Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 300 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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MM ‘ay 1!: ■ .v!k - :■ I Seite 300. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. antisemitischen Renkontre gekommen zn sein, das mit dem Austritte der sämtlichen christlichen Frauen aus der Ortsgruppe seinen vorläufigen Abschluß fand. Also geschehen im liberalen Saaz. Darf man sich da wundern, wenn in den nationalen Wetterwinkeln der Boykott gegen die „deutschfreundlichen Israeliten" im Schnlverein mit größter Rücksichtslosigkeit geführt wird? — Der Antisemitismus in Frankreich macht Fortschritte. Tie rastlosen und durch reiche Geldmittel unterstützten antijüdischen Agitationen sind nicht ohne Erfolg geblieben. Wer die Drahtzieher des französischen Antisemitismus sind, ist glücklicherweise allen bekannt. So wird eben jetzt ein sehr interessanter Brief mitgeteilt, den der Redakteur Aubey von der „France-, die seinerzeit die Namen der „104 Panamaleute" zusammenlog, an Dr. Favre geschrieben hat. Aubey schreibt: „Die „Francewird in nächster Zeit wieder eingerichtet werden. Wir wollen gründlich den großen antisemitischen, antienglischen und muhammedanischen Feldzug führen. Glauben Sie, daß M. de Mores mit uns marschieren wird? Sollte es der Fall sein, so fragen Sie ihn, bitte, um Rat und überrumpeln gewissermaßen im Notfall seine Entscheidung, wenn er noch schwankt. Wir wollen unbedingt marschieren, ohne daß uns etwas hindern sott, bis wir unser Ziel erreich: haben. Ich sehe ein, daß man unverzüglich zur Hilfe kommen muß, und bemerke noch, daß wir hinreichende Kapitalien zn: Verfügung haben, so daß wir nichts zu fürchten brauchen." —. Erheuchelter Patriotismus und hinreichende Kapitalien —. unsere Glaubensgenossen in Frankreich werden ans der Hut sein müssen. — Tod eines judenfreundlichen Domherrn. Ans London wird uns geschrieben: Vor einigen Tagen verschied hier ein christlicher Geistlicher, dessen Verlust nicht nur von seinen Pfarrkindern beklagt wird, sondern auch von einem weiten Kreise von Freunden und Bewunderern, unter welchen sich mehrere Mitglieder unserer eigenen Religionsgemeinschaft befanden. Der Rev. Robert Charles Jenkins, Pfarrer von Syminge und Domherr der Canterbury-Domkirche, der das hohe Alter von 81 Jahren erreichte, war wohl bewandert in der Glaubenslehre und in alten Kirchenbüchern. Seine Hauptwerke sind „Das Leben des Kardinals Julian" und die „Tiözesen-Geschichte von Canterbury". Er war auch ein fleißiger Student der hebräischen Sprache. Dankbaren Herzens sprach er oft von den Anregungen, die er in dem Unterrichte des Pros. Heymann Hnrwitz empfangen, und im Laufe seiner Studien der heiligen Schrift hatte er nicht selten den seligen Oberrabbiner zum Führer und Interpreten. Die so begonnene Bekanntschaft führte zn einem starken Freundschaftsbande zwischen dem Domherrn und dem jetzigen Oberrabbiner. So oft Dr. Adler nach Folkestone kam, sprach er in der Syminge- Pfarre vor. Als 1876 ein bigottes Kirchenlicht, der Rev. Collder, das mosaische Gesetz herabsetzte und lächerlich zu machen suchte, veröffentlichte der Domherr Jenkins eine Flugschrift, in welcher er zeigte, wie thöricht es ist, das Christentum auf Kosteir des alten Testaments erheben zu wollen, und er unterstützte seine Beweisführung durch zahlreiche Citate ans den Kirchenvätern, mit