion und Judentum zu thnn? Wir modernen Menschen können das heutzutage nicht gut verstehen. Wir sind gewöhnt, das ganze Leben in Rubriken einzuteilen, hier die Gesundheitspflege, dort das Staatsgesetz, dort die Moral, dort die Philosophie, dort die Religion! Jedes hat seine besondere Zeit und seinen besonderen Platz — oder auch Plätzchen. Eins hat mit dem anderen nichts zil thnn. Da kann einer als Philosoph Gort und Seele und alles Nebersinnliche leugnen und dennoch der Religion seine Reverenz machen und eifrig Kirchen und Synagogen besuchen; da kann ein anderer als Frommer bekannt und berühmt sein, als Zaddik und Chosid, und dennoch bedenklich mit der Moral und dem Staatsgesetze selbst ans gespanntem Fuße leben. So gährt eine riesige Kluft in unserem modernen Leben, die Einheit des Lebens ist zerstückelt, auseinandergerissen, und Zerrissenheit, äußere wie innere Zerrissenheit, ist die Folge dieser Lebensteilung. Freilich ist diese Zerstückelung des Lebens nicht nur modern; sie ist vielmehr eine Erbschaft des Altertums. Bei den alten Völkern, bei Griechen und Römern hat diese Zerrissenheit ihren Ausgangspunkt genommen. Da gab es eine besondere Moral, die mit der Religion nichts jit thnn hatte, die tausendmal edler war als die Religion. Ta gab es eine Philosophie, die mit der Religion nichts 31t thnn hatte, die tausendmal weiser war als die Religion. Da gab es ein Recht, ein Staatsgesetz, das mit der Philosophie nichts zu thnn hatte, das einen Sokrates zum Schirlingsbecher vernrteilte, weil er den Glauben an die alten Heidengötter erschütterte. Wie das alte Heidentum in der Religion die Vielgötterei schuf und die Einheit nicht kannte, so kannte es auch im Leben keine Einheit, so schuf es jene Lebenszerstückelnng, jene Zerrissenheit, an der die moderne Welt noch heute krankt. Ganz anders das Judentum. Das Judentum der Thora und des Talmud und der Rabbinen kennt diese Einteilung des Lebens in Fächer und Rubriken nicht. Die Thora ist gar kein Religionsbnch, sondern ein Lebensbuch, und sie könnte das Wort jenes alten Dichters als Motto an ihrer Stirne tragen: „Nichts Menschliches liegt mir fern." re Ntcr re "zm re "?r Drehe und wende sie ltm, denn alles ist in ihr enthalten — alles: Moral und Religion, Gesetz und Recht, Philosophie und Geschichte, Heilkunde, Ge- .*) Gehalten am vorigen Sabbat, an welchem die Schriftabschnitte Thasria und Mezora verlesen wurden Red.