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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-24 · 17 (24.4.1896) · p. Seite 294

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
17 (24.4.1896)
Date
1896-04-24
Page
Seite 294 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2‘14. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 17. Baron Hirsch hinterließ keine Nachkommen, da sein einziger Sohn vor Jahren aus dem Leben geschieden ist. In den vornehmen, aristokratischen und fürstlichen Kreisen war der Verstorbene ein gern gesehener Gast. Er unterhielt einen berühlnten Rennstall, dessen Pferde aber nur für wohlthätige Zwecke liefen. Wie er über sein großes Vermögen verfügt hat, wissen wir zur Stunde noch nicht. Seine Wohlthaten, die jedenfalls gut gemeint waren, verdienen gewiß unsere volle Anerkennung. Rur das Eine muß doch gesagt werden: er war nicht der Typus eines jüdischen Wohlthäters. Wie anders erscheint doch der edle Sir Moses Montestore, der vor allem stets Jude war und sich immer und überall als solcher gab! Hoffentlich ist die Zukunft der wohlthätigen Stiftungen, die Baron Hirsch ins Leben gerufen, gesichert; vielleicht tritt sogar nach dem Ableben des Stifters eine Aenderung in deren Verwaltung ein, was viel zu deren nützlichen Frnktifiziernng beitragen würde. Dem Andenken des hochherzigen Stifters mögen sie zum Segen gereichen! Eint Ealmiidiiderschiing. In einer seiner berühmten Reden über den Talmud verglich der unvergessene Meister Jellinek das Los Israels mit dem Lose jenes Werkes, das dieses Volk gezeugt hat. Gehaßt von denen, die es nicht kennen, verkannt von anderen, die es nicht verstehen; in den Himmel gepriesen von dem Freunde, in den Abgrund geschmäht von dem Feinde — das ist das Los Israels, das ist das Los des Talmuds. Und weil die Kenntnis beider, das Verständnis für beide, nicht mit dem Geiste, sondern mit dem Herzen erlangt, nicht erdacht, sondern empfunden sein wollen, darum finden sie so selten objektive Interpreten und kompetente Beurteiler; darum bleibt ihr wahrer Wert, bleibt der Wert ihrer Wahrheit weiten Kreisen unzngänglich. Beide leiden unter dem beklagenswerten Geschicke, daß meist unberufene Geister — deren Zahl „unberufen" nicht gering ist — an ihr Studium, an ihre Interpretation sich hinanwagen, und daß die Interpreten, zu leicht, um in die Tiefe zu dringen, an der Oberfläche hasten bleiben. Doch nein, ich will ehrlich gestehen, daß ich Jellinek nicht genau citiert, daß, ehe ich diese Zeilen niedergeschrieben, ich ihn nicht einmal nachgelesen habe. Wozu auch diese lächerliche Gewissenhaftigkeit; wozu erst die anderthalb Schritte vom Schreibtisch znm Bücherschrank! Habe ich doch hellte erfahren, daß lnan über den Talmud schreiben darf, ohne je den Teckel eines Talmudfolianten gesehen zu haben, warum sollte ich nicht Jellinek citieren dürfen, dessen Ausführungen ich nur vergessen habe! - Ein Herr Lazarus Goldschmidt will dem brünstigen Begehren unserer Feinde und dem ehrlichen Verlangen vieler Glaubensgenossen nachgeben und den ganzen Babylonischen Talmud ins Deutsche übersetzen. Eine Lieferung ist bereits erschienen; neunundsiebzig sollen noch folgen. Die erste Lieferung ist gut ausgestattet, besser als ein Talmudexemplar je ausgestattet gewesen. Davon haben wir uns überzeugt. Allch der Inhalt soll — im Krämerjargon gesprochen — alles Dagewesene übertresfen. Das haben wir zwei Mal Schwarz