Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 268 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 268. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 15. Hindernissen und Feindseligkeiten, bis es euch gelingen wird, das Gute zu erobern, jenes Gute, das allein als ein würdiges Ziel eures Kampfes gelten darf; ich meine die religiösen und moralischen Wahrheiten, die wahre Tugend, das Ideal des sittlich vollkommenen Menschen. Ich möchte daher euch, ihr jungen Streiter für die Ehre und die Zukunft Israels, ein Losungswort geben, das euch in eurem Kampf für das Edle und Gute stets begleiten mag: der religiöse Fortschritt! Das Wort Fortschritt ist euch gewiß nicht fremd, ihr hört es so oft im Alltagsleben; es töne in euren Ohren in allen euren Anstrengungen und Unternehmungen, mit denen ihr euren Eltern und Familienangehörigen Freude machen wollt. Jawohl, der Fortschritt ist dasjenige, das dem Knaben wie dem Mädchen, dem Jüngling wie der Jungfrau, dem herangereisten Manne wie der fürsorglichen Frau als das Ideal aller Thätigkeit vorschwebt. Wir sind ja durch die Güte des allreichen Schöpfers als vernunftbegabte Wesen geboren, um in all unserm Thun den Fortschritt anzustreben, um Stufe für Srufe die Leiter der sittlichen Vervollkommnung, der Tugend und der Erkenntnis zu ersteigen, bis wir, soweit dies dem Menschen gegeben ist, die göttliche Natur erkennen, wie sie sich erhaben in allen Schöpfungen offenbart. „Den Weisen führt der Weg des Lebens zur geistigen Höhe." Der Fortschritt ist eigentlich das wesentliche Merkmal der menschlichen Natur; er bezeichnet den Vorzug des Menschen dem Tiere gegenüber. Denn nur der Mensch ist des Fortschrittes fähig, nur er kann auf seine körperliche und sittliche Vervollkommnung bedacht sein, während das Tier dessen weder fähig ist noch dazu auch gewillt ist. Das Tier lebt heute wie es gestern, wie es vor Jahren, von Uranfang gelebt hat. Im tierischen Leben ist eben kein Fortschritt, keine Vervollkommnung zu finden, wie es bei dem Menschengeschlecht im Laufe der Jahrhunderte der Fall war. Man kann höchstens aussprechen, daß die erfindungsreiche Natur des Menschen, die im Laufe der Jahrhunderte mächtig fortschreitende Erforschung der Naturkräfte, es vielleicht dereinst dahin führen wird, den Menschen zu befähigen, die Tiere, welche sich in seinem Machtbereich befinden, in ihren Gewohnheiten und auch in ihren Anlagen umzumodeln. Hingegen lebt das Tier, wenn im Naturzustände und sich selbst überlassen, immer in seinen natürlichen Trieben und seinen natürlichen Fähigkeiten. Die Biene baut ihre Honigzelle stets so, wie sie es seit Menschengedenken gethan, ebenso wie der Vogel ohne jede architektonische Aendernng sein Nest herstellt. Die Tierwelt hat keine Geschichte, da eine solche nur in der Ueberlieserung eines einheitlichen und zusammenhängenden Entwickelnngsganges zu finden ist, wie sie blos das Menschengeschlecht aufzuweisen hat. Nur die Menschheit kennt den Fortschritt, wie es auch jedem einzelnen Menschen gegeben ist, von einer moralischen Errungenschaft zur andern, von einem sittlichen Sieg zum andern zu schreiten. Dank dieser wunderbaren Fähigkeit des Menschen, bietet dieser im Zustande der Kindheit sowohl für die liebenden und fürsorglichen Eltern als auch für jeden Beobachter einen anziehenden Gegenstand der Betrachtung. Dies zu sehen hat wohl jedermann Gelegenheit, nämlich zu beobachten, wie der Entwickelungsprozeß des Menschen sowohl in seinen