Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 251 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 251. und trotzdem nicht gar zu unbeliebt. Jacobs findet die Erklärung darin, daß wir Inden ein streitbares Geschlecht sind, daß wir den Kamps auf Lebensgebiete übertragen, wohin er nicht gehört. Der Jude streitet über Politik, über das Theater, über den Charakter eines Freundes, über alles; und immer behält er das letzte Wort. Aber es ist nicht diese etwas paradoxe Erklärung unseres geistreichen Glaubensgenossen «diese Eigenschaft der Streitbarkeit und Disputierlnst ist bekanntlich ein charakteristisches Merkmal des deutschen Volkes), sondern die Bemerkungen eines der vornehmsten englischen Wochenblätter, der „Satnrday Review", welche den Leser ganz besonders interessieren werden. Wie kommt es, schreibt das genannte Blatt, daß es keine Judenfrage in England giebt, wie sie in Deutschland, Frankreich und Oesterreich existiert, von Rußland nicht zu reden? In Paris, Berlin und Wien hat man ans der jüdischen eine brennende soziale Frage gemacht - das ist hier in London durchaus nicht der Fall. Wie kommt das wohl? Tie Antwort lautet einfach, daß in Deutschland, Frankreich und Oesterrreich die harne fmance, der Geschäftsadel, fast ausschließlich von Juden vertreten wird. In London dagegen stehen die Dinge ganz anders. Ans dem Kontinente sind aller Allgen auf die Rothschilds, die Sterns, die Bleichröders und die Mendelssohns gerichtet, in England hingegen konlnien auf jeden jüdischen einige christliche Millionäre. Neben einem Beit steht ein Rhodes, neben einem Barnato ein Robinson, lvährend die Rothschilds, die Sterns und die Goldschmids verdunkelt werden von den Barings, den Lnbbocks, den Corlttses, den Glyns, den Basses, den Guinnesses und den Allsops. Mit anderen Worten, die Anzahl der jüdischen Finanziers verschwindet unter den Peers, sowie den Banknnd Bier-Millionären der mächtigen englischen Familien. England kennt keinen "Neid ans jüdischen Reichtum. Gleich den alten Römern haben die Engländer die natürliche Gabe, rvertvolle Kräfte auch aus ursprünglich fremden Quellen zu absorbieren. — Die Sonntags-Reformer. Mit dem Sonntags-Judentum scheint es, wie ivir in der vorigen Nummer gemeldet, inderthat nicht recht vorwärts gehen zu wollen. Das ist nicht Fisch und nicht Fleisch, und wendet sich an Menschen, die eigentlich weder Juden noch Christen sind. Der Chicagoer Rabbiner Dr. Emil G. Hirsch, der ein glänzender Redner ist, aber das Judentum zu einer Art ästhetischen Angelegenheit umgestaltet sehen möchte, dürfte das wohl auch bald einsehen. In einer seiner jüngsten Sonntags-Predigten klagte er wehmütig, daß die Synagoge, in der er so schöne Essays predigt, leer bleibt. Ein Rabbiner, der sich nicht an Gläubige wenden will, sollte nicht verwundert sein, wenn man auch ihm keinen — Glauben entgegenbringt. Ter Herr Rabbiner des Sonntags-Judentums muß sich überdies eine nichts weniger als schmeichelhafte Kritik seines Wirkens in den Tagesblättern gefallen lassen. Am Ende werden vielleicht auch diese Rabbiner erkennen, daß ihr Beruf nur dann kein verfehlter ist, wenn sie vorerst auch — Juden sein wollen, die für und mit Juden wirken. Aus New - Pork wird einem auswärtigen Blatte geschrieben: Die Orthodoxie in New - Jork läßt sich in große Gruppen klassifizieren, a) die Gruppe, welche an der East-side vertreten ist und nur gebildet wird von unseren Glaubens - genossen, welche aus dem Osten Europas kommen, also aus Rußland, Polen und den angrenzenden slavischen Ländern und l>) aus der Gruppe, welche größtenteils Inden deutscher "Abstammung bilden. Das russisch-polnische Element spielt überhaupt eine bedeutende Rolle in New - Port. Ich muß aber gestehen, daß der deutsche Jude zu dem Gottesdienste dieser Gemeinden sich nicht hingezogen fühlt; er geht nur hin, um einmal einen guten Chasan zu hören. Damit sei aber nicht gesagt, daß in New-Pork zwischen den deutschen und polnischen Juden Feindschaft bestehe; der deutsche Jude steht seinen polnischen Glaubensgenossen thatkräftig bei, und deutsche Juden opfern jährlich Hunderttausende von Dollars für solche Zwecke, die ausschließlich dem russisch - polnischen Element zu Gute kommen. In dem jüdischen Ghetto New - Ports findet sich keine Straße, wo nicht eine Synagoge steht, ja fast in jedem Square sieht man Häuser, die mit einem jüdischen „Sign" prangen und anzeigen, daß hier eine Chewra, dort eine kleine Kongregation ihre Andacht abhält. — Die Muster-Ackerbauschulc, die Dr. Kranskopf in Philadelphia propagiert, zu deren Gunsten er im vergangenen Jahre den Westen bereiste und Vorträge hielt, wird bald zur praktischen Ausführung gelangen. In dem Empfangszimmer der Gemeinde Keneseth Israel in Philadelphia wurde dieser Tage eine Organisations-Versammlung abgehalten unter dem Vorsitze Kranskopfs. In seiner Eröffnungsansprache gab er eine bündige Zusammenstellung der Schritte, welche bis dahin gethan wurden und machte Mitteilung über das erreichte Resultat. 120 Acker Landes wurden in Deylestown in der Nähe von Philadelphia für 10,000 Dollars käuflich erworben. Die Farm ist bereits unter Kultur und es befinden sich dort Fruchtbaum-Pflanzungen, Waldanlagen, Teiche und verschiedene Gebäulichkeiten. Nun müssen noch die notwendigen Schulgebäulichkeiten errichtet werden. Im ganzen sind 20,000 Dollar erforderlich, wovon etwa 12,000 gesammelt sind. Weitere 3,000 Dollar gedenkt Dr. Kranskopf diesen Sommer zusammenznbringen, indem er den Süden bereisen und Vorträge zum Besten der Schule halten wird, sodaß nur noch 5,000 Dollar durch Privatsubskriptionen aufznbringen würen. — Der Assimilation arbeitet nunmehr auch die Hohe Pforte vor, indem sie verfügt, daß fortan in allen Schulen, in öffentlichen wie privaten, die türkische Sprache obligatorisch gelehrt werden müsse. Diese Verfügung wird nicht verfehlen, in den Kreisen der Betroffenen Mißstimmung zu erregen. Denn abgesehen davon, daß jede Gemeinde, auch wenn ihre materiellen "Mittel es nicht gestatten, einen eigenen Lehrer für das Türkische wird anstellen müssen, wird auch der Zeitverlust, den das Erlernen der genannten Sprache verursachen wird, ein beträchtlicher sein. So werden von nun an auch die Israeliten in Palästina, Syrien, Mesopotamien und "Arabien, für die das Türkische weder nötig noch nützlich ist, dasselbe doch erlernen müssen, um es dann, wenn sie die Schule verlassen haben, wieder zu vergessen. Auch die jüdischen Kolonisten in Palästina werden nun das Türkische erlernen müssen.