Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 284 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 284. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 16. Sämereien 4073 Hektar. Die Gesellschaft kann aber noch einer großen Anzahl von Kolonieen Ackerland anweisen, da sie im Besitze von 189023 Hektar ist, von denen bis jetzt erst '■ 20000 Hektar in Benutzung sind, und sie außerdem noch über die Mittel zu weiterem Grunderwerb verfügt. Schulen sind in allen Kolonieen ins Leben gerufen worden, und einzelne von ihnen sind gut besucht; diejenige von Mauricio, auf gemeinsame Kosten der Gesellschaft und der jüdischen Alliance eingerichtet, war im Monat August vergangenen Jahres von 100 bis 110 Kindern besucht, diejenige von Clara hatte 109 Zöglinge, 57 Knaben und 52 Mädchen. Ohne Zweifel giebt es bei den neuen Ankömmlingen Unkraut genug unter dem Weizen, und die Verwalter haben es oft mit Elementen zu thun, mit denen ganz und gar nichts anzufangen ist; aber sie rechnen damit, daß diese Nichtsnutze höchstens 5—10 pCt. ausmachen und die übrigen tüchtige Arbeiter sind oder es wenigstens werden können. — Jüdische Einwanderer in London. Die Londoner Zeitschrift Hospital schreibt: In den letzten Jahren hat sich eine enorme Einwanderung russischer und polnischer Juden in das Ostende Londons ergossen. Ein Fünftel der Bevölkerung Whitechapels besteht aus solchen Juden, die alle in den letzten zehn Jahren nach England herübergekommen sind. Alte Leute über 50 Jahre bleiben gewöhnlich daheim und ertragen lieber ihr Schicksal, als daß sie auf neue Abenteuer sich einlassen. Männer und Frauen zwischen 20 und 40 Jahren riskieren das Experiment und versuchen ihre Lebenslage in einem anderen Lande zu verbessern. Diese jungen Männer und Frauen bringen manchmal junge Kinder mit sich oder bekommen Kinder in den ersten Jahren ihres Aufenthaltes in der Fremde. Aus solchen Leuten ist die jüdische Kolonie im Ostende Londons zumeist zusammengesetzt, und es giebt deshalb mehr Kinder im Verhältnis zu den Erwachsenen unter ihnen, als in anderen Teilen Londons. Frühes Heiraten, und manchmal sehr unvorsichtiges, ist auch etwas Gewöhnliches bei den Inden Ost- Londons. Gewöhnlich ist die Armut da, und wenn das erste .Kind geboren wird, muß schon gleich die Hilfe der Wohlthätigkeitsanstalten in Anspruch genommen werden. Die Geburtsrate beträgt in Whitechapel, wo die meisten ausländischen Juden sich zusammenfinden, 40,9 für das Tausend der Bevölkerung, während sie für London im allgemeinen nur 31 beträgt. Wo es viele Kinder giebt, wird es auch stets eine große Kindersterblichkeit geben. Aber selbst davon abgesehen, ist die Sterblichkeit der jüdischen Kinder, ehe sie zehn Jahre alt geworden sind, erschrecklich. Man darf sich nicht darüber wundern, wenn man sich klar macht, daß alle Uebel der Armut in gesteigertem Grade sich in den Häusern dieser Einwanderer befinden. Diese ausländischen Juden sind meistens entsetzlich arm. Ihre Arbeit wird sehr schlecht bezahlt und sie arbeiten unter den ungesundesten Verhältnissen. Ihre Wohnung ist zugleich die Werkstätte. Tie Kinder wachsen auf in einem dichtgedrängten und schlecht ventilierten Zimmer. Die Durchschnittsrate der Kindersterblichkeit im ganzen Lande beträgt 25 Prozent, unter den Inden aber beträgt sie 60 Prozent und unter den ganz armen Juden steigert sie sich sogar aus 80 Prozent. Erschreckt über diesen Zustand der Dinge hat die Londoner jüdische Gemeinde eine Untersuchung angeordnet. Sie ergab, daß gesundheitswidrige Verhältnisse und ungeeignete, ungenügende Nahrung den Grund der furchtbaren Kindersterblichkeit bilden. Das Heilmittel liegt natürlich nur in der Hebung der Lebenshaltung. Das ist nun leicht gesagt, aber sehr schwer durchgeführt. Feuilleton. Die Inden als Kolanilten. Aus die Frage, warum sich die Juden besonders zu Kolonisten eignen, giebt ein Leitartikel der „Jewish Chroniclesehr treffende und ausführliche Antwort: Die Juden besitzen wenigstens drei der wichtigsten Eigenschaften, welche sie befähigen, tüchtige Kolonisten zu werden. 1. Sie akklimatisieren sich leicht, 2. sie besitzen Sprachenkenntnis und 3. Geschäftsgeist. Wir dürfen noch hinzusügen, daß sie auch über unüberivindliche Ausdauer verfügen, ohne welche jedes kolonisatorische Bestreben seinen Zweck verfehlt. Unter den Ansiedlern in neuen Ländern befinden sich gewöhnlich Juden, auch dort, wo die Gefahren des Daseins so nahe liegen als die Aussichten aus Gewinn. Die im amerikanisch-jüdischen historischen Verein gesammelten Akten machen uns mit den "Namen vieler Juden bekannt, welche schon den atlantischen Ocean durchkreuzten, bevor das Reisen noch zu den Annehmlichkeiten gehörte, von Inden, welche plötzlich austauchten, um im Innern des Landes Städte gründen gn Helsen, welche heute als Sterne erster Größe glänzen unter dem Banner der Vereinigten Staaten. Wie weit zurück in die dunkle und entlegene Vergangenheit die Ansiedlungs-Energie der Juden zu datieren sei, läßt sich unmöglich seststellen. Sowohl die klare Sprache der Bibel als auch die unklaren Andeutungen einer weniger zuverlässigen Volkstradition haben die alten Hebräer schon mit England und einigen seiner Kolonien in Verbindung gebracht. Herr Rider H aggard überraschte eine prosaische Nation mit einer uralten Dichtung ans Süd - Afrika, in welcher schauderhafte Sagen und bezaubernde Träume von unermeßlichen Reichtümern sich um „König Salomos Goldminen" gruppierten. "Andere, außer blos englischen Israeliten haben an der Küste von Cornwallis Ueberreste einer alten jüdischen Kolonie entdeckt, die etwa aus der Zeit herrühren mag, als die Schiffe von Tarschisch nach Ophir segelten, falls diese beiden Orte nicht identisch sein sollten, und fabelhafte Schätze ans dem blühenden Osten nach Judäa zurückbrachten. Es ist ganz gewiß, daß in den Golddistrikten Ost-Afrikas heute noch Spuren uralter Bergwerke zu entdecken sind, welche jüdische Unternehmer schon lange vor der Zeit der Syndikate und Bergwerks-Aktiengesellschaften dorthin gelockt haben mögen. Ob dieses nun wirklich der Fall war oder nicht, Judäa, selbst eine von eingewanderten Juden gegründete Kolonie, sandte seine Sprößlinge aus lange vor der Diaspora. An allen Feldzügen der Nachfolger Alexanders des Großen haben Juden teilgenommen und in den vom Mittelländischen Meere aus iu Kleinasien zerstreuten Kolonien, in Antiochien soivohl als in Alexandrien gründeten Inden hlühende Handels- und