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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · p. Seite 265

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 265 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 265. eine staatliche Prüfung in Religionslehre am Berliner Seminar erfolge. Und wie wurden die unsympathischen Anträge der Delegierten behandelt. Sie sind gar nicht zur Abstimmung gelangt. Es genügte schon, daß unter verbindlichem Lächeln der Vorsitzende erklärte, für den G.-B. sei dieser Antrag unannehmbar ... So ist denn auch ein Vorstand zustande gekommen, der ganz und gar thun wird, was der Gemeindebund will. Die Regiernngsfreunde brachten eine fertige Liste in die Ver- . sammlnng, zu einer Vorbesprechung hatte man die differierenden Richtungen nicht herangezogen und auch nicht berücksichtigt." — Um nach keiner Seite irgend ein Mißverständnis aufkommen zu lassen, müssen wir uns von vornherein gegen eine etwaige Unterstellung verivahren, als wollten wir mit dem sogenannten „Reichsverband" gemeinsame Sache machen. Nachdem wir erkannt hatten, daß die treibende Kraft in diesem Verbände eine Komposition ist ans Charlatanerie und Utopie, geeignet, die ärmsten der armen Kultnsbeamten um sauer erworbene Notpfennige zu bringen, haben wir nicht aufgehört, vor dem famoseir Verbände zu warnen. Wir wiederholen auch heute diese Warnung, und raten den anderthalb Dutzend naiven Mitgliedern, für die 6 Mark, die sie an Jahresbeitrag zahlen, lieber Augenivasser zu kaufen und dieses fleißig zu benutzen, damit sie in Zukunft besser sehen können. Allein rechnet man an den oben citierten Zeilen ab, was übertriebene Empsindlichkeit, verletzte Eitelkeit und die unglaubliche Erwartung, die Lehrervereine oder doch viele Lehrer würden bei einem Scheitern der Berliner Gründung dem — „Reichsverbande" beitreten, dem Schreiber in die Feder diktiert haben, so bleibt noch immer ein Erkleckliches, das dem Lehrer- und Bundessreunde zu denken giebt. Man wird in den Reihen des Gemeindebundes nicht umhin können, auf diesen Angriff zu erwidern. Das bequeme Sich-nicht-zu-erkennen-geben wäre jetzt übel angebracht, denn diese Zeilen werden von allen jüdischen Lehrern Deutschlands gelesen. Hier nützt also kein Mundspitzen, es muß gepfiffen sein. — Non ölet! Wir lesen in der „Freis. Ztg." vom 24. März: Das Verkaufen gefällt selbst in jenen christlichagrarischen Kreisen, welche sonst mit den Worten: Kaust uicht bei Juden! aufzuhetzen bestrebt sind. So findet sich in der „Oberschl. Grenzztg." folgendes, in fettestem Druck gesetztes Inserat: nc£ "L'7 „Den verehrten jüdischen Herrschaften von Beuchen und Umgegend zur gefälligen Nachricht, daß wir zu den diesjährigen Oster-Feiertagen unter Aufsicht des hiesigen Rabbinats Milch und Butter in unserem Ladengeschäft, Tarnowitzerstraße Nr. 11, vom 25. d. Mts. ab zum Verkauf bringen werden. Gräfl. Molkerei Roßberg." — Präsident Fan re weilte dieser Tage in Nizza, wo das Fest der hundertjährigen Zugehörigkeit dieser Stadt zu Frankreich gefeiert wurde. Die Juden hatten noch ganz besonders Veranlassung, diesen Tag festlich zu begehen, denn ihnen hatte der Anschluß Nizzas an Frankreich die lange verinißte Gleichberechtigung gebracht. Und sie feierten diesen Tag in angemessener Weise, obwohl auch im Frankreich der dritten Republik das Vorurteil gegen Juden und Judentum sich mit Macht geltend macht. Das Konsistorium, an seiner Spitze der Rabbiner der Gemeinde, Herr Meiß, begab sich