Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 14 (3.4.1896)
- Date
- 1896-04-03
- Page
- Seite 250 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seile 250. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. — Gegen die Wiener Bubokratic, die bekanntlich alle Juden.für ehrlos erklärte, sind von berufenster Seite ernste Maßregeln ergriffen worden. Infolge einer Interpellation im Abgeordnetenhause teilte Kultusminister Freiherr v. Gautsch lnit, daß gegen den Studenten (Mediz. Albrecht), welcher der berüchtigten Versammlung präsidierte, die Strafe dauernder Relegierung von der Wiener Universität verhängt, gegen zwei Studenten, die das Absingen der Lieder an der Aula provozierten und dadurch die Ordnung störten, die Relegierung für ein Semester, gegen jene Studierenden, die vor dem Rektor die Aussagen bezüglich ihrer persönlichen Teilnahme in der Versammlung verweigerten, eine Rüge vor versammeltem Senat, verschärft mit dem consilium abeundi, ausgesprochen worden sei. — Der Vorsitzende des Abwehr-Vereins in Wien, Freiherr v. Suttner, veröffentlicht in dortigen Blättern folgende Erklärung: „Von mehreren Seiten wurde an die Leitung des Vereines zur Abwehr des Antisemitismus die Anfrage gerichtet, ob der Vorstand sich nicht entschließen werde, gegen die Vorgänge der jüngsten Tage an der Wiener Universität Stelluirg zu nehmen. Die Antwort lautet: Rein! Denn Enunciationen solcher Art, die ans einer Versammlung von Minderjährigen, also gesetzlich Handlungsunfähigen, hervorgehen, verdienen nur als das betrachtet und qualifiziert zu werden, was sie wirklich sind: als groteske Ueberhebungen, wie sie nur der antisemitische Größenwahn hervorzubringen vermag. Tie jüdischen Studenten haben durch ihre korrekte, würdevolle Abwehr bewiesen, daß sie ihren Gegnern nicht nur gewachsen, sondern über sind, und sie können des Beifalls aller rechtdenkenden Menschen sicher sein. Zur endgiltigen Lösung dieser Frage ist einzig und allein die Unterrichts-Behörde berufen, und wir dürfen unter der gegenwärtigen Regierung wohl eine gerechte und befriedigende Entscheidung erwarten." — Eine „Sühne". In unserer vorletzten Nummer berichteten wir von einer Hetze der ungarischen Antisemiten, die den Gastwirt Adler zum Selbstmord trieb. In derselben Nummer teilte unser Bndapester Korrespondent mit, daß die Kinder des verstorbenen Adler den gegen den Priester Fuß angestrengten Beleidignngsprozeß weiterzusühren erklärt hatten. Dieser Prozeß hat nun ain 26. v. M. stattgefnnden. Vor der Bndapester Preßjnry stand der katholische Hilfsprediger Johann Fuß unter der Anklage, sich durch einen Artikel im „Magyar Allam", der den Gastwirt Adler des Ritualmordes beschuldigte, der Verleumdung und Ehrenbeleidigung schuldig gemacht zu haben. Der betreffende „Ritualmord" hatte bald nach dem Erscheinen des inkriminierten Artikels den Gegenstand einer Kriminalnntersuchnng vor dem Jpolsager Gerichtshöfe gegen Ignaz Adler und Genossen gebildet, die aber mit der Einstellung des Strafverfahrens endete, weil sich nicht die geringsten Anhaltspunkte für eine Anklage ergaben. Der Prozeß schloß damit, daß der Angeklagte schuldig gesprochen und zu einem zehntägigen Arrest sowie zu einer Geldstrafe von 50 sl. verurteilt wurde. Bemerkenswert ist es, daß der Verteidiger- Fuß', der Abgeordnete und Chefredakteur des „Magyar Allam" Tr. Josef Hortovanyi, seinem Plaidoyer, in welchem er die bona fkles Fuß' darznlegen suchte, die mit der