deren Schriften er sehr vertraut war. Die Verfolgungen der Juden in Rußland sachten seine glühellde Entrüstung all, und er veröffentlichte tu der ..Jewish C'hronicle1- Briefe und Verse, aus welchen eine rührende Sympathie mit den Leidenden sprach. Die Freundschaft zwischen dem Domherrn Jenkins und dem Oberrabbiner Dr. Adler findet manche erfreuliche "Analogie in der jüdischen Geschichte. Die deutschen Hllmanistell verdankten ihre gründliche Kenntnis des Hebräischen dem Unterrichte gelehrter Juden. Reuchlin, der erste Christ, der eine hebräische Sprachlehre verfaßte, war ein Zögling des jüdischen Arztes und Rabbis Obadjah Sforno, der einen volkstümlichen Kommentar zum Pentateuch schrieb. Der Kardinal Egidio de Viterbo studierte hebräische Sprachlehre und Kabbala unter Elia Lewitas. Ein solcher Verkehr und Gedankenaustallsch muß einen heilsamen und bildenden Einfluß allsüben. - Die hebräische Sprache wird modern - in London. Es ist die englisch-jüdische Damenwelt, die sich dem Studium der Sprache unserer Propheten widmet; und wenn englische Damen studieren, so schaut etwas dabei heraus! England hat Schriftstellerinnen wie Elisabeth Barett Browning, George Elliot, Mrs. Humphrey Ward auszuweisen, deren Gelehrsamkeit sich nicht auf Buchstabenklauberei beschränkte, sondern dazu diente, Kunstwerke ersten Ranges zu schaffen. In gleicher Weise scheinen die hebräischen Studien der jüdischen Damen in London die herrlichsten Früchte zu versprechen. Die „Jewish C'hronicleu bringt in ihrer vorletzten Nummer eine Nebersetzung des „JigdaF von Florenee Ahronsberg, die volltönig und doch knapp, dem dogmatischen Inhalt entsprechend, das Orginal vortrefflich reflektiert. Aber Florenee Ahronsberg ist nicht die einzige Dame, die genug Hebräisch weiß, um sich an eine Nebersetzung mittelalterlichen Poesie zu wagen. Frau Henry Lueas hat mehrere Gedichte von Jehuda Halevi llnd Jbn Giat in meisterhafter Weise ins Englische übersetzt, und Miß Nina hat soeben ein Klagelied von Meir Rothenburg für die „Jüdische Vierteljahrschrift" übertragen. Eine Miß Elsie Davies hat sogar einen Auffatz „lieber die Frau im Midrasch" zustande gebracht, in welchem sie zahlreiche Midraschstellen in englischer Nebersetzung zitiert. — Der Fickzackkurs in Rußland wird von den maßgebenden Kreisen noch immer inne gehalten. Trotzdem Volk und Gesellschaft ihre Nnzufriedenheit mit der gegen die Juden gerichteten Regierungspolitik lauten Ausdruck geben, bewegt sich diese dennoch in ihrem alten Geleise, und es hat sogar den Anschein, als ob die Machthaber der Gegenwart besonderen Eifer entwickeln würden, um ja nicht den unter Alerander III. herrschenden Idealen untreu zu werden. Man benützt jeden unbedeutenden Anlaß, um neue Beschränkuugen gegeu die Juden zu schaffen, llnd auffallend ist es, daß die Judenverfolgungen zu einer und derselben Zeit in den entgegengesetzten Richtungen des Reiches eingeleitet wurden. Aus Kiew und Warschau, aus Kowno und Tschernigow, ans Cherson und Rostow am Don liegen Berichte vor, die deutlich dafür sprechen, daß die Hoffnungen, welche die Optimisten aus den Regierungswechsel im Zarenreiche setzten, durchaus trügerisch waren. Herr Pobedonoszew, der Oberproknror des heiligen Synod, dessen Stern nach dem Tode Aleranders lll. zu versinken schien, hat leider seinen Einfluß auf die innere Politik des Reiches nicht im geringsten eingebüßt. Sein *