Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 15 (10.4.1896)
- Date
- 1896-04-10
- Page
- Seite 262 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 262. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. Id. wurde ihm als Bescheid der alt-neue kategorische Imperativ: „Schweigen Sie!" Was aber hätte der Gemeindebund thnn können? Viel, sehr viel. Er hätte, mit Preisgabe jener Unparteilichkeit, die lediglich eine Umwertung des Begriffes Impotenz ist, die religiöse Bewegung in unserem Lande vor Versnmpsung bewahren und sie aus geebnete Bahn leiten können. Er hätte einen Fond schaffen können für den ' Religionsunterricht in Deutschland, groß genug, um einem Uebelstand abznhelsen, der an sich, ohne Accompagnement des Gemeindebundes, schreit — zum Himmel empor. Er hätte einen Modus finden können für den Schutz und die Sicherstellung unserer religiösen Lehrer und Leiter, auf daß die begründete Unzufriedenheit, die in jenen Kreisen herrscht, aus der Welt geschafft werde. y Das hätte der Genieindebund erreichen, das wenigstens hätte er anstreben müssen. Es ist von alledeni nichts geschehen. Alles bleibt der Zukunft, bleibt der Thatkraft des künftigen Bundesvorsitzenden Vorbehalten. Platz für einen Mann! Wo aber ist der Mann für den Platz? _ A. L. Zur 5'chul- und Hausbibkl-Frutzk. Von Rabbiner Tr. L. Treitel, Laupheim. I. „Verteuert dem Volke nicht das tägliche Brot, auch das geistige nicht." Diese uralte Losung, sie kann nicht genug auch in unserer Zeit wiederholt werden. Daß sie auf dem Gebiete deutscher Nationallitteratur Geltung hat, von Autoren und Verlegern längst in litterarische That umgesetzt worden, das ist's, daß wir heute in ebenso zierlichen wie wohlseilen Volks- und Schüler-Ausgaben deutscher Klassiker besitzen, und diesem Umstand zumal ist die weite Verbreitung unserer deutschen Klassiker zu danken. Gebet uns gute, auch äußerlich wohl ausgestattete, dabei billige Volks- und Schul-Ausgaben auch unserer, der jüdischen Litteratur, von Bibel und Gebetbuch angefangen, fort bis zu den Hauptwerken unserer jüdischen Dichter und Denker, das ist's, was wir als dringenden Ruf der Zeit ans dem Gebiete jüdischer Volks- und Schul-Litteratur zu fordern haben. Das auszusprechen muß man den Mut haben, ob auch die Olympischen, die mit Pfennigen nicht zu rechnen haben, ob so plebejischer Forderung bedenklich den Kopf schütteln. Es muß möglich sein, daß wir gute und doch billige Bearbeitungen unserer, auch der klassischen Litteratur der Juden bekommen, deren Preis so niedrig gestellt, daß sie auch den Minderbemittelten anzuschaffen möglich — und gerade sie — man weiß es — sind unser Lesepublikum. Dank der Rührigkeit von Verlegern und Autoren ist damit auch in neuerer Zeit ein dankenswerter Anfang gemacht worden; es sind Volks-Ausgaben von Werken der jüdischen Litteratur hergestellt worden, die bei aller Wohlfeilheit auch innere Vorzüge besitzen, die eine besonnene Kritik auch wird anerkennen müssen. Bei Bearbeitung der Bibel für Schule und Volk hat der Schulmann, wie der Freund von Volksbildung solche lange vermissen müssen. Ein Bibelwerk für die Schule, das Hans, das heute noch den Ladenpreis von 5 Mark hat — es ist das ein bekanntes Werk — und es ist das ganz richtig aus Lehrerkonferenzen gesagt worden — hat schon um deswillen nicht Aussicht, jemals allgemeine Verbreitung zu finden, also Volks-Ausgabe zu werden. Sprechen wir zuerst von dem, was solche enthalten, was sie dem Volke, der Schule bieten soll. Nur zu oft ist die Frage ventiliert worden, ob ganze Bibel oder Bibelauszug, oder vielmehr Bearbeitung der Bibel? Das Leben, der Gebrauch haben längst entschieden; immer bleibt Grundsatz: „Die Bibel — und kein Ende!" Wir mögen nicht mehr, wie man das wohl in den zwanziger Jahren und darüber hinaus gern that, die Kindesseele oder das Volksgemüt — denn vielfach verlangt die Volksbelehrnng die gleiche Behandlung — mit einer Unmasse trockner, unfruchtbarer Definitionen moralischer oder religiöser Begriffe quälen und langweilen. Religion und Moral sollen wieder an der Quelle geschöpft werden. Das ist für uns die Bibel, gleichviel ob im Urtext oder in guter deutscher Bearbeitung gelesen. Darum verlangen wir beim Religions-Unterricht von biblischer Geschichte auch, daß sie sich nicht aus dürre Stoffmitteilnng beschränke, vielmehr ein getreues Abbild der lebensvollen Tarstellungsform der Bibel darstelle, vor allem den warmen, poetischen Hauch der Bibel verspüren lasse, indem sie z. B. den warmen Gefühlsausdruck der Bibel nicht mit kaltem Verstandeswort vertauscht. Nicht die Sprache des gewöhnlichen Lebens, so verbreitet auch dieser Irrtum ist, ist die populäre Darstellungsform für biblische Geschichte, sie verflacht, verkleinert nur, was Großes, Erhabenes in der Bibel ist, wie das bereits die Schulmänner-Delegierten-Versammlung vom Jahre 1884 in Berlin anerkannt hat. Man erleichtert auch das Verständnis nicht durch dürftige Wiedergabe des Bibelstoffs; der Vorzug der Kürze ist nur scheinbar. Gerade die epische Breite, wie sie der Bibel eigen ist, ist auch für die Schule, die Jugend in diesem Unterricht der kürzere Unterrichtsweg, das Verständnis viel mehr fördernd, als das aller Ecken wegschneidende, kürzende Buch. Auch die reflektierende, erklärende oder besser oft zerklärende Darstellungsform der biblischen Geschichte hat ihr bedenkliches, so sehr sie auch beliebt geworden, sie schließt vor allem eine schwere Gefahr für Objektivität der Darstellung in sich, indem sie an Stelle des einfachen, oft mit tiefer Absichtlichkeit so hingeworfenen Bibelwortes, daß es der Deutungen mehrere znläßt, eine subjektive einseitige Auffassung setzt. Mit einem Wort: Inhalt und Sprachform — man sollte meinen, daß das I. Auerbach für immer grundlegend dargethan hätte — gehören bei Bibel und Bibel-Bearbeitung für Schule und Volk aufs engste znsamtnen. Langjährige eigene Erfahrung bei der Jugend hat mich gelehrt, wie nichts auch so packend für die Jugend als die urwüchsige Sprachform der Bibel selber ist. Ob dann nicht aber die bloße Uebersetzung der Bibel das Angezeigte für diesen Zweck wäre? Ich muß das verneinen. Wer die Jugend kennt, wer da weiß, wie ermüdend, geradezu langweilend für dieselbe Wiederholungen und auch nur unnötige Breite sind, der wird in der Form der Bearbeitung die zahlreichen Wiederholungen und Hänflingen des Ausdrucks im Wortlaut der Bibel znsammenziehen oder sonst wie vermeiden. Das Gleiche gilt aber auch für