Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-17 · 16 (17.4.1896) · p. Seite 286

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
16 (17.4.1896)
Date
1896-04-17
Page
Seite 286 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9610012--1346-9610022
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 286. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. strotzenden Bettlerburschen, ungern genug gereicht wurde, durchaus nicht als Almosen zu betrachten gewillt war, sondern als eine ihm, kraft ehrlich erworbenen Rechtes, gebührende Steuer — als eine Steuer, die er unter allen Umständen von den säumigen oder unwirschen Zahlern einzutreiben suchte, sei es durch List, sei es durch freundliches Zureden, hauptsächlich aber dadurch, daß er nicht eher vom Platze wich, als bis ihm das Seine geworden. Mit dem Rechte aber, auf welches er sich immer und innner berief, hatte es eine eigene Bewandtnis. Mehrere Jahre hindurch war Peeritz, dessen Familienname niemals bekannt geworden ist, der Begleiter eines blinden Bettelmusikanten namens Reb Jomin gewesen, eines alten Mannes, der weniger wegen der paar polnisch - jüdischen Gesangsweisen, welche er ans der Violine hernnterkratzen konnte, als wegen seines schlagfertigen Witzes und eines unerschöpflichen Vorrates an alten Schwänken sich eines gewissen Rufes und einer gewissen Beliebtheit erfreute. Als dessen Führer hatte Peeritz bettelnd das Land durchzogen, von Krakau ans gen Schlesien über Tziadow, Trillichan und Biala; von hier ans wieder aus anderen, weit ausgedehnteren Wegen, welche selbst einige nördliche Komitate Uugarns berührten, nach dem Ausgangsorte zurück; als dessen Schüler hatte er — bis auf das Geigenspiel, für welches seine Hand sich als zu schwerfällig erwies — alle Meisterschaftsgriffe und Kniffe seiner freien Kunst erlernt, die in späteren Tagen ihn und seine Familie — rvenigstens behauptete er, alljährlich Zuwachs erhalten zu haben — nähren und erhalten sollte. Und wenn Reb Jomin, in das Haus eines Drillichauer Glaubensgenossen - sie tragen seit jeher deutsche Tracht oder in das Gewölbe eines Krämers tretend, mit seiner heiseren, singenden Stimme lustig ausgerufen hatte: „Hei, Hausherr, Reb Jomin ist da! Soll er Eins aufspielen, was?" so ahmte dies Peeritz, als er das erste mal allein ins Städtchen kam, insofern nach, als er mit einem Lächeln, welches sein ganzes, von rötlichem Bartstaum umrahmtes Gesicht in die Breite zog, halb frech, halb verlegen hervorftotterte: „Lieber Herr — Reb Jomins Eidam ist da." „9hm, und was wollt Ihr?" fragte man ihn in jedem Hause höchlichst verwundert. „Lieber Herr — ich bin Reb Jomins Eidam," antwortete er, noch breiter lächelnd, mit einem gewissen Nachdruck. „Viel Glück," sagte darauf der Hausherr, der mit seiner Arbeit beschäftigt sein mochte, lachend. „Ihr habt also Jomins Tochter geheiratet?" „Ja Herr, die jüngste, die Riwka." „Also Töchter hat er auch gehabt, der alte Spaßvogel — seht einmal —" „Warum soll er keine Töchter gehabt haben, Herr, wenn er drei Weiber gehabt hat? Er hat sieben Töchter gehabt." „Gerechter Gott, sieben Töchter, und alle hat er angebracht?" „Reb Jomin wird seine Töchter nicht anbringen?" erwiderte Peeritz, wie voller Mitleid für die Unwissenheit des Fragers. „Und Söhne?" „Söhne hat er nicht gehabt, aber vielleicht wird er mit der vierten Frau . . . ." „Ah, er hat wieder geheiratet, der Jomiu?" „Wie heißt, geheiratet? Er hat sich dreimal geschieden und viermal geheiratet, und wenn ihm Gott keinen Sohn schenkt, aber das Leben und die Gesundheit erhält, wird er sich noch einmal scheiden und noch einmal verheiraten." „Ihr spaßt, Peeritz." „Ich spaß', ich spaß'," wiederholte Peeritz ärgerlich; „was ist da zn spaßen?" „llnd habt Ihr Nedan*) bekommen? fragte nun, nachdem er zur Genüge gelacht, der Hausherr." „Freilich habe ich eine bekommen, Herr." Peeritz' Gesicht verzog sich wieder zn einem merkwürdig einfältigen Lächeln. „Was für eine?" „Rn — Trillichan hat er mir gegeben," sagte Peeritz mit einem unzufriedenen Brummen. „Was der Teufel! Trillichan?" wurde erstaunt gerufen. „Ich Hab' Euch ja gesagt, ich bin Reb Jomins Eidam, und jetzt möchte ich Das, was mein Schwäher immer gekriegt hat, lieber Herr." Für den gelungenen Scherz gab mau ihm das Vierkreuzer- Stück; denn in Trillichan hat man seit jeher gern gelacht und sogar dafür bezahlt, wenn es gerade sein mußte. Aber niemand zweifelte daran, daß Peeritz ein Hanptspaßvogel sei und den alten Witz anfgesrischt habe, um sich gleich das erste Mal vorteilhaft einznführen. Etliche Monate hindurch wirkte dies noch einigermaßen. Die Drillichauer verstanden eben Spaß und machten sich ein Vergnügen daraus, Peeritz jenen Respekt zn erweisen, der ihm, als einem Manne, der Trillichan als Nedan bekommen, gebührte. Tie Würde, mit welcher der kaum dreiundzwanzigjährige Bursche diese scherzhaft gemeinten Huldigungen entgegennahm, sein verständnisinniges Augenblinzeln, sein Ernst, seine tiefe Versunkenheit beim Essen — man räumte ihm einen Platz am unteren Ende des Tisches ein, während sich andere Bettler mit der Bank in der Küche begnügen mußten — sein erstaunlicher Appetit und die Art, wie er große Speisenstücke mit der größten Leichtigkeit verschwinden ließ, seine derben, oft witzigen Bemerkungen, — dies alles wurde ihnen eine Quelle steter Belustigung. Aber schon im Lause der nächsten Monate verloren diese Dinge an Reiz, umsomehr, als Peeritz, die Zeit seines Beliebtseins ausnützend, am Freitag einer jeden Woche im Städtlein anlangte, um seinen einträglichen Rundgang zu machen und sich für den Sabbat zn Tische laden zu lassen. Man begann bereits mit den Almosen etwas sparsamer zu werden, und einer — Herr Jakob Hirsch Bandmacher — machte den Anfang, Peeritz statt der bisher üblichen vier Kreuzer nur einen zu geben, und auch diesen nur zögernd und mit bedenklicher Miene. „9iu — u — u?" brummte der junge Bettler tief verletzt, indem er die Geldmünze unberührt liegen ließ. Hierauf sah er Herrn Bandmacher eine Weile forschend und erwartungsvoll ins Gesicht. — „Ich nehm' keinen Kreuzer, lieber Herr," sagte er im Tone milder Zurechtweisung. *) Mitgift.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.