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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-03 · 14 (3.4.1896) · p. Seite 249

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 249 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 249. baruug, daß er nicht mehr geeignet erscheine, dieses Volk in das gelobte Land zu führen. Freilich, für solche Offenbarungen sind nur Charaktere von der Art Moses prädisponiert; wir aber sind schlichte schwache Menschenkinder. Allein wer Führer sein will in Israel, der darf diese Schwäche wenigstens nicht z eigen. A. L. — Freiherr v. Langen. Das Schauspiel, daß ein antisemitischer Ehrenmann einen andern abthut, ist nicht neu, trotzdem muß, wenn auch nur kurz, jede Neuaufführung rezensiert iverden. Ter „Klassiker" unserer Gegner, Karl Paasch, den die hiesigen Gerichte für geisteskrank erklärt haben, hat wider den Talmudgelehrten v. Langen eine Broschüre veröffentlicht, die den Freiherr als einen Nichtgentleman erklärt. Sein Lebenswandel soll so locker gewesen sein, daß er von Herrn von Hammerstein gelobt wurde. Die antisemitische Presse befindet sich darob in großer Verlegenheit; sie darf die Jmmoralität eines ihrer hervorragendsten Führer nicht einmal auf seine Beschäftigung mit dem Talmud zurückführen. Denn der nämliche Karl Paasch, der schwerwiegende Anklagen gegen seinen Gesinnungsgenossen erhebt, verrät in seiner Broschüre, daß Herr Dr. jur. Freiherr F. E. v. Langen, der antisemitische Sachverständige in wlmnclic>8, der geborene Referent über alle Talinndpetitionen und eifrige Verteidiger aller Gesuche um Aufhellung der entsetzlichen jüdischen Geheimlehren, — daß dieser Talmndgelehrte comme il faut, sagen wir, von dem Gegenstände, über den er ein Buch veröffentlicht, nicht das geringste versteht, sagt Paasch. Das Buch, das von Langen unter seinem Namen veröffentlicht („Das jüdische Geheimgesetz") und das Referat, das er mit Pathos im Parlament vorgetragen, rührten von ihm, Paasch, her. Das wußten wir längst und haben es in diesem Blatte schon vor Jahr und Tag ausgesprochen. Denn das Buch konnte ein Mensch mit gesundem Sinne nicht zusammettgekleistert haben. Daß dies aber jetzt von Paasch zilgegeben, daß von ihm sein „geistiges Eigentum" reklamiert lvird, das inacht die Sache interessant. Das zeigt aber auch von neuen, wie sie beschaffen ist, die moralische Qualität unserer Gegner, mit denen wir uns herumschlagen müssen. Ei» verfrühter Aprilscherz. Nach einer Mitteilung der Köln. Ztg. sott der Negus Menelik von Abessinien an den englischen Missionar Mr. Cläre ein Schreiben gerichtet haben, in welchem er sich auffallend unterrichtet über die sogenannte Judenfrage zeigt und den Europäern Toleranz predigt. Wir halten das ganze für Wiener Fabrikat. Dort fabriziert seit einiger Zeit ein Tageblatt Interviews mit hervorragenden erotischen Persönlichkeiten, die sämtlich beiveisen, daß die Wilden in puncto Antisemitismus bessere Menschen seien. So war es zur Zeit der armenischen Wirren in der Türkei ein hochstehender türkischer Staatsmann, der einen seiner Wiener- Kollegen belehrte, daß die Christenhetze in der Türkei lange nicht so schlimm sei, wie die Jndenhatz in Oesterreich. Und nun sott wohl der Negus ausmarschieren, der sich zur Jndensrage wie folgt geäußert haben soll: „. . . . Was Ihr das Alte Testament nennt, ist eben so wahr wie das Neue, und was darin steht, muß von denen geachtet und gehalten werden, die Jesus und den von den Propheten verkündeten Aposteln folgen. 