Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 17 (24.4.1896)
- Date
- 1896-04-24
- Page
- Seite 298 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 298. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. und Waschlapski, zusamnienthun und einen litterarischenKonvent gründen, mit einem Mal sich ansblasen, zuerst andere und dann sich selbst belügen, aller Welt auf dem Wege der widerlichen Reklame kundgeben: sie wollen das verödete Judentum neu beleben, sie wollen die verloren gegangene jüdische Wissenschaft fördern, sie werden dem Judentum neue Gedanken zusühren, und die Führung unseres Stammes an sich reißen. Wenn man ferner sieht, daß viele Arglose aus diesen Lein, gehen und einige ehrgeizige Protzen diese „Bewegung" reichlich mit Geld unterstützen und gar selbst Vorträge halten; wenn schließlich selbst unsere Rabbiner freiwillig abdizieren und ihre vornehmste Pflicht, die Gemeinde zu belehren, auf einige dreiste Wortmacher abwälzen, welche ihren Beruf, mit alten Kleidern zu handeln, verfehlt haben: dann wird die Sache zum öffentlichen Aergernis, dann ist es die Pflicht eines jeden wahrheitsliebenden Mannes, dagegen seine Stimme zu erheben. Gewiß ist dies unserer nicht würdig und wir könnten Besseres thun, als auf die Wanzenjagd zu gehen. Aber wenn das fernere Verweilen in unserem Hanse vor so vielen Wanzen unmöglich gemacht wird, dann ist auch das Amt eines Kammerjägers ein verdienstvolles. Es wäre sehr traurig, wenn unsere Liebe zu unserem Stamme da Halt machen sollte, weil wir uns für vornehm hielten. Wer sind die Männer, welche sich der Führung unseres Geisteslebens bemächtigt haben? Ich griff ja nur den einen heraus, weil er mir gerade in den Wurf kam. Gemeint sind sie sämtlich, die Hausierer mit der jüdischen Wissenschaft. Da sind Männer, welche keine Zeile je von Manaffe ben Israel gelesen, ja auch nur lesen können: ihr ganzes Wissen schöpfen sie von Grätz und, um nur die Zeit auszufüllen, operieren sie mit Phrasen und Ueberschwänglichkeiten; das wollte ich geißeln. Die guten Königsberger meinen, ich hätte ihnen Unrecht gethau; jener Vortrag sei unentgeltlich gehalten worden. Run, da hin ich wirklich im Unrecht/ Ich habe vor etwa fünfzehn Jahren in der „Stadt der reinen Vernunft" längere Zeit gelebt. Die Straßen waren damals zum Erbarmen schmutzig, aber unter der Bürgerschaft, der jüdischen wie der christlichen, herrschte ein seiner, gebildeter Ton. Man hätte zu jener Zeit das litterarische Bedürfnis keineswegs in irgend einem Ramschbazar gedeckt, weites da ein wenig billiger sei. Es wurde angedeutet, ich thäte besser, selbst etwas zu schreiben, anstatt an den mißlichen Erscheinungen Kritik zu üben. Richtig ■— etwas zu schreiben. Ja, aber für wen denn? Die Wertheime und Lubasche unserer Litteratur lassen ja keine ernste Arbeit anskommen. Schleuderpreise und schlechte Ware, das ist die Losung. Krapülinski und Waschlapski beherrschen den litterarischen Markt und das Publikum läßt sich täuschen. Ich muß da eifi köstliches Geschichtchen aus eigener Erfahrung zum Besten geben. Vor Jahren verlief ich mich einmal in den Litteraturverein, wo ich einen Vortrag hielt. Es geschah dies in freier Rede und ich kann mich nicht aller Einzelheiten erinnern;'wohl aber entsinne ich mich, daß ich des ergreifenden liturgischen Gedichtes, des im Leoninischen Metrum (mischqal abAsi) gehaltenen nr?“b p-T ^>2' P> erwähnte nnd auf die schwache Nachahmung desselben von Maimonides hinwies. 'Rach Beendigung des Vortrages wurde eine Diskussion eröffnet imb ich wurde gefragt, ob ich noch andere poetische Erzeugnisse von Maimonides kenne. Auf meine Bemerkung, daß ich mich nur noch eines anderen liturgischen Stückes von demselben Gelehrten erinnere, das aber poetisch nicht wertvoller ist, wurde ich vom Vorstandstisch rektifiziert : „Wir hätten ja von Maimonides das “‘praN-" (Einleitung zur Aboda am Versöhnungstag nach dem deutschen Ritus). — Tableau! Ich schließe vorläufig. Rur noch eine persönliche Bemerkung : Von verschiedenen Seiten habe ich mündlich und schriftlich Zustimmungen erhalten; in fast rührender Weise wurde mir der Dank für mein Auftreten ausgesprochen. Das schmerzte mich sehr. Ist es denn schon so weit mit uns gekommen, daß ein mutiges Wort solches Aussehen erregt? Die Anfragen, wann denn mein satirisches Lustspiel über den Litteraturvereins-Rummel erscheinen werde, auf das man so gespannt sei, beantworte ich dahin, daß die Arbeit nur langsam vorwärts kommt. Ta mein Lustspiel keineswegs für ein Berliner Theater bestimmt ist, so darf es nicht allzu schlecht sein, und gute Arbeit will Weile haben. N) ochen - (Lhronik. Berlin, den 22. April. — An die Repräsentanz der Berliner Gemeinde sind die folgenden Zeilen gerichtet. Möge der Umstand, daß sie den Weg durch die Redaktion unseres Blattes gewählt, ihrem Inhalt keinen Eintrag thun; sie sind der Beachtung weiterer Kreise und der Berücksichtigung seitens der Gemeindevertretung wert. Und nun mögen die Zeilen für sich selbst sprechen. Sie lauten: 'Nachdem die neue Repräsentanten-Versammlung seit einigen Monaten ihre Thätigkeit ausgenommen und sich bereits mit Fragen mannigfacher Art beschäftigt hat, ist es wohl an der Zeit, sie auf einen Mißstand der inneren Verwaltung aufmerksam zu machen, mit dem sich zu befassen sicher eine dankenswerte Aufgabe ist. Wir meinen die Frage: in welcher Weise sind die Anstellungs- und Besoldungsverhältnisse der Bureau-Beamten der Gemeinde geregelt? Man wird da aus ganz sonderbare Verhältnisse stoßen. Ueberall, in Staat und Kommune, machen sich seitens der Angestellten seit langem Bestrebungen nach Einführung eines Normalbesoldungsetats und Altersstufengesctzes geltend, und hat es sich die unabhängige Presse stets angelegen sein lassen, diese berechtigten Forderungen zu unterstützeu. Für die Bureau-Beamten der jüdischen Gemeinde bestehen bisher nach gedachter Richtung hin keinerlei Normativ-Bestimmungen, und es ist daher notwendig, daß hier einmal gründlich Wandel geschaffen werde. Das „Gleiche Recht für Alle" gilt wohl aus keinem Gebiete mehr, als auf diesem; trotzdem hat die Gemeinde - Verwaltung bisher weder für Anstellung, Besoldung, noch Pensionsberechtigung der Burean-Beamten irgend welche 'Normen geschaffen. Das Wohlwollen spielt in dieser Angelegenheit eine gewaltige Rolle, und Wohlwollen und Willkür sind leider nur gar zu oft gleichbedeutend. Beamte gleicher Kategorie werden mit völlig ungleichen Gehältern angestellt: für die Steigerung der Gehälter, sowie für den Eintritt der Pensionsberechtigung besteht kein Gesetz, ebensowenig besteht ein solches, nach welcher