in t-orportzu dem Präsidenten, und der Rabbiner richtete an Herrn Faure eine Ansprache, die in der französischen Presse lauten Widerhall gefunden. „Im Namen eines Veteranen von 93 — so sprach der Rabbiner — der seit mehr denn einem Jahrhundert mit lebhafter Teilnahme die Geschicke unseres teuren Vaterlandes verfolgt, der den vaterländischen Erfolgen zujubelt und die vaterländischen Niederlagen beweint — im Namen der alten jüdischen Gemeinde Nizza, in deren düstere Ghettogaffen durch Frankreich das Licht der moralischen und materiellen Emanzipation gelangte, kommen wir, Herr Präsident, das jüdische Konsistorium und ich, um Ihnen unsere ehrfurchtsvolle Huldigung und die Versicherung unserer lebendigen Anhänglichkeit an die Republik auszudrücken. Wenn wir so und mit legitimer Begeisterung dem patriotischen Gefühle Ausdruck geben, welches uns erfüllt, so folgen wir damit dem Beispiel unserer stets regierungstreuen Ahnen, von welchen unsere Weisen in ihrer ungekünstelten und poetischen Sprache erzählen; so folgen wir damit der Tradition unserer Vorfahren, in deren Fußtapfen zu treten unser glühendster Wunsch ist. Ich, der ich die Ehre habe, hier zu sprechen, ich habe in meinem zartesten Kindesalter es gelernt, daß der französische Jude, im Einklang mit den Beschlüssen des jüdischen Pariser Sanhedrin Frankreich bis an seinen Tod unerschütterlich zu lieben hat. Darum sind auch wir heute zu dem schönen Feste zusammengekommen, das unsere berühmte Stadt heute feiert; unsere Festesfreude ist nicht aufrichtiger, aber inniger und kindlicher als die unserer andersgläubigen Brüder. Möge der Herr Seine Wohlthaten über Sie, Herr Präsident, ausbreiten, der Sie so würdig den nationalen Geist Frankreichs repräsentieren, der Sie von dem hohen Posten, wohin Sie die Vorsehung berufen, bis hinab in die niedrigsten Kreise das Beispiel ausgezeichneter Tugend geben, wie diese dem Wesen der Religion entspricht, damit die große menschliche Gesellschaft glücklich und erfolgreich sei, und ihre Kinder stets zusammen wirken in gleicher Vaterlandsliebe, in gleicher Brüderlichkeit und gleicher Liebe." — Die Rede hat auf den Präsidenten einen tiefen Eindruck gemacht und sehr bewegt erwiderte er: „Herr Rabbiner! Ich danke Ihnen im Namen der Republik für Ihre edlen Worte. Die Möglichkeit, daß ich unter den verschieden glaubenden Kindern Frankreichs auch nur den allergeringsten Unterschied mache, muß für einen Mann, wie Sie, beleidigend sein. Sie verstehen es, dem patriotischen Gefühle in wahrhaft erhebender Weise Ausdruck zu geben. Als ein kostbares Andenken an meinen Aufenthalt in Nizza nehme ich den Segen, den Sie, Herr Rabbiner, mir und meiner Familie zu erteilen die Güte gehabt haben." — Dr. Berschadski. Die Juden in Rußland haben einen ihrer wärmsten Verehrer verloren durch den Tod des Dr. Sergius Alexandrowitsch Berschadski, Professor an der Kaiserl. Universität und am Lyceum in Petersburg. Der Verstorbene hatte nicht einen einzigen Tropfen jüdischen Bluts in seinen Adern, denn er stammte aus einer Familie orthodoxer Priester, aber er widmete den größten Teil seiner kurzen Lebenslanfbahn den Interessen der Juden und besonders Untersuchungen über ihre Geschichte in Rußland, Polen und Litthauen. Sein Werk „Die litthauischen Juden" (1883) wird in litterarischen Kreisen als klassisch geschätzt, sticht weniger wertvoll sind seine „Materialien für die Geschichte der Juden in Litthauen"

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