Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 269 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 15. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 269. die Zukunft der Menschheit. Aber das Judentum überläßt den einzelnen Menschen nicht dem Zufall, sondern stellt ihm ein Ziel vor Augen, welches zu erreichen er bestrebt sein muß. Gott selbst in seinen heiligen Eigenschaften, wie sie von nnserm Glauben gelehrt ,verden, ist das Ziel, zu dem der Jude hinaufblicken soll. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich, euer Gott," lehrt das geoffenbarte Gesetz. Das Judentum zeigt somit großes Vertrailen zu ben moralischen Fähigkeiten des Menschen. Mag ja sein, daß das Ziel, welches unsere Religion dem Menschen steckt, ein sehr erhabenes ist; aber für den sittlichen Fortschritt ist es sehr heilsam, wenn der Mensch zum Edelsten, zum Höchsten strebt. Dies Streben ist das Grundwesen edler Staturen, die unentbehrliche Bedingung für ein würdiges Dasein. Das wahre Genie, sagt man, ist stets unbefriedigt, denn während die andern die Früchte des Genies beivnndern, fühlt dieses selbst seine Mängel und Unzulänglichkeit. Das Genie strebt noch höher, als es jederzeit zu erreichen imstande ist. Dasselbe ist es auch mit der Moral, mit der sittlichen Vollkommenheit; je edler und sittlicher der Mensch ist, desto bescheidener und demütiger steht er vor Gott, in dem Bewußtsein, daß er noch viel an sich zu arbeiten hat, um jene geistige Höhe $u erreichen, welche das Judentum als das höchste Fiel unseres Strebens nach sittlicher Freiheit hinstellt. Der sittlich-religiöse Fortschritt kann aber nur durch einen festen Willen, durch Anstrengungen und strenge Selbstzucht erzielt werden. Der Schöpfer hat es nicht gewollt, daß das Gute leicht und mühelos erreichbar sein solle; der menschlichen Fähigkeit ist es aber gegeben, bei ernstem Willen nach den höchsten sittlichen Idealen ftreben zu dürfen. 'Rur muß damit rechtzeitig begonnen werden, eben in dem Alter, in dem wir der Erziehung noch fähig sind. Es ist dies der beneidenswerte Vorzug der Jugend, der Begeisterung für das Edle und Gute fähig zu sein; diese Begeisterung muß aber rechtzeitig wachgernfen werden, diese göttliche Flamme muß frühzeitig im Herzen der Jugend leuchten; in diesem Alter, in dem das menschliche Gemüt für den edlen Aufschwung noch empfänglich ltub aufnahmefähig ist, muß die Lehre des Judentums in den Herzen tief eingeprägt werden, auf daß sie sich festwurzle und später herrliche Früchte trage; aus daß der religiöse Fortschritt mächtig gefördert werde. Die Zukunft beruht auf der Jugend. Sie ist unserem Gotte gleichsam verpfändet für den Fortbestand des Judentums. Solange wir unsere Pflicht bei der religiösen Erziehung der Jugend erfüllen, ist die Fortdauer der Gotteslehre gesichert. 'Auch da ist ein fester Wille vonnöten, ein fester Wille sowohl für die Jugend, als auch für die Eltern, welche sich diese heilige Psticht stets vor Angen halten müssen. Wenn wir unsere Vorfahren ehren wollen, so müssen wir vor allem dafür Sorge tragen, daß ivir das von ihnen verpfändete Wort einlösen; die Jugend muß auch ferner die Bürgschaft für den Fortbestand des Judentums sein! Das jä-illlit Siirgkrtum eine frlir alte IMiitiaii. Als Rebnkadnezar, König von Babel, zwölf Jahre vorder Zerstörung Jerusalems dahin gekommen, den König Hechenjah entthront und mit ihm 10,000 der angesehensten Männer Israels nach Babel geführt hatte, diese aber nach einiger Zeit nicht recht wußten, wie sie sich zu benehmen und als was sie sich anzusehen hätten, sich auch von der in Jerusalem herrschenden egyptischenPartei, welche sich von der chaldäischen Oberherrschaft mit Hilfe Egyptens frei zu machen trachtele, mit trügerischen Hoffnungen verblenden ließen, richtete Jirmijahu ein Sendschreiben an die nach Babel Weggesührten, das uns im 29. Kapitel des Buches dieses großen, charaktervollen Propheten erhalten geblieben. Dieses Sendschreiben beginnt: „Im Namen des Ewigen, des Gottes der Heerscharen, bauet Häuser und wohnet darin, pflanzet Gärten und verzehret ihre Frucht, verheiratet eure Kiuder und mehret euch daselbst, daß ihr nicht vermindert werdet, und suchet eifrig das Wohl des Staates, dahin ich euch führen ließ, betet für ihn zum Ewigen, denn in seinem Wohle wird auch euer Wohl sein!" Ties war gleichsam das Abschiedswort des göttlichen Geistes und für die aus dem h. Lande der Väter scheidenden Israeliten die Mitgabe auf die große Wanderung, welche Israel dainals durch alle Länder und Völker antrat, die Richtschnur, nach welcher sie inmitten der 'Ration leben, sich bewegen und bethätigen sollten. Nein, rief ihnen der Prophet zu, ihr sollt euch nicht da, wohin ich euch führen ließ, als Fremdlinge, als eitten Pflichten, eurem Streben und eurer Sehnsucht nach einem fremden Lande Angehörige, sondern als Bürger des Staates, Glieder des Volkes, Söhne des Vaterlands fühlen und ansehen. Ihr sollet euch dort heimisch machen, ein bürgerliches Gewerbe betreiben, also mit eurer ganzen bürgerlichen und Familieneristenz dort wurzeln; noch mehr: ihr sollet aufs eifrigste streben, das Wohl des Staates mit allen Kräften zu befördern, noch mehr: die innersten Gefühle eures Herzens sollen dem Vaterland anhangen, daß ihr „zum Ewigen betet" für das Heil desselben — „beten" heißt aber dem Propheten jenes hohe, weihevolle Zwiegespräch unserer Seele mit dem Vater im Himmel, darin sich alles vor ihm ausschüttet, was in den Tiefen unseres Herzens verborgen liegt! Und dieses Wort des Propheten, welches schon beim Beginn der Zerstreuung aus dem h. Lande so entscheidend für die Stellung der Juden unter den Völkern ward, wurde dann auch aller Zeit von den Söhnen Israels bethätigt. Schon unter demselben 'Rebnkadnezar, der Zion gestürmt und den Tempel verbrannt, wurden Daniel, Sadrach, Medrach und Abednego, zu jenen ersten Weggeführten gehörend, königliche Statthalter und leisteten die wichtigsten Dienste. In Egypten unter den Ptolomäern dienten Tausende von Inden in den egyptischen Heeren, standen mehrere Male Juden als Feldherren an der Spitze jener, verteidigten das Vaterland und unterwarfen seine Gegner. In Rom — selbstverständlich im heidnischen, denn nur dieses war duldsam und nicht verfolgungssüchtig — erhielten die Juden, nachdem sich erst der aus jüdischen Freiheitskriegen und den Aufständen der nach Freiheit dürstenden entsprungene Haß gelegt hatte, das römische Bürgerrecht, und erlangten so viel Einfluß und Ansehen, daß mehrere römische Schriftsteller sich darüber beklagen. In Spanien, bevor Ferdinand der Katholische 900,000 Juden aus ihrem geliebten Vaterlande um des Glaubens willen vertrieb, gehörten sie sowohl zu den gewerbthätigsten Bürgern, als auch zu den einflußreichsten und angesehensten Männern, und