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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-03 · 14 (3.4.1896) · p. Seite 247

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 247 (sequence 3)
Language
German
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Nr 14. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 247. Hier kann es doch nur zwei Anschauungen geben. Entweder war die Einführung des Christentums von Segen oder nicht. Tenn über die territoriale Ausbreitung der christlichen Lehre kann es doch nur eine Meinung geben. Wann und durch wen die Iren, Schotten, Franken, Sachsen re. Christen wurden, darüber kann nur eine Ansicht bestehen, darüber giebt es nur eiu positives Wissen, lieber die Segnungen der Einführung des Christentums kann es, wie gesagt, zwei Anschauungen geben. Die eine weist den enormen Kulturzuwachs nach, den die Einführung der christlichen Religion im Gefolge hatte, die andere leugnet ihn. Zur ersteren Ansicht bekennt sich eine große Majorität der Gebildeten, gleichgiltig ob Christen oder Juden, zur zweiten bekennt sich unseres Wissens u. a. ein Dühring und der Troß seiner Anhänger, die auch Lehrstühle einnehmeu. Wo ist ein jüdischer Lehrer, der wie Dühring über das Christentum in der Schule Urteile fällen lvürde, Urteile derart, daß wir aus preßgesetzlicheu Gründen Anstand nehmen, sie zu reproduzieren?! Aber Herr Dühring steht nicht allein. Der Antisemit G. Fr. Daumer erklärt das Christentunr für beit „Jesuitismus der antiken Welt", Wilhelm Marr für die „Verjudung der Menschheit". Und nicht anders lauten die Urteile Radenhansens und des Universitätsprofessors Paul de Lagarde. Wenn Tr. Bosse den Geschichtsunterricht von diesen Anschauungen reinigen will, sein Werk hätte relativ und vielleicht auch positiv mehr Berechtigung, als sein Angriff auf die Handvoll jüdischer Lehrer und Lehrerinnen. lieber die Kämpfe, Ziele und Routen der Kreuzzüge kann es nur seststeheude Thatsachen, aber keine Meinungen geben, welche in der Schule vorgetragen werden. Wohl aber kann man über die Motive und die aktuellen Ergebnisse verschiedener Meinung sein. So hat Prutz in seiner Kulturgeschichte der Kreuzzüge diese als vorwiegend weltliche Bewegung dargestellt, die durch die Eroberungszüge der Normannen und durch die Handelspolitik der Genuesen und Benetianer veranlaßt worden seien. Kugler wiederum betont mehr die religiöse Richtung der Zeit und Sybel hat eine ganze Reihe von frommen Kreuzztlgs-Legenden völlig zerstört. Unsere Lehrbücher tragen eben diesen Forschungen keine Rechnung, und mit Recht, da sie nur feststehende Ergebnisse und nicht Vermutungen darzustellen haben. Ebenso kann der jüdische Lehrer den Kindern nur die positiven Resultate vorführen, und niemand unter ihnen wird es je verabsäumt haben, das religiöse Motiv objektiv gebührend hervorzuheben. Dr. Bosse hat anscheinend nicht ohne Grund bei den Kreuzzügen Halt gemacht. Tenn wenn er die dritte große Bewegung, die Reformation, hinzugenommen hätte, wäre ihm die Zweischneidigkeit seines Erlasses anfgegangen. Zur Zeit der „Kölner Wirren" wurde betont, daß ein protestantischer Lehrer der Geschichte den Bedürfnissen der katholischen Schüler nicht gerecht werden könne, und wirklich hat auch ein Gymnasium ztt Frankfurt a. M. dieses Bedürfnis durch Anstellung eines katholischen Lehrers der Geschichte befriedigt. Umgekehrt wieder behauptet der protestantische Professor Dr. Kaufmann ans Breslau, ein Katholik könne kraft seiner Konfession überhaupt keine Geschichtsdarstellung liefern. Wer hat recht? Damit ist der konfessionelle Geschichtsunterricht zum Prinzip erhoben. Wie hübsch und tolerant aber nimmt sich dieses Prinzip in der Praxis aus! Da nannte in der Umstnrzdebatte der Zentrumsabgeordnete Grober Gustav Adolf einen „Mordbrenner", wogegen Graf zu Limburg-Stirum energisch protestierte, der in dem Schwedenkönig „eine große, historische Persönlichkeit" erblickt und einen Seitenhieb gegen Tilly führte, und Abg. v. Buchka sah die „Märtyrerkrone über dem Haupte Gustav Adolfs" glänzen. Und eine der Flugschriften, die die „Germania" herausgiebt, beklagt sich bitter, daß Schillers Geschichte der Zerstörung Magdeburgs in alle Schulbücher übergegangen sei. „Jahrzehnte hindurch ist ein großer Teil unserer deutschen Jugend an solchen Büchern herangewachsen und die Sage von dem grausamen Tilly in Magdeburg hat eine Art von Volkstümlichkeit erlangt." Noch schlimmer erscheint Martin Luther im Lichte einer konfessionellen Geschichtsbetrachtung. Der katholische Kanonikus und Antisemit Rohling nennt in seinem „Antichrist und das Ende der Welt" die Reformatoren Luther, Melanchthou, Zwingli und Calvin „Schurken" und er urteilt über den Protestantismus in reinem Wahnwitz wie folgt: „ ■ Redlichkeit liebende Protestanten werden sich mit Abscheu von ihren bisherigen sogenannten Kirchen abwenden, wenn sie in Erfahrung bringen, was für Schurken jene waren, die den Protestantismus ins Leben riefen." . . . „Wohin der Protestantismus seinen Fuß setzt, verdorrt das Gras; geistige Leere, Verwilderung der Sitten, schauerliche Trostlosigkeit der Herzen sind seine Früchte; ein Protestant, der nach Luthers Rezepten lebt, ist ein Ungeheuer; - Vandalismus und Protestantismus sind identische Begriffe." Ter Protestant Stacke schreibt in seinem für Schüler bestimmten „Lehrbuch-Erzählungen aus der netteren Geschichte": „Luther horte in Rom unglaubliche Erzählungen von dem Leben des Papstes." In einem Artikel gegen das katholikenfeindliche Buch erklärte die katholische „Germania": „Wir haben auch „unglaubliche Erzählungen" von dem Leben Luthers gehört und doch wird sie Herr Stacke gewiß nicht gelten lassen. . . . (Bekannt ist die Schrift eines einst viel genannten katholischen Kaplans, in der zur Herabsetzung Luthers behauptet wird, Luther habe sich am Bettpfosten erhängt. Red. der V.-Z.). Luther liebte es, hie ititb da in honorem sui ipsius (zu seiner eigenen größeren Ehre) ein wenig zu flunkern." Und der als Lehrbuch dienende „Kontrovers-Katechismus des Jesuitenpaters Scheffmacher sagt von Luther; „Den Fürsten gab er Kirchengnt, den Mönchen Weiber, dem gemeinen Volke Freiheit und Fleischeslust, Habsucht, Unbändigkeit. — Damit reichte Luther aus, und solches erklärt das rasche Znnehmen des Luthertums ..." Luther gilt ihm als „der Urheber der Revolution, der die Grundlage der christlichen Ordnung in der Welt zerstörte, den christlichen Gehorsam und damit alle Bande des Friedens und der Wahrheit der Volker 'aufloste." Ganz anders nimmt sich Luther schon bei dem Altkatholiken I. v. Dollinger aus. Er nennt ihn den gewaltigsten Volksmann, den populärsten Charakter, den Deutschland je besessen." Und wie begeistert klingt das Lob Luthers aus lutherischem Herzen und Munde! In Luther lebte, so preist

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