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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · p. Seite 273

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 273 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 15. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 273. Das habe ich von Dir gelernt! Aber nicht wahr, Tn heißt auch nicht mehr Dagobert? Laß Dich immerhin David nennen." „Ja, David will ich heißen, und Du sollst meine fromme Michal sein, die mich vor dem ärgsten Feinde, dem Irrtums, bewahrt, und damit Du ganz Michal sein sollst, so geben wir den toten Namen Dagobert, wie jene das tote Bild statt ihres Mannes Person, dem. Feinde preis." — Jetzt war es mit des alten Kratters Geduld zu Ende: „Was ist das für Faselei?" rief er, „was soll mir das sein, mit dem Dagobert und Seltne?" Und jetzt mußte der Knoten gelöst werden. Die Sache trug sich nämlich so zu: Sara hatte, statt zu ihrer Tante zu reisen, sich heimlich zur Gräfin von Plater begeben, und sich da anwerben lassen. Ihren Namen hatte sie aus denselben Gründen wie Dagobert geändert. Wie sie dort gelebt, wissen nir bereits. Sara erzählte ihre Erlebnisse reumütig und bat auf den Knieen den Vater um Verzeihung. Doch dieser wandte sich an Rubinthal: „Ich sehe es klar, mein lieber R. Samuel, Ihr könnt Euren Sohn nimmermehr mit der entlaufenen Tochter, mit dem ehrvergessenen Mädchen verbinden wollen. Ich kann Euch garnicht diese Zumutung niachen, und gebe Euch Euer Wort zurück." Allein Samuel sagte lächelnd: „Zwei verschrobene Wesen, wie diese, mußten an einem Felsen den Kopf sich zerrennen, um wieder heil zu werden. Ich halte Eure Tochter doch für würdig meines Sohnes, ja ich halte dieses alles für die Fügung des Himmels, der, was wir in der Erziehung unserer Kinder verabsäumten, auf solche Weise gut gemacht, auf daß sie für einander tauglicher werden — die Insurgenten!" * Ueber eine jüdische Oper in London schreibt der Korrespondent der „Köln. Ztg.": Der Kapellmeister (zugleich Komponist der großen heroischen Oper) war ans Pult getreten. Pst, Pst! erscholl es von allen Seiten. Das Haus wurde ruhiger und ruhiger, und mich überkam eine gewisse weihevolle Stimmung. Biblischer Stoff, Altes Testament, Geschichten, die ich als Kind gelernt, verehrt und geglaubt, wovon mir noch immer ein lichter Schimmer im Herzen übrig geblieben, und dazu hebräische Melodien, wie sie einst vielleicht im Tempel voll Jerusalem und an den Wassern von Babylon erschallten. Ich war gespannt. Der Mann gehörte nicht ans Dirigentenpult, er gehörte — vor den Strafrichter. Eine so zusammengestohlene Ouvertüre, wie die seine, war eine ganz unerhörte Leistung. Alles hatte herhalten müssen. Gounod, Wagner, Weber, Mozart, vornehmlich Donizetti, Verdi und Bellini. Ich fühlte mich ärgerlich. War ich doch gekommen, hebräische Melodien zu hören, und jetzt dieses Gemisch! Und es gar zweimal über sich ergehen lassen zu müssen, denn das Publikum rllhte nicht, bis sich der Komponist zu einer Wiederholung verstandeil. Endlich aber ging der Vorhang in die Höhe. Ich sah eine Dame und einen Herrn auf der Bühne — sie jung und hübsch und er ein Krieger (es war Michal die Königstochter und Abischai ein Feldherr), die sich anscheinend nach einer Verdischen Melodie stritten. Ich horchte hin. Gott sei Tank, ich verstand kein Wort! Also das war Hebräisch! Die Sprache, die alle andern überlebt, in der Mose sein Volk angedonnert, als er vom Berge Sinai kam, in der die Propheten sangen, in der die Bergpredigt gehalten wurde. Mir wurde ganz wundersam zu Mute. Ich horchte, horchte mit gespannter Aufmerksamkeit hin. Gerechter Himmel! War endlich der heilige Geist über mich gekommen? Ich fing zu versteheu an, zuerst ilur hier und da ein Wort, dann mehr uild mehr — es fiel wie Schuppen voll meineil Allgen — es war nicht Hebräisch, es war Deutsch, allerdings nicht das Deutsch Lessings und Goethes und Schillers, aber Deutsch! So ist das Leben nichts als eine ewige Kette von Enttäuschungen! Ich wußte nicht, sollte ich mich ärgern oder lachen. Ich entschied mich für das letztere und wäre hinausgeplatzt, als Saul den vor ihm stehenden Hirtenknaben David fragt, wie er den Mut gefuuden, "den Kampf mit Goliath zu bestehen, und David antwortet: „Als ich hob gehittet die Ssiegen, ist gekommen gestiegen ein graußer Lew —". Ich wäre hinausgeplatzt — und doch schnürte mir etwas die Kehle zusammen und meine Augen wurden feucht. Da war das volle Haus, ein Haus Israel, Tausende von Augen starr auf die Bühne gerichtet, die meisten Gestalten vorwärts gebeugt, auf allen Gesichtern atenckose Spannung, Leib und Seele verwoben mit dem, was sich da vor ihren Blicken abspielte. Da war König Saul, der Völkerbezwinger, der Herr vieler Lande, in seinem Palast, umgeben von Pracht und Herrlichkeit, ein mächtiger Herrscher, ihr König, und vor ihm der Auserwählte des Herrn, David, ihr David, der Saul noch zehnmal überstrahlen sollte — ihr König David — und jetzt, alles versunken und zerfallen, und sie unstäte, vaterlandslose, verfolgte Wanderer, Flüchtlinge ans Gottes weiter Erde, die dem Himmel danken, einen Platz zu finden, wo sie vor Verfolgung sicher sind — und wenn es Whitechapel ist! Wie müssen diese armen Juden fühlen! Wie muß sie alles ergreifen, was sich auf der Bühne abspielt! Für sie war es eine große, heroische Oper. * Uebcrsetzer wider Willen. In der guten alten Zeit wurde in Leipzig beim Eintritt in die Stadt jeder jüdische Meßbesucher einer hochnotpeinlichen Inquisition unterworfen. Er mußte Angaben machen über Namen und Charakter, Zweck der Reise und dergleichen. Ein Kaufmann, der diese Weitläufigkeiten schon oft erduldet, machte gewöhnlich bei diesem wichtigen Akte manche witzige Bemerkungen, um sich und seine anwesenden Leidensgenossen für die ihnen zugewiesene Ausnahmestellung einigermaßen schadlos zu halten. Und eines Tages stand er wieder vor dem gestrengen Kommissar, und folgender Dialog spielte sich ab: „Zweck Ihrer Reise?" — „„Wareneinkauf ans der Messe."" — „Name?" — ,,„N.N."" — „Religion?" — „„Jude."" — „Charakter?" — „„Am kesche oref""*) — „Wie?" — „„Am kesche oref"" — „Noch einmal; ich habe nicht verstanden." — „„Am kesche oref."" — „Laßt den hartnäckigen Juden gehen; er giebt doch keine verständliche Antwort." * Erste Eifersucht. Der effte Mensch weigerte sich vom Baum der Erkenntnis zu kosten und als Eva ihm durch Rebensaft die Sinne wirr zn machen suchte, weigerte er sich dennoch *) Mose nannte einst die Juden -rm besehe oref (ein hartnäckig Volk).

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