Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 16 (17.4.1896)
- Date
- 1896-04-17
- Page
- Seite 283 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 288. lamiten - aus der ander« fünf Millionen Hebräer. Ein jeder kennt den Ingrimm, womit man sie ausznrotten trachtete, den lebten Keim jenes unüberwindbaren Stammes Jakob mit Füllen *it treten, anszulöschen. Wer hat am Ende gesiegt? Gesiegt haben die fünf gegen die vierhundertsechszig." — Jbri Anochi, Königsberg O.-Pr. Die Antisemiten in Wien gedenken am 18. d. M. bei der Bürgermeisterwahl „vereint zn schlagen". Inzwischen schlagen sie kräftig ans einander los und vertreiben sich die Feit mit gegenseitigen Verbal- und Realinjurien. Daß sich die klerikale und die „deiltsch-nationale" Nüance versöhnt wieder znsammensinden karr«, ist eigentlich schwer anznnehmen, wenn man nicht den besonderen Charakter der Führer in Anschlag bringt. Jetzt bat der Abgeordnete Vergani, der Herausgeber des Deutschen Volksblattes, des Hanptorgans der christlichsozialen Antisemiten-Partei, beim Wiener Landesgericht Ehrenbclcidignngsklagen gegen dreizehn Personen, welche ihn öffentlich in den Bättern beschuldigt, früher als Bürgermeister von Mühldorf in Niederösterreich Gemeindegelder unterschlagen und veruntreut zn haben, eingereicht. Unter den Verklagten befinden sich Georg Schönerer, der seiner Zeit dem Vergani Geld zur Grüildnng des Volksblattes gegeben, der eheinalige Gemeindesekretär Arnvrsch, früher Mitarbeiter Verganis, ferner Earl Hermann Wolf, Herausgeber des deutsch - nationalen 'Antisemitenblattes „Ostdeutsche Rundschau", Alexander Scharf, Herallsgeber der „Montags - Zeitung", der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch ilnd mehrere Journalistell. - Das Merkwürdigste bei d§r Affäre ist, daß Vergani annehmen konnte, die ihm zilr Last gelegten „Bagatellen" vernlöchten ihm in der Partei der Steiner, Schneider, Geßmann zu schaden. Die Inden in Ungarn. Ans Alllaß der bevorstehenden Milleninmsfeier dürste ein kurzer historischer Rückblick ans die Ttellnng der Jlldeil in Ungarn am Platze sein. Es ist eine geschichtlich feststehende Dhatsache, daß es den Juden in jenem Lande ivohlergangeil ist, und daß, iväre sie nicht schon in der menschlichen Natur begründet, die glühende Liebe, die die uilgarischell Jlldeil ihrem Paterlande entgegeilbriligen, menschlich erklärlich wäre. Beginnen wir mit dem 12. Jahrhundert. Bon dem Jahre 1114 bis 1205 rvar die Rechtsstellung der Jlldeil in Ungarn besonders günstig, denn im 13. Jahrhundert gab es in Ungarn noch kein magyarisches Bürgerelement. Viele Inden heirateten im Jahre 1229 Christinnen. Viele Christen traten zum Jildelltnm über, viele Aemter waren in Händen der Inden. Nach Mommsen (Römische Geschichte III 5lll, mußten schon unter Julius Cäsar Juden in Ungarn gelebt habeil. Im Jahre 970 wurden die Magyaren durch die Griechen geschlagen lllld mußte Taksony, um den erlittenen Verlust zn ersetzen, verschiedene Volksstämme im Lande heranziehe,l. Unter diesen waren auch die Chalisier, llach Cinamns ein jüdischer Volksstamm. Im nennteil Jahrhundert erhielten die Jllden in Ungarn Verstärkung durch Jlldeil aus Böhmen, ivelche llnter Herzog Wrazlaws Regierung verfolgt wurden. Szirmay 'Antal meint in seinen Schriften, daß viele von den Magyareil im Szathmarer Komitate bereits Vorgefundene Drtsnamen hebräischen Ursprunges sind, weshalb auch anzunehmen sei, daß im Szathmarer .Komitate Juden vor