'Niemals hat Jesus das ewige Merkzeichen seiner Rasse abgeschafft; denn er selbst ist ihm am achten Tage von seiner heiligen Mutter unterzogen worden. Wenn man daher das unterdrückt, was Gott aufgestellt hat „von Zeit zu Zeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit", so schwächt man den Glauben und giebt ein Schauspiel, wie es die Christen Europas geben. Sie üben Gewaltthätigkeiten nicht allein draußen, sondern auch bei sich gegen die Juden, die trotz alledem christliche Seelen sind und denen wir unseren Heiland verdanken. In meinem Reich giebt es deren mehr als 300 000, und die sind, obwohl sie in fast vollständiger Unabhängigkeit leben, willige und arbeitssame Unterthanen. Sie stiften nie Verschwörungen an, zahlen alle Abgaben und achten unseren Abnua (das Oberhaupt der äthiopischen Kirche) ebenso wie die Christen. Wenn sie in Europa schlechter sind, so kommt das daher, daß dort auch die Christen schlechter sind. Und Herr Jesu hat ihnen am Kreuze verziehen, weshalb werden sie also noch verfolgt? Sie freilich verfolgen sie nicht; mögen die anderen Christen Europas Ihnen nachahmen! Was euch not thut, ist, wieder zu unserm Gott zurückzukehren, alle seine Gebote achten, nicht mehr Moses und die Propheten von den Aposteln oder den heiligen Petrus vom heiligen Paulus zu trennen." — Wir geben diese Stelle wieder. Denn ist es auch nicht wahr, daß sie vom Negus geschrieben, — das, was hier geschrieben, ist fast durchweg wahr. — Ahlwardt als Schnorrer. Unter dieser Stichzeile berichtet die New-Porker Staats-Zeitung über des glücklichen Ahlwardt unglückliches Ende. Sein geistiges Kind, die „A. A. A." (Amerikanische Antisemiten-Affociation) hat ihm den Stuhl vor die Thüre gesetzt, weil man sich in den Kreisen der „A. A. A." überzeugt hat, „daß" — so heißt es in einer öffentlichen Erklärung der bisherigen Parteiführer — „daß die von Herrn Ahlwardt in Szene gesetzte Agitation weniger den Zweck hat, unlautere Praktiken der Semiten zu bekämpfen, daß vielmehr diese ganze Agitation von Herrn Ahlwardt als ein Zirkus betrachtet wird, in dem die künstlich enthusiasmierten Anhänger nur als Statisten fungieren sollen, um Herru Ahlwardts unersättlichen Säckel zu füllen." Ferner wissen diese Parteiführer mitzuteilen, daß der Reichstagsabgeordnete für Arnswalde-Friedeberg „alle besser situierten Personen, welche er in den von uns einberufenen Versammlungen kennen lernte, sofort am nächsten Tage um größere oder kleiuere Beträge anbettelte und sich solcher Mittel bediente, die selbst dem ärmsten Juden zu niedrig sind, so daß er auf die Unterstützung und Sympathie aller auf Anstand Anspruch machenden Menschen begreiflicherweise nicht mehr rechnen kann. Obwohl derselbe für alle Vorstellungen, die er uns hier gegeben, stets in anständiger Weise bezahlt wurde und obwohl die mit der Unverfrorenheit eines Handwerksburscheu ausgeführten persönlichen Schnorrereien des Herrn Reichstagsabgeordueten ihm in Brooklyn allein in Wochensrist über 60 Pfund eingetragen, war derselbe immer in angeblicher Geldnot. Bald war der Anzug oder die Uhr versetzt, bald war die Kosthausrechnung zu erstaunlicher Höhe angelaufen, und immer wieder suchte erneue Gimpel zu finden, die dem würdigen Reichstagsabgeordneten aus der Klemme helfen sotten." — Die Angeblichen, die nicht „alle" werden, scheinen drüben doch ziemlich schnell alle geworden zu sein, so daß nur begründete Hoffnung haben, den großen Volksmann bald hier wiederzusehen. Die Freude — seiner Gläubiger!

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