Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 256 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 256. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. der Mann, sich so knrz abfertigen zu lassen, zunral er von Dagoberts Lage besser als der Vater selber unterrichtet war. Denn Traumann, der immer ein nomadisches Leben führte, weil sein frommes Werk ihn bald dort, bald dahin ries, hatte natürlich eher als Samuel erfahren, daß man den Sohn des Nagid bei Ostrolenka in Gielguds Reihen erkanllt habe. Nachman war darum bemüht zu erfahren, wohin das Freikorps von Ostrolenka, bei dem er David wußte, gezogen sei und erfuhr zu seiner Freude, daß sich jene Truppen dem Lager der Gräfin Plater bei Dünaburg angeschlossen haben. Jetzt war sein Plan gemacht. Der alte Rubinthal müsse David anfsuchen und ihm den Kopf zurechtsetzen und wenn der junge Mensch ganz eingeschüchtert, von Reue zerknirscht sein wird, dann zeige man ihm den Weg zur Besserung, den Weg, der zu der schönen Sara führt — und dann Masol Tow! jauchzte Tranman, als ob schon der Trauhimmel ausgestellt wäre, und hüpfte vor Freuden über das gelungene Werk. Minder sanguinisch war der von Traumann eingeweihte alte Rubinthal, denn er kannte den Widerwillen seines Sohnes gegen diese Heirat, und hätte nicht gern ähnliche Auftritte, wie die erzählten, mit ihm gehabt. Indessen ging er auf Nachman's Plan ein, da doch ein Hoffnungsschimmer aus der Ferne blinkte, daß er den Liebling seines Herzens wieder finden werde, und trat die Reise nach Dünabnrg an. Samuel ging sogleich zum Stabs-Chef, und trug mit rührender Sprache sein Anliegen vor. Der leutselige Intendant aber, den der arme Greis dauerte, konnte sich auf keinen David Rnbinthal besinnen. Er ließ in den Verzeichnissennachsuchen, sogar die Todeslisten nachschlagen — dieser Name war nirgends zu finden, ja bei genauerer Untersuchung stellte sich heraus, daß ein David Rubinthal nie in der polnischen Armee gedient hatte. Mit Betrübnis sah Samuel, daß der Schadchen schlecht berichtet sein mußte, und es sank schon wieder jede Hoffnung — als er aus den redseligen Salnschek stieß, den er von Warschau her kannte. Dieser war hoch erstaunt, „den alten Schmul", wie er sagte, im Lager zu sehen, und als er dann ans sein Anfragen den Grund von Rubinthals Anwesenheit vernahm, rief er: „Gottes Donner und Blitz! Da will ich Euch ans der Klemme helfen. Euer Sohn muß gleich hier sein, denn er dient mit mir in einer Kompagnie." „Aber wie kommts, daß niemand einen David Rubinthal kennen will?" „Ja so! 'Nach David Rubinthal hättet Ihr nicht fragen sollen, denn ihr müßt wissen, daß Euer Sohn aus Furcht vor Euern 'Nachstellungen in Dagobert Hildinsky sich umgetauft hat,: denn er meint, „Dagobert" klinge so ritterlich und romantisch, oder wie das heißen mag. Ja, ein Mordkerl, Euer Sohn! Verliere ihn nur sehr ungern, und wackerer Kamerad ist er, das muß man ihm lassen und ein Paar Fäuste hat er — na! die habe ich in Warschau ans denr Walle bei der Schlacht von Grochowo gespürt!" Salnschek wollte noch weiter reden, aber Samuel hatte Eile und kehrte zum Intendanten mit der vernommenen 'Nachricht zurück. „Ah so, der Dagobert ist Euer Sohn!" sagte dieser, „der hat so eben um seinen Abschied nachgesncht, den ich ihm nur ungern erteilt, denn er hat sich immer brav gehalten. Indessen eilet, guter Alter, in die Lagerkaserne, er möchte Euch sonst wieder entwischen." Samuel ließ sich das nicht zweiinal sagen, und in einigen Minuten stand er vor seinem überraschten Sohne, der staunend zu ihm emporstarrte. Wer beschreibt die Gefühle, die sich dieser Beiden bemeisterten! Freude, Ehrfurcht, Reue, Ergebenheit wechselten in Davids Busen. (Fortsetzung folgt) Die Peitsche des Herr» Daniel Jtzig. Eine wahre Begebenheit. Von M. K. *) 'An der Ecke der Burg- und Neuen Friedrichstraße in Berlin, an derselben Stelle, wo sich jetzt das große Börsengebäude befindet, stand vor vierzig Jahren ein großes, einstöckiges Haus. Der geräumige Hof, die breiten Treppen, die weiten und hohen Gemächer, knrz, die ganze Bauart deutete daraus, daß hier ein reicher Mann sein Asyl anfgeschlagen hatte. Es war in der That das Haus eines reichen Mannes, des reichsten Inden zu Berlin, das damals noch keine Kaiserstadt war und kaum mehr als einige Hundert jüdische Familien zählte. Der Name dieses Berliner Rothschilds war Daniel Jtzig, auch wohl Daniel Jaffe genannt: der Stammvater einer vielverzweigten Familie. Wie so mancher arme Junge, der heute seine eigene Equipage, seine galonnierten Diener, seine Villen und palastartigen Gebäude hat und sein Vermögen nach Hnnderttausenden zählt, war auch Daniel Jtzig armer Eltern Kind. Seine Stammhütte — der Leser verzeihe diesen Ausdruck — stand in Arnswalde, einem Städtchen in der Mark. Bald nach zurückgelegtem dreizehnten Jahre wurde der junge Daniel, der etwas Hebräisch gelernt hatte und zur Not schreiben konnte, in das Geschäft eingesührt: er betrieb den Viehhandel in der allerbescheidensten Weise als „Makler", und zwar mit einem Kompagnon, einem Jugendfreunde und Altersgenossen. Als die beiden jungen Geschäftsleute eines Tages von einem Markte heimkehrten, schloffen sie unterwegs noch einen Privathandel ab. Samuel, so hieß der Kompagnon, hatte sich eine neue Peitsche gekauft, die Daniel besonders gefiel. Er nahm die Peitsche, besichtigte sie ihrer ganzen Länge nach, und je länger er sie in der.Hand hatte, desto mehr kam ihn die Lust an, sie sein eigen nennen zu können. „Verkauf' mir die Peitsch', Samuel, wenn Tn sie mir doch nicht schenken willst," sprach endlich Daniel, nachdem er seinen Wunsch lange genug unterdrückt hatte. „Was fällt Dir ein?" erwiderte Samuel; „die Peitsch' ist mir nicht feit; das ist mein Rewach vom ganzen Tag." „Nun doch; ich gebe Dir vier Groschen dafür, und mehr hat sie ja nicht gekostet; Du kannst Dir leicht eine andere kansen." *) In der 'New-^orker Staats-Zeitung.