den Magyaren gelebt, ivelche mit den Kozaren vermischt daselbst gewohnt haben. Tie Juden in Ungarn hatten sich immer einer besseren und gesicherteren Exfftenz, als jene der Nachbarländer zn erfreuen. Immer kam hier die Ueberzeugung zum Durchbruch, daß der Handel einer der wichtigsten Faktoren im Staatshaushalte ist, daß er llicht jene Geringschätzung verdient, welche demselben von seiten unsrer Gegner zuteil wird. Die Ungarn sind eben ein politisch reifes Volk, und ein solches wird niemals zum Antisemitismus hinneigen, sondern jeden Menschen neben sich dulden, ja als gleichberechtigt an den Gütern desLebens anerkennen. Die Milleniumsfeier wird daher von den Juden des Landes besonders festlich begangen werden. Nicht blos die neologen, auch die orthodoxen Juden werden ander Feier lebhaften Anteil nehmen. Zn diesem Zwecke versenden die orthodoxen Rabbiner Ungarns an ihre Gemeinden einen schwungvollen Aufruf, in welchem es u. a. heißt: „Wir wollen Gott danken dafür, daß er uns in die Mitte des Volkes geführt, welches die Gnade der Gerechtigkeit und der Gunst über uns ansgegossen hat. Forschet im Dunkel der Zeiten und ihr werdet stets finden, daß seit dem Tage, an welchem die Ungarn in diesem Lande sich eine Heimat gegründet, sie uns stets mit Liebe umgeben haben. In den traurigen Tagen, da man in anderen Ländern die Söhne Israels mit grimmem Haß verfolgte und noch verfolgt, war das schöne Ungarn der Judenheit ein Schutz und Hort. Ties wissend, freut euch, ihr Frommeil und Wackeren, und flehet am 10. Mai in andächtigem Gebete zum König der Könige, dem Urquell der Giiade! Flehet, daß Seiile Gnade sich über die Bevölkerung dieses gesegneten Landes ergieße. Flehet, daß diese Nation bis an das Ende der Zeiten gedeihe, in Ruhm und Ehre, Macht und Reichtum!" — Das argentinische Hilfswcrk. Wir lesen in der „Köln. Volkszeitnng": Es ist bekannt, daß seit einigen Jahren in Frankreich eine anonyme, mit einem Kapital von 50 Millionen Mark ausgerüstete Gesellschaft besteht, an deren Spitze der bekannte Baron Hirsch gewählt worden ist, und die es sich zur Ausgabe gemacht hat, die Inden, wo dieselben in Europa verfolgt werden, zur Answanderung zu veranlassen und zur Kolonieengründung nach Argentinien zu entsenden. Diese Gesellschaft veröffentlichte in diesem Monat ihren Jahresbericht, und wir finden darin über die erzielten Erfolge dieser Bewegung die folgenden interessanten Ausführungen. Die verschiedenen jüdischen Kolonieen der Argentinischen Republik umfasseil schon 1222 Familien. Sie sind eingerichtet in eigens geschasseilen Zentralpnnkteil zunächst von Maurieo, Clara, Mosesstadt llnd San Antonio und in 14 allderen Gruppen, die alle in ben letzten zwei Jahren gegrülldet worden sind und 50 Familien zählen. Diese Kolonieen sind einigermaßeil verwaltet von den Repräsentanten der Gesellschaft, deren Lage nicht gerade immer angenehln ist: denn sie müssen nicht allein die Sprache des Landes mld die Sprachen der verschiedenen Familien verstehen, welche in den Kolonieen sich niederließen, sondern sie müssen gleichzeitig auch die Kenntnisse eines Ingeniellrs und eines Landwirtes haben, Nur der Ackerbau ist der Boden, ans dem diese Kolollieen sich behaupten können, llnd es scheint, daß sie darin Fortschritte lnacheil. Im Jahre 1894 gab es dort 13801 Hektar mit Getreide und 1240 Hektar mit anderen Sämereien bebautes Ackerland; 1895 bedeckte das Getreide einen Flächenranm von 14137 Hektar und die übrigen