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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-10 · 15 (10.4.1896) · p. Seite 263

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
15 (10.4.1896)
Date
1896-04-10
Page
Seite 263 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 15. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 263. das Volk, das Haus. Auch das Haus, so weit es Bücher liest, sucht überall Leben, Handluug, es ivird durch Wiederholung, die keilten neuen Gedanken bringt, nur abgestoßeu. 'Auch beim Prediger wenn ein Seitenblick aus Verwandtes verstattet ist -- der sich in langatmigen Wiederholungen ohne neuen Gedanken ergeht, atmet das Publikum erleichtert aus, wenn derselbe zu Ende ist; es macht sich eben unerbittlich das ästhetische Gesetz geltend, daß wer Volk oder Jugend belehren will, auch lmterhaltend sein muß. Tie Bibel soll Hausbuch sein, soll es auch heuts sein. Ein Universalmitlel, wie sie dazu unter dem ästhetischen Geschlnack der Jetztzeit gemacht wird, weiß ich nicht anzugeben, vielleicht andere auch nicht. Thatsache ist, daß die Bibel heutzutage trotz aller Klagen und Mahnungen von Kanzeln und Kathedern riicht mehr in jedem Hanse anzutreffen. Der allgemeine Charakter der Zeit mit ihrer Vorliebe für Tagespresse und Romanlektüre, ihrer Abneigung gegen Bücher lehrhaften Genres mag es in etivas erklären. Das Vorurteil ist einmal da, daß die Bibel kaum mehr als Litaneien, Jeremiaden u. dergl. enthalte, das durch verkehrten Religionsunterricht in der Jugend nur zu oft genährt ist. Und wer wird, einmal der Schule entwachsen, gern zu solcher Lektüre zurückkehren wollen?! _ (Schluß folgt.) Milche Ulillcuschillt fix de siede. Geehrter Herr Redakteur! Ueber unsere sogenannten Litteratur und Geschichts-Vereine, für die bekanntlich eine Reklame gemacht wird, über welche sich gewiß der selige Barnnm vor Neid im Grabe umdreht, habe ich, wie Sie ivissen, meine eigenen "Ansichten, welche der Oeffentlichkeit zu übergeben ich mir für eine passende Gelegenheit Vorbehalte. Es soll, wie ich hoffe, ein satirisches Lustspiel werden, da dieser Gegenstand bei einer ernsten Betrachtung gar zu traurig ivird. Indes darf mau es schon jetzt nicht ganz ungerügt lassen, daß halbwissende Dilettanten seit einiger Zeit mit unserer Wissenschaft und unserer Litteratur herumhausieren und allerhand schlechte Ware dem zum Erbarmen unkundigen Publikum aufhalsen. Giebt es denn keinen mitleidigen Paragraphen gegen den Unfug der Verfälschung geistiger ^Nahrungsmittel? So lese ich z. B. in No. 13 Ihrer geschätzten Zeitschrift von einem in Königsberg i. Pr. gehaltenen Vortrag über Manasse den Israel, in welchem dieser über die Maßen, über Gebühr und über Verdienst gepriesen wurde. Denn objektiv-wissenschaftlich gesprochen: wie kann man nur Manasse den Israel zu den „gelehrtesten und bedeutendsten Männern des 17. Jahrhunderts" zählen? Manasse ben Israel war gewiß eine nicht uninteressante Persönlichkeit; teilweise verdient er sogar unsere Sympathie. Wissenschaftlich aber war er herzlich unbedeutend, ein Mann, der viel und über vieles schrieb, aber wenig konnte und noch weniger wußte, der nicht einmal das milde Urteil rechtfertigte, das über ihn ausgesprochen wird, das Urteil nämlich, daß er schrieb, was er wußte; denn er schrieb mehr, als er wußte. Er war ein mittelmäßiger Schriftsteller, vielleicht noch unter dem Turchschnittsmaß, mit einer Portion Eitelkeit, die man haben muß, um banale Alltäglichkeiten dem Publikum zu bieten, und es ist nur zu bedauern, daß er seiner Zeit vorausgeeilt ist. 