aus Weiß gelesen. Das erste Mal in der russischen „Krenzzeitung", die sich in der Sprache des Landes „Nowoje Wremja" nennt. Die Kritik in diesenl Blatte ivird auch linseren Lesern maßgebend erscheinen, wenn wir ihnen verraten, was wir erraten haben, nämlich, daß sie keinen Geringern zilm Verfasser hat, als — Fräulein Elsa v. Schab elsky. Das zweite Urteil über die Talmudübersetznng Goldschmidts gab dieser Tage eine in nümuäicis nicht minder maßgebende Persönlichkeit, Maximilian Harden, in der „Zukunft" ab. Der Talmudkritiker Harden schreibt über den Talmudforscher Goldschmidt: „Ein dunkler, nur von irren Flämmchen bisher erhellter Winkel der Geisteswelt soll den Blicken des Abendlandes endlich nun entdeckt werden: der Talmud von Babylon erscheint deutsch in Lieferungen bei S. Calvary & Co. in Berlin. Tie erste Lieferung ist schon erschienen und der Laie, der den Wert der Uebersetzung freilich nicht kontrolieren kann, darf doch anerkennen, daß er eine offenbar nicht verstümmelte, mit wissenschaftlicher Objektivität besorgte Ausgabe vor sich hat. Der hebräische und der deutsche Text sind einander gegenübergestellt, die von der jüdischen und christlichen Zenftlr beseitigten Teile sind wieder ausgenommen und die technische Ausstattung läßt keinen Wunsch nach Klarheit und Uebersichtlichkeit unbefriedigt. Wir werden also in ein paar Jahren — denn das Werk wird ungefähr achtzig Lieferungen umfassen — eine vollständige und unparteiische deutsche Ausgabe des babylonischen Talmuds haben, wenn dem Herausgeber nicht, wie seinen Vorgängern, bei der unsäglich mühsamen Arbeit die Kraft erlahmt. Er heißt Lazarus Goldschmidt, ist ein russischer Jude und hat bis zu seinem achtzehnten Lebensjahre nichts anderes gekannt als die Sprache und den Gedankenkreis der Talinudwelt, die noch heute den östlichen, abgeschlossen lebenden Inden die einzige Zerstreuung und den einzigen Anlaß zu spitzfindigen Forschungen bietet. Ter junge Herr Goldschmidt mag von dem abendländischen Gezänk über den Talmud gehört haben; er hat sich ans Rußland aufgemacht, ist zu Fuß nach Berlin gekommen, hat hier, wo deutsche Gelehrte ihn freundlich unterstützten, mit zähem Eifer die deutsche Sprache gelernt, seine Studien fortgesetzt und, oft genug wohl hungernd und frierend, nicht eher geruht, als bis er für das Werk seiner Träume einen Verleger gesunden hatte. Jetzt sitzt er in Charlottenburg, arbeitet täglich seine fünfzehn Stunden und will, je nachdem es die einzelnen Bände des Talmuds verlangen, nach der Theologie auch noch die alte Philosophie, Jurisprudenz und 'Astronomie studieren. Ein bischen Ehrgeiz, den man, minder wohlwollend, ja auct) Eitelkeit nennen kann, ist dabei gewiß im Spiel; jedenfalls aber gehört Herr Goldschmidt zu den besonderen Söhnen Sems, die, wie Marx, eine außerordentliche Geringschätzung irdischer Güter mit einem scharfen, bohrsüchtigen Verstand und mit zähestem Fleiß verbinden. Und ein solcher Mensch, ein auf der Sonnenseite des jüdischen Geistes gezeugter, war nötig, um uns das Werk zugänglich zu machen, das in der Zurückgezogenheit, in dem vergeistigten, zwischen der Familie und der Synagoge sich abspielenden Leben der Judenheit einst entstand. Eine düstere Welt (!) wird sich unseren Blicken da anfthnn, ein lastendes (?) Gebäude, das, nach Renans Wort, aus Pedanterie, kläglicher Kasuistik und religiösem Formalisi

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