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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-04-03 · 14 (3.4.1896) · p. Seite 246

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
14 (3.4.1896)
Date
1896-04-03
Page
Seite 246 (sequence 2)
Language
German
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r Seite 246. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 14. 1 nicht ohne eine innere Begabung, ahne eine innere Empfänglichkeit bei der Nation denkbar, ebensowenig wie wir uns die griechische Kultur ohne das nationale Bewußtsein des griechischen Volkes denken könnten. Es ist daher eine selbst vom Standpunkt der modernen Weltanschauung berechtigte Ansicht, wenn in der biblischen wie nachbiblischen Litteratur jenes Zeitalter, in dem die politische und kulturelle Geschichte Israels beginnt, als eine Zeit gepriesen wird, in der der jüdische Stamm eine wunderbare Begabung und Lernfähigkeit bewiesen hat, aber auch als eine Zeit des Enthusiasmus und der Hingebung. Große heroische Thaten geschehen weder bei einer Gesamtheit noch bei den Einzelnen ans kühle Berechnung hin, sondern in der Regel nur durch ein begeistertes, tieferes Eingreifen des ganzen Seins für ein hohes Ziel. In unserer Zeit sind wir solcher Thaten nicht fähig, weil uns die Unmittelbarkeit jenes jugendlichen Zustandes fehlt. Im jüdischen Stamm zeigt sich aber eine merkwürdige Eigenschaft, nämlich eine Verjüngungsfähigkeit, wie wir sie bei keinem der Völker au§ dem Altertum wiederfinden. Der seine jüdische Denker N. Kroch mal hat die geschichtliche Entwickelung Israels im Lichte der Hegelschen Geschichtskonstruktion beleuchtet und aus jene merkwürdige Erscheinung im Judentum aufmerksam gemacht. Bekanntlich geht die Hegelsche Geschichtsauffassung, vielleicht das einzig Bleibende und Unwiderlegbare in seiner Philosophie, von dem Standpunkte aus, daß ein Volk wie jedes andere Dasein, dem Naturgesetze unterworfen sei, wonach es eine Periode der Blüte und des Wachsens, eine solche der erlangten Vollkommenheit und endlich eine solche des Niedergangs durchmachen müsse, um schließlich der inneren Auflösung zu verfallen. Dieser Prozeß ist bei allen Kulturvölkern des Altertums, soweit sie uns geschichtlich bekannt sind, zu beobachten; hingegen bildet der jüdische Stamm eine Ausnahme von dieser Regel. Dies läßt sich aber nur dadurch erklären, daß der jüdische Stamm als Träger einer Idee dem Naturgesetz, dem jedes materielle Dasein verfällt, nicht unterworfen ist. In der Betrachtung unseres Stammes können wir daher die Erinnerungen an die Jugendzeit ohne Wehmut wachrufen, in der Erwägung, daß es in der Kraft des Judentums liegt, an sich einen Verjüngnngsprozeß gu vollziehen. Freilich gehört dazu ein geistiges Erwachen, ein Sichbesinnen auf die Vergangenheit und die geschichtliche Bedeutung Israels, an den geistigen Gehalt des Judentums.' Wir müssen die ganze Opserwilligkeit und Opferfreudigkeit unseres Stammes, wie er in vielen Jahrtausenden bekundet, wieder wachrufen. Ohne Enthusiasmus, ohne Opfer wird Israel seiner geschichtlichen Mission nicht gerecht, und ohne diese geschichtliche Mission hat Israel keine Daseinsberechtigung, ja es erscheint sogar thöricht, so schwere Kränkungen zu ertragen, ohne das Bewußtsein, dies alles für eine höhere Idee zu erdulden. Aber schwebt unserem Stamm nock ein Ideal vor? Wenigstens müßte es so sein, und das Ideal wäre leicht zu finden. Das Judentum ist wohl philologisch und archäologisch durchforscht, noch immer aber nicht in seinem ethischen Gehalt. Es wäre eine hohe Aufgabe für unser Zeitalter, gerade jetzt, wo so viele Angriffe gegen die Juden und das Judentum gerichtet werden, den hohen ethischen Wert der jüdischen Lehre zu erforschen und der ganzen Menschheit zugänglich zu machen. Der Verjüngsprozeß des Judentums, der sich in der Geschichte schon oft wiederholt hat, geschah stets durch eine geistige Anregung, durch die Zuführung neuer Ideen, welche das Judentum mit seinen alten Wahrheiten verband, um neue Keime zu schaffen. Das Judentum der Gegenwart ist steril; dies ist leider eine Wahrheit, die wir nicht verschweigen dürfen. Deshalb kommt ein gewisser Stumpfsinn, eine gewisse Verdrossenheit gerade in jenen Kreisen zum Vorschein, von denen eine geistige Befruchtung des Judentums zu erwarten wäre. Es handelt sich eben um dasjenige, das ich bereits ausgeführt habe, daß nämlich eine geistige Bewegung wohl von einer kleinen Anzahl von Männern ausgehen kann, aber ohne die Teilnahme der Gesamtheit undenkbar ist. Es gilt daher, die Lehren der Geschichte zu beherzigen. Es ist nicht das erste Mal in unserer Geschichte, daß der jüdische Stamm sich selbst entfremdet worden ist, um fremden Göttern nachzulanfen; aber immer trat bald eine Ernüchterung ein, indem mächtige Zeitumstände dazu führten, daß Israel sich auf seine Vergangenheit und seine Eigenart erinnerte. Das Judentum ist wohl ein Teil des Ganzen und will innerhalb der Gesamtkultur sein Dasein behaupten; aber dieses Mitwirken darf nicht zu einer Selbstauslösung führen, abgesehen davon, daß diese in der Gegenwart auch physisch unmöglich ist. Wir müssen bestehen; es handelt sich nur darum, ob wir ein wirkliches Dasein führen oder nur noch vegetieren wollen. Ob wirklich sein oder vegetieren — um diese Frage drehr sich die Geschichte der Judenheit im letzten Jahrhundert, indem wir, von falschen Idealen angelockt, auf Irrwege gerieten. Die Zeit hat gelehrt, daß wir uns selbst stets treu bleiben müssen. Es gilt nun, diese Lehre zu beherzigen. Dr. S. Bernfeld. Ko»fessu»ik»er KejWtsililtemcht. Wir lesen in der Berliner „Volks-Zeitung": Bekanntlich enthält der Erlaß des Kultusministers vom 27. Dezember 1895 die Anweisung, daß die Berliner Schulbehörde jüdische Lehrer und Lehrerinnen vom Geschichtsnnterricht in den Gemeindeschulen ausschließen soll, und zwar begründet er diese Forderung mit der Bemerkung, jüdische Lehrer und Lehrerinnen könnten die Geschichte der Ausbreitung des Christentums und der Kreuzzüge nicht unbefangen vortragen. Damit hat Herr Dr. Bosse nur eine. alte Forderung ausgenommen, die Friedrich Julius Stahl, die einstige Hauptstütze der Kreuzzeitungspartei, der geistige Vater der hierarchischen Forderung des „christlichen Staates" in einer Schrift wider Juden und Deisten vor 50 Jahren ansgestellt hat. Und auch Prof. Adolf Wagner hat in einer Wahlrede (1894) erklärt, daß der Geschichtsunterricht nur von christlichen Lehrern erteilt werden dürfe. Es ist notwendig, sich an Beispielen klarznmachen, welche Art des Geschichtsunterrichts Dr. Bosse vielleicht meint. Zuerst die Geschichte der Einführung des Christentums. WWM»WWW«WW«>D»»M«M»

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