'Jetzt wäre er gewiß an seinem Platze; er hätte zum mindesten Oberrabbiner von Berlin werden können. Aber ihn als den „Mittelpunkt der Judenheit seiner Zeit" zu bezeichnen, der „vermöge seines umfassenden Wissens die Aufmerksamkeit der christlichen Gelehrten auf sich zog" — dazu gehört eine Portion Unkenntnis, die selbst in unserer Zeit über die Grenzen des Erlaubten hinausgeht. Fast schäme ich mich, hier daran erinnern zu müssen, daß der „Mittelpunkt" der wissenschaftlichen Welt, soweit es sich um neue bahnbrechende Gedanken handelt, damals Baruch Spinoza, le petit juif d’Amsterdam, war, dem allein wir es zu verdanken haben, daß man als gebildeter Mensch sich noch den Glauben an Gott retten kann. Und auch in der jüdisch-theologischen Welt spielt Manasse ben Israel eine sehr unbedeutende Rolle. Er war zweiter oder dritter Rabbiner in Amsterdam, und zwar bei den spaniolischen Juden, die um jene Zeit sehr wenig hervorragende Persönlich- .leiten auf dem talmudisch-theologischen Gebiete auszuweisen hatten. Und selbst in jener Gemeinde war er eigentlich nur „Prediger" und „Rabbinatsasseffor", wie es in der bnreaukratischen Sprache unserer Gemeinde lauten würde. Wie unbedeutend Manasse ben Israel auf diesem Gebiete war, läßt sich schou daraus ersehen, daß er in der sogenannten Responseu- Litteratur, die um jene Zeit üppig hervorschoß, kaum erwähut wird. Unter den spaniolischen Juden gab es zu jener Zeit nur einen bedeutenden talmudischen Gelehrten, Ch aim Benwenisti in Smyrna, der aber ein charakterloser Streber war, wie sein niedriges Verhalten anläßlich der Sabbathai-Zewi- Bewegung zeigte. Mittelpunkt der jüdisch-theologischen Gelehrsamkeit warum jene Zeit ein älterer Zeitgenosse Manasse ben Israels, Jomtob Lipmann Heller, der „Taußfes Jontef", — den die „gebildeten" Inden der Gegenwart ans Heine kennen — ein Mann von großer Gelehrsamkeit, vielseitigem Wissen, kritischem Scharfblick und für seine Zeit ziemlich weitgehendem Freisinn. Auch durch sein Schicksal ist er eine interessante, anziehende Persönlichkeit, da er, wie bekannt, der litterarischen Angriffe auf das Christentum angeklagt war und mit knapper Not der schwersten Strafe entgangen ist. Sein Kommentar zur Mischnah ist ein eigenartiges und originelles Buch; es zeugt von einer kritischen Schärfe, wie sie um jene Zeit fast unglaublich erscheiut. Daß nuu mit einemmale Manasse ben Israel zum „Mittelpunkt der Judenheit seiner Zeit" gestempelt wird, das ist höchst originell geeignet, den ganzen Litteratur- Vereins - Rumnrel grell zu beleuchten und diese neueste „Rettung" des Judentums zu zeigen, wie sie durch Berliner- Mache geworden: ein Gebilde von Geschäftsidealismus, Aufgeblasenheit und Ignoranz; eine Pflanze, wie sie nur in unserer versumpften Zeit gezeitigt werden kann. Bei dieser Gelegenheit sei daraus hingewiesen, daß Grätz, um unser» Gabriel Rießer herabzusetzen (Grätz war Rießer deshalb nicht grün, weil dieser gegen Heines Ungezogenheiten Stellung genommen hatte), Manasse ben Israel „den Rießer jener Zeit" nannte. Auf diese Ungehörigkeit wollen wir noch bei anderer Gelegenheit zurückkommen; vorläufig sei nur die bedauerliche Thatsache hervorgehobeu, daß Grätz, dessen Geschichtsklitterei sattsam bekannt ist, den Gelehrten unserer Geschichts- und Litteratur-Vereine als einzige und zuverlässige

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