Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 272 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 272. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. und schalt die Mägde und tadelte die Köchin, und ermahnte die Tochter, und zankte und belferte; denn da war ein Fleck noch aus der Diele zu sehen, dort noch das kupferne Becken nicht gescheuert. Sara aber stand mit rotgeweinten Augen da, so daß selbst ihre vielgeschäftige Mutter ausrief: „Mein Gott, wie Du aussiehst! Gar nicht wie eine Braut. Was ist Dir, mein Engel? Geh wasch Dich ab. Du hast gewiß den bösen Blick bekommen." „Jawohl, einen bösen Blick," erwiderte Sara schmerzlich lächelnd. „Darum geh, wasch Dich, dann ist alles wieder gut. lleberhaupt will heutzutage das Ei klüger sein als die Henne. Ich habe Dir hundertmal gesagt. Du sollst die Kameah (Amulete) für den bösen Blick tragen. Aber bei ench jungem Volke nützt das reden nichts." So sprach Rebekka und lies wieder hinaus und ließ die arme Sara mit ihrem Schmerze allein. Es wird hinreichend sein, um den Charakter der Braut zu zeichnen, wenn wir sagen: Hätte Davids Herz nicht schon eine Wahl getroffen, so wäre gewiß Sara die Einzige gewesen, die ihn zu fesseln vermochte. Die Natur hatte sie zwar mit Schönheit und Anmut beschenkt; was ihr aber in Davids Augen unstreitig den größten Reiz verliehen hätte, war, daß sie, so wie er, mit ihrer Umgebung und ihrem Geschicke zerfallen war. Auch sie hatte nämlich der Zufall zu einer Autodidaktin der Roman-Litteratur gemacht, auch sie hatte sich im Labyrinthe der Truggestalten verirrt. Aber sie mußte ihre Sehnsucht tief im Herzen bergen und durfte sich nie einfallen lassen, die Einstüsse der Lekrüre auf ihr Gemüt ihrem Vater gegenüber laut werden zu lassen. Dieser kannte Welt, Menschen und Leben nur von der lukrativen Seite, und in ihrer Beziehung auf das Geschäft. Er gestattete seiner Tochter nur darum das Lesen, weil ein Mädchen in seinen Augen kein Gegenstand der Erziehung war, da sie nnmöglich den Talmud studieren könne. Sara war daher in ihren Aeußerungen ganz das nüchterne jüdische Mädchen und schloß das Reich der .Träume als ein unverbrüchliches Geheimnis in das Innerste ihres Gemütes. In dieser Gemüts-Lethargie ging sie aus den Vorschlag Nachmaus zur Verbindung mit dem jungen Rubenthal phlegmatisch und ergeben ein, wie sie mit derselben Gleichgiltigkeit der Verzichtleistung dieses Verhältnis nach Davids Flucht aus seinem väterlichen Hause wieder auflösen sah. — Sie sprach nicht wie David: „Was ist Ehe ohne Liebe? sondern: da Liebe und Sympathie nur Ahnungen, süße Träume sind, die nie in diesem Leben zur Wirklichkeit gelangen, so kann mir der Beschluß des Schicksals nie lästig werden, denn glücklich in meinem Sinne werde ich nun mehr nicht." — So blieb sie bis vor einigen Wochen. — Da aber hatte das Gerücht von dem Heroismus der Gräfin von Plater sich verbreitet; sie sah nun eine Amazone ihrer Bücherwelt, eine Johanna von Orleans ihrer Träume mitten im wirklichen Leben, leibhaft und selbständig und nicht als Schatten. Sie sah wenigstens eines ihrer Ideale realisiert — da siel ihr denn ein, wie leicht könnte es wirkliche Liebe ohne Egoismus, wie leicht nicht noch fahrende Ritter, wie leicht nicht dennoch einen Seladon geben. Sie fing an zu begreifen, wie sie nachmals erzählte, daß das wirkliche, nicht blos erträumte Leben noch andere, höhere geistige Richtungen habe, die sie im väterlichen Hause nicht kennen gelernt — und sie wurde jetzt täglich aufgeregter, nachdenkender, unzufriedener mit ihrer Lage. Sie fand cs unerträglich im väterlichen Hause, und erbat sich die Erlaubnis, zu ihrer Tante nach einem benachbarten Städtchen zu reisen, und war erst vor wenigen Tagen, gerade als der Brief anlangte, der die Gäste meldete, zurückgekehrt. Bleich, düster, angegriffen kam sie heim, und in ihrem Wesen lag soviel Ungewöhnliches, und Unheimliches, in ihrem Thun und Lassen so viel Verschlossenes, daß die Mutter, sonst eben nicht die feinste Menschenkennerin, diesmal doch sehr befremdet ward. Sie schrieb diese Veränderung zwar den Reisestrapazen zu, uub dachte, zwei Tage Ruhe würden alles wieder gut machen. Aber wie staunte die gute Alte, als Sara nicht einmal ein Briefchen von der Tante, die in den Kriegszeiten solange nicht geschrieben hatte, mitbrachte, und auf ihre Erzähluug vou Davids Rückkunft und der neuerdings beschlossenen Verbindung ein entschiedenes „Nimmermehr" von der sonst guten und folgsamen Tochter vernehmen mußte. Allein die Mutter beschwichtigte sich damit, daß, wenn nur der junge Bräutigam und der beredte Schadchen zugegen sein würden, alles wieder im gehörigen Geleise sorlgehen würde. Sie verlor darum vor der Hand kein Wort darüber, und auch Sara schwieg. X. Endlich kam die mit Bangen erwartete Stunde. Schon hörte sie den freundlichen jüdischen Willkommruf: Scholom Alechem (Friede mit Euch) auf der Treppe, schon nahten die Schritte dem Zimmer — jetzt ging die Thür auf — noch vergingen einige Minuten, ehe die große Lebensfrage entschieden war, wer den Vortritt haben solle — ob Samuel als Gast oder Chajim der Hausherr — und als auch diese Debatte erledigt war, entspann sich nur noch zwischen David und dem Schadchen eine neue Zeitfrage ähnlichen Inhaltes. — Endlich waren alle Vier drinnen. Sara schlug die Augen nieder ex ofticio — David hatte sie zu Boden gerichtet, aus Pflichtgefühl. Da sagte der alte Chajim: „Na! Sara! sieh, da bringe ich Dir den feinen Ille!" — Jetzt begegneten sich beider Blicke — und nun, wer malt das Erstaunen der Anwesenden, als Sara mit einem: „Ach, Dagobert!" ohnmächtig niedersank, und David mil einem freudigen „Was seh' ich? Seltne!" die Ohnmächtige in seine Arme aussing. — „Seltne," fragte David, als sich letztere wieder erholt hatte, „also bist Du keine Christin?" „Ach, Dagobert, Du hast mich ja verstoßen, weil ich deines Glaubens nicht bin?" „Aber ich sagte Dir ja, der Berg Sinai — und Du nanntest meine Liebe einen Verrat?" „Das hatte ich für eine Anspielung auf meine Religion gehalten, und glaubte, Du hättest mich erkannt und würdest mich verraten, weil ich nur ein armes Juhenmädchen bin." „Also meine Seltne? Wirklich mein!" „Nenne mich nicht so! Ich heiße Sara und mag nicht anders heißen! Es ist ein schöner, es ist ja ein jüdischer Name, und meine Religion ist mir werter geworden als alle Träume.