Haltung seines Blattes kontrastierende Erklärung voransschickte, daß nach seiner Ueberzeugung die Juden keine Ritualmorde kennen. Hier in Berlin ist vor kurzem ein Herr Sedlatzek, der das Gegenteil behauptet hatte, freigesprochen worden. — Der Antisemitismus in Frankreichs der bisher noch ein klägliches Dasein fristete und im wesentlichen einige öffentliche Aergernisse bis auf den Grund ausbeutet, kann doch wohl noch eine weitere Ausdehnung erfahren, weil die studierende Jugend ihm in Massen zufällt. Während in Deutschland der Antisemitismus der Studierenden nicht selten in der Aemterstreberei, dann in den verhetzenden Reden einiger Lehrer ihre Erklärung findet, ist ein großer Teil der französischen Studenten und der jungen Künstlerschaft decadent — eine für alle neuen Ideen entbrennende Masse. So erklärt es sich, wenn aus den Reihen der Bohomiens hin und wieder antisemitische Produkte hervorgehen. So stellte vor kurzer Zeit ein junger Maler, der freilich — vor Scham? — seinen Namen nicht nannte, ein Gemälde aus, das den „Märtyrertod des jungen St. Simon im Jahre 1472 in Trient" zum Vorwurf hatte. Die antisemitischen Blätter schrieben große Kunstkritiken, worin sie den nenerstandenen Genius feierten, seine „Originalität" ausposaunten. Das Gemälde machte Aufsehen, bis endlich daraus hingewiesen wurde, daß diese Originalarbeit die Kopie einer mittelalterlichen Xylographie sei, ivelche im 16. Jahrhundert ein häufig wiederkehrender illustrativer Schmuck judenfeindlicher Werke war. Weit mehr Gegenstand der allgemeinen Unterhaltung bildete ein Drama Edmonds de Goncourt. Freilich ist Goncourt heute kein Jüngling mehr — er ist im Jahre 1822 geboren — allein, wie er ein rühriger Vorarbeiter des heutigen Naturalismus gewesen, so kämpft er auch heute als erster in den Reihen der Modernen, die, weil es etwas Neues ist, auch antisemitische Gelüste haben. Das Stück, um das es sich hier handelt, führt den Titel: Manette Salomon, und ist nach einem Roman dramatisiert: Ein jugendlicher hyperidealistischer Maler Corcolis hat sein Modell, die Jüdin Manette Salomon, geheiratet. Mit seiner ganzen psychologischen Darstellungsknnst läßt Goncourt den häuslichen Zwist zu einem heftigen Konflikt sich answachsen, zu einem Kampfe der arischen und semitischen Rasse. In diesem Konflikt ergoß sich eine solche Flut gemeinster antisemitischer Schimpfereien über die Juden, daß die Drumontianer, die der Vorstellung im „Vaudeville" beiwohnten, sich vor Freude nicht zu lassen wußten. Corcolis ist natürlich die fleischgewordene Tugend, während alle Laster durch die Jüdin verkörpert werden. Alle Kritiker haben diese Schwäche gegeißelt, während die antisemitischen Zeitungen das Stück als eine „That" hingestellt haben. Ob Goncourt wohl durch dieses Produkt seiner Ansicht zum Siege verhelfen will, die er bei einer Erklärung 1879 abgab: „In 50 Jahren spätestens wird die Bühne zu einer groben Belustigung geworden sein und wird nichts mehr gemein haben mit der Litteratur, dem Stil, dem Sinn für das Schöne?" — Warum sind wir nicht beliebt'? Unser Glaubensgenosse Joseph Jacobs, der Präsident der englischen Folklore-Gesellschaft und ausgezeichnete Bibliograph, hat soeben ein sehr interessantes Büchlein (Jüdische Ideale, London, David sJiutt) publiziert, das der Beantwortung der Frage gewidmet ist: „Warum sind wir nicht beliebt?" — Sind wir zu gut? -Nein. Sind wir zu exklusiv? Die Onäker und Schotten sind auch sehr exklusiv