Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 271 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 271. Mit einbrechender Nacht kam Itzig in Berlin an und fuhr sogleich zum Rabbiner R. Hirschel Leivin. „Eine wichtige Angelegenheit veranlaßt mich, Herr Rabbiner, Sie noch spät abends zu belästigen; Sie werden es mir verzeihen," sprach Itzig. „Es ist Ihnen doch hoffentlich nichts Unangenehmes widerfahren? Sie scheinen etwas besorgt und unruhig zu sein." „Unangenehmes? Run, wie man es nehmen will. Ich werde eben an ein Versprechen erinnert, das ich in meiner Jugend einem Freunde gegeben habe, daß nämlich, was ich über zwanzigtausend Thaler im Vermögen habe, sein Eigentum sein solle." „Aber, Herr Itzig," versetzte der Rabbiner, „Sie werden mir die Bemerktlng nicht übel nehmen: Damals waren Sie ja nichts weniger als vermögend." „Vermögend!" siel ihm Itzig ins Wort, „ich war blutarm." „Sie haben auch wahrscheinlich damals nicht daran gedacht, je zwanzigtansend Thaler zu besitzen?" fuhr der Rabbiner fort. „Ich ivill mein Gewissen beruhigen, Rabbi, und möchte Sie insländigst bitten, die Angelegenheit für mich abznmachen. Der Mann, dem ich vor ungefähr dreißig Jahren das Versprechen gegeben habe, ist gegenwärtig hier; lassen Sie ihn rufen lind geben Sie ihm, was Sie für recht und billig finden; ich füge mich ganz Ihren! Ansspruche. Morgen früh schicke ich Ihnen tausend Louisdors; glauben Sie, daß es zu wenig ist, so steht auch mehr zur Verfügung. Machen Sie ab um jeden Preis." - — Am andereil Morgen wurde Samuel bald nach seiner Rückkehr nach Berlin zum Rabbiner beschieden. „Sie haben, wie ich vernomlnen, an Herrn Banquier Itzig eilte Forderung?" fragte ihn der Rabbiner. Mit Thränen in den Angen versicherte Samuel, er hätte nie daran gedacht, daß Herr Itzig ihm etwas schulde. Und als der Rabbiner ihm tausend Loitisdors geben wollte mit der Bedingung, Herrn Itzig von dem ihm gegebeilen Versprechelt frei zil inachen, weigerte er sich hartnäckig, sie anzunehmen. „Was Herr Itzig voil mir denken wird! Als ob ich hierher gekommen bin, ihn an sein Versprechen zu erinnern. Zweihundert, dreihundert Thaler machen mich glücklich," sprach Samnel sichtlich gerührt. Ter Rabbiner ließ ihn aber nicht früher fort, bis er die tausend Goldstücke angenommen und in seine Hände gelobt hatte, des beivnßten Versprechens nie mehr zu gedenken. Tie gaitze Geschichte kam Samuel wie ein Traum vor. „Gott hat geholfen!" rief er einmal über das andere ans: „Gott hat auch mir geholfen! Gelobt sei Gott! Er verweilte noch mehrere Wochen in Berlin, war der tägliche Gast seines Freundes Itzig, der alsbald-zwei Söhne Samuels in angemessener Weise beschäftigte und für ihre Zukllnst sorgte. Das ist die Geschichte von der Peitsche des Herrn Daniel Itzig! Die Insurgenten. Von S. P. (Schluß.) Er warf sich auf die Knie vor dem Greise nieder und küßte ihm den Saum des Kleides, aber er war keines Wortes mächtig. „Vergebung!" war alles, was er hervorbringen konnte. Vater und Sohn hatteir sich in einander getäuscht. David erwartete von seinem Vater ein Heer von Strafreden — doch über Samuels Lippen kam kein Vorwurf, den er war froh, seinen Sohn wieder gefunden zu haben. Der Vater wiederum hatte gedacht, es werde großen Kampf kosten, Davids Trotz zu beugen und ihn zurückzubringen, und war daher überrascht, seinen Sohn so demütig, ergeben und reuig zu finden und so enthusiasmiert für ein stilles häusliches Leben inmitten des jüdischen Volkes, das er so oft geschmäht. Samuel sah ein, daß irgend etwas Bedeutendes während dieser Zeit sich zngetragen haben müsse. — Doch als nun die Rede ans die nahe Verbindung kam, sagte David: „Vater, es ist zu spät. Hätte ich Euch gleich damals gefolgt und die Sara Kratter geheiratet, so wäre ich glücklich gewesen. Aber ich sah dies nicht ein, und Eure Zumutung trieb mich zum Ungehorsam. Jetzt ist's zu spät; mein Herz ist nimmer frei." „Schon wieder ein Rückfall ins alte romantische Fieber!" „Fordern Sie alles von mir, mein Vater," sagte David traurig, „nur nicht, daß ich mich je vereheliche." „Wie?" sagte Samuel erstaunt, „gar nicht vermählen? Nicht einmal mit derjenigen, die Dein Herz erkoren?" „Nein, teuerster Vater, auch Oie Geliebte meiner Seele kann ich nie ehelichen, denn — sie ist-" „Was?!" „Keine Jüdin!" sagte David, und erzählte hierauf den ganzen Vorfall und jenes Gespräch mit Seltne; „Als ich ihr meine Religion nannte, fioh sie mich und bezeichnete meine Liebe als einen entsetzlichen Verrat." Da umarmte der Greis seinen glaubenstreuen Sohn und sein Auge füllte sich mit Thränen. „Tu hast einen Kampf für Deinen Glauben ansgekämpft, der Dich mir werter macht, als hundert Hochzeit-Deraschoth, die Du hättest zu Hause ausfertigen können. Jetzt konun und bleibe bei mir, bis Deine Wunde vernarbt: der Anstand erfordert, daß wir jetzt nach Wilna gehen; doch ich werde dafür sorgen, daß das Verhältnis so schonend als möglich aufgelöst werde." IX. Im Hause des alten Chajim ivurde alles gescheuert, gefegt, gesäubert und gereinigt, um die angekündigten Gäste mit Anstand zu empfangen. 'DJhitter Rebekka, Chajims Gemahlin, rannte geschäftig hin und her, und hatte bald in der Küche, bald in der Speisekammer zu schaffen. Der Ueberrock, freu sie in der Wirtschaft trug, hatte mehr Farben als die Iris und trug durch die mannigfachsten Funktionen, die er zu verrichten hatte, alle Spuren des häuslichen Familienlebens an sich, und würde selbst einen Herkules verlegen gemacht haben, wenn er diesen statt des Augiasstalles hätte reinigen müssen. Nichtsdestoiveniger mußte das goldgestickte Stirnbündel aus der Stirne prangen. Sie watschelte von einem Zinuner ins andere umher.