körperlichen als auch in seinen geistigen Kräften vor sich geht. Das erste kindliche. Dasein ist eigentlich nur ein Schlaf, von Schreien und Weinen, durch welche es seine körperlichen Bedürfnisse instinktartig kundgiebt, unterbrochen; aber nach und nach nimmt das Gesichtchen der Kinder einen individuellen Ausdruck an; es beginnen die schwachen Anfänge der Vernunftthätigkeit. Das kleine Mündchen lächelt so entzückend und die schwachen Aermchen greifen dorthin, wo das Kind Liebe zu finden hofft. Später treten die Geisteskräfte mehr und deutlicher hervor; der Heranwachsende Knabe und das Heranwachsende Mädchen zeigen bereits geistige Individualität, man findet schon die Merkmale der heranreifenden Persönlichkeit, bei genauer Beobachtung läßt sich die eigentliche Charakteranlage des künftigen Mannes, der künftigen Frau erkennen. Wäre dem nicht so, würden sich die Charaktereigenschaften eines jeden Menschen bei allen gleichartig und schon in der Kindheit als unabänderlich zeigen, so könnte von Erziehung keine Rede sein, die Menschheit würde ohne Fortschritt und ohne Fortbildung bleiben, sie wäre zu einer ewigen Kindheit verurteilt. Nun denn, es heißt jetzt, sich jener, Fähigkeit zu bedienen, sie zum Guten und Edlen anzuwenden. Die Wissenschaften haben in der letzten Zeit große Fortschritte gemacht, und obwohl die Menschheit seit Jahrhunderten denkt und ihre Denkkraft an den erhabensten Problemen des Wissens und des Erkennens übt, ist dennoch der Schatz der Erkenntnis noch bei weitem nicht erschlossen. Die Wissenschaft steht aber unseren! Glauben gewiß nicht feindlich gegenüber; im Gegenteil, jede Wahrheit, die sich unserm Geiste offenbart, nähert uns mehr Gott, dem weisen Schöpfer des Alls. Es liegt ein tiefer Sinn in dem Ausspruch unserer Weisen: So wichtig und hochbedeutend ist die Erkenntnis für den Juden, daß sie in der Schrift den zwei Gottesnamen beigelegt wird; „der Ewige ist ein Gott der Erkenntnis", heißt es in der Bibel. Allein den ersten Rang unter allem Wissen nimmt bei uns mit Recht die Erkenntnis Gottes ein, das heißt, die Erkenntnis der religiösen und moralischen Begriffe, die Erkenntnis, welche uns mit den höchsten Ideen, mit den sie das Leben unentbehrlicher Tugenden und Lehren vertrant macht. Das ist der religiöse Fortschritt, dem wir zustreben müssen. Das Judentum begnügt sich nicht mit der Theorie, mit dem Wissen: es verlangt vielmehr Thaten und praktische Verwirklichung der guten Gedanken. „Nicht das Erkennen, sondern das Thun sei die Hauptsache", lehrt ein weiser Spruch unserer Lehrer. Es genügt nicht, die Wahrheit zu erfassen und seine Pflichten zu erkennen; das Judentum verlangt vielmehr, daß wir uns nach der erlangtenErkenntnis in allenSchrittendesLebens richten sollen. Darin liegt eben der Wert des religiösen Fortschrittes; er bedeutet, viele natürliche, mangelhafte Triebe besiegen, viele ungünstige Charakteranlagen beseitigen und eine strenge Selbsterziehung uns selbst angedeihen zn lassen, uns in der Tugend praktisch zn üben, in den moralischen Fähigkeiten nach dem ersten Preis zu streben. Jeder Sieg, den wir über das Böse davontragen, bedeutet einen großen Fortschritt, da das Gute fortwährend Gutes erzeugt. „Der Lohn einer guten That ist — eine andere gute That," lautet ein schöner Spruch unserer Weisen. Das Judentum lehrt uns die sittliche Vervollkommnung des Menschen; es liegt in diesem Gedanken eine glühende Liebe zum Menschengeschlecht, ein begeisterter Glaube an