Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 255 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 14. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 255. war ein Bursche von kaunr 16 Jahren, als er in Gesellschaft von Charles Kean nach Stratford-on-Avon reiste, um mit dem großen Schauspieler an der Feier des dritten Shakespeare- Jubiläums teilzunehmen. Sein Oheim — der verstorbene Jsaac Cowen — hatte für diese Gelegenheit eine Jubiläums- Ode verfaßt, und der jugendliche Neffe bekam den Auftrag, sie in Musik zu setzen. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß er mit allen hervorragenden Komponisten der vergangenen Generation ans vertrantem Fuße stand. Er kannte Mendelssvhn, bei welchem er durch Altwood, den Organisten der St. Pauls-Kirche eingefiihrt ivurde. In seinem Vaterhause spielte er zusammen mit Liszt. Schllmann, Hnnnnel, Moscheles, Meyerbeer, Spohr, Thalberg, Wagner, Hiller, Bilfe, Wallace, Czerny, John Barnett, Verdi und Gounod zählten alle zu seinen persönlichen Bekannten. 1838 spielte er in München vor dem alten König von Bayern. Wie ein Kleinod bewahrt er einige deutsche Zeilen aus, die ihm Mozarts Witwe ins Album schrieb, als er die ehrwürdige alte Dame in Salzburg besuchte. Er sah die Mauern des jüdischen Ghettos in Rom niedergebrochen, als er 1H40 die ewige Stadt besuchte. Ein an so kostbaren Erinnerllngen reiches Alter ist eine der auserlesensten Himmelsgaben, die einem Sterblichen zuteil werden können. Salamon wurde von Musikkritikern oft als „der englische Schubert" bezeichnet. 68 Jahre lang strömte seine Feder unaufhörlich einen Reichtum von Melodien aus, die den englischen Liederschatz stark und dauernd bereicherten. Seine Kompositionen sind von einer verblüffenden Mannigfaltigkeit; er setzte die besten lyrischen Gedichte Englands in Musik und komponierte auch französische, italienische, deutsche, spanische, hebräische, griechische und lateinische Texte; er schrieb Werke für das, Pianoforte, die eine europäische Berühmtheit erlangt haben; Antiphonien, Kyries und andere Unterarten der Kirchenmusik. Er hat sogar ein „Ave Maria" geschrieben, das feinen Weg nach dem St. Peters-Dome in Rom fand. Seine berühmte Komposition des 84. Psalms „Wie schön sind deine Zelte" wurde in der Westminster-Abtei und in den meisten englischen Kirchen aufgeführt. Ursprünglich war sie' als hebräische Antiphonie für die West-London-Synagoge komponiert, wo ihr Vortrag an verschiedenen hohen Festtagen stets ein Ereignis von höchstem musikalischen Interesse ist. Die West-London-Synagoge ist Herrn Salamon überhaupt großen Dank schuldig, denn für sie schrieb er den größten Teil der berrlichen Tempelmnsik, besonders aber die Musik für das Neujahrs- und für das Versöhnungsfest, welche, wie allgemein anerkannt wird, von uniibertrefflicher Schönheit ist. All diese Werke, oder doch der größte Teil von ihnen, wurden von Salamon im Sommer 1841 oder da herum komponiert, als er ans der Höhe seines musikalischen Rufes stand. _ Tr. M. S chwarz. Vit Inlurgkiltkii. Von S. P. (Fortsetzung.) Bald jedoch richtete sich Dagobert mit männlicher Würde auf und sprach feierlich: „Hören Sie, Seline, Liebe mrlß offen sein. Ich kenne noch etwas, das mir höher steht, denn Liebe." „Und was ist das?" fragte Seline neugierig. „Tie Liebe auf Erden ist die Vorhalle einer ewigen Seligkeit. Liebe ist ein Strahl ans einer höheren Sonne, die wir in dunkler Ahnung nur, erfassen. Und dieses Reich der Seligkeit muß uns werter als seine Vorhalle, diese Sonne mehr als ihr Strahl sein." „Ich verstehe Sie nicht ganz," sagte Seline immer gespannter. „Seline!" rief Dagobert mit erhöhter Stimme. „Ich schwöre Ihnen ewige Liebe und Treue, ich schwöre Ihnen, nie gebe ich Hand und Herz einer andern, als Ihnen. Aber auch Sie werden nicht die Meinige werden. Ein unerklimmbarer Berg liegt zwischen uns." „Dieser Berg?" fragte Seline in banger Ahnung. „Kennen Sie den Berg, von dem der Dichter sagt, daß man ihn so leicht hinan und so schwer heruntersteigt. Es ist — der flammende Berg Sinai." „Unglückseliger Verrat!" schrie das Mädchen und floh entsetzt ins Zeltgemach. Auch Dagobert raffte sich aus und stürzte wie rasend hinaus in die Schlachtreihen. Er hatte eine Zentnerlast sich vom Herzen gerissen, aber sein Herz blutete dabei. Wie ein Würgengel mähte er die Scharen der Feinde nieder; sie flohen entsetzt vor dem wütenden Jüngling. Er hatte, ohne es zu wissen, den Sieg des Freikorps entschieden, und man trug ihn erschöpft von der Wahlstatt. Als man gleich daraus das Heer musterte, um die Anzahl der Gefallenen zu kennen, wurde auch Seline vermißt. . Man suchte vergeblich ihren Leichnam auf dem Schlachtfelde, und Tags darauf fand man die Kleidungsstücke, die sie getragen, am Ufer eines in der Nähe fließenden Baches, unweit einer Brücke. Man hielt sie für ausgeplündert und ertränkt; die Kleider mußte der Feind aus der Flucht verloren haben. vm. Wir haben schon erzählt, daß der alte Samuel Rnbenthal am Tage nach Davids Verschwinden überall Erkundigungen einznziehen suchte, allein, wie er jeden Morgen mit der Hoffnung anfstand, die Spuren seines Sohnes ausfindig zu machen, so kehrte er jeden Abend mit dem trostlosen Bewußtsein heim, daß in dieser tumnltnarischen Zeit, wo die größte Regellosigkeit in allen Polizeibehörden herrschte, jede Mühe vergeblich sei. Hanna, die Mutter, siechte zusehends von Tag zu Tag hin, und auch an Samuels starkem Herzen begann der stille Gram zu nagen, er härmte sich im Innern, wenn er auch seines Schmerzes Meister zu werden strebte. Er hatte an Tranmann geschrieben, daß vor der Hand gar nichts entschieden werden könne, weil Dagobert eine Geschäftsreise angetreten habe, und sich die Zeit der Rückkunft nicht bestimmen lasse. Indessen schwand das Peßach-Fest, die Zeit der Rosen war wieder da, Samuel aber empfand nur ihre Dornen, denn keine Spur leitete auf die Irrwege des verlorenen Sohnes. Ans Tranmanns wiederholte Aufforderungen schrieb ihm endlich der alte Vater, jener möge sich nun ganz und gar nicht mehr um die Partie bekümmern, da Dagobert ans fernem Boden weile, und seine Heimkehr sich in dje Länge ziehen möchte. Aber Nachmann war nicht