Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 236 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 236. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. Fragen der Ansiedelung eingeräumt. Allein gegenwärtig spielen sich im Gouvernement Podolien Vorgänge ab, die zunächst einen regierungsseitigen jüdischen Ansiedelungsplan fraglich erscheinen lassen und im allgemeinen das erste heilige Recht der Staatsbürger: die Unantastbarkeit des persönlichen Eigentums, ungiltig machen. In diesem Gouvernement finden sich in vielen Bauerngemeinden sogenannte jüdische Höfe, die von den Juden „auf ewige Zeiten zu erb und eigen" von der Krone erworben sind. Jetzt ist allen diesen Besitztümern das Todesurteil gesprochen. In der Lustrationsakte vom Jahre 1872 ist nämlich ein Punkt, demzufolge bereits die früher erworbenen jüdischen Höfe 24 Jahre vom Tage der Publikation der Akte in unbestrittenem Besitz ihrer Eigentümer bleiben, aber nach Ablauf dieser Zeit haben sie eine Uebereinkunft mit den Gemeinden zu treffen, welchen es freisteht, das jüdische Land dinzuziehen. Jetzt sind die vierundzwanzig Jahre abgelaufen. In den meisten Fällen verweigern die Bauern mit den Juden einen Kompromiß einzugehen und daher sind allein in zwei Gemeinden 40 jüdische Höfe eingezogen worden. Was nützte es nun den Juden, daß sie Grund und Boden von der Krone zu erb und eigen erwarben? 40 Jahre haben sie ihre Scholle bebaut, nun müssen sie, ohne Schadenersatz zu erlangen, ausziehen. Die Juden sind in großer Erregung, denn ihr wirtschaftlicher Ruin ist unvermeidlich, da sie ausschließlich Landarbeiter sind und für viele das Ergreifen eines Handwerks verspätet sein muß. Selbst die offiziöse St. Petersburger Zeitung fragt nicht ohne moralische Depression: „Sollte das die Lösung der mit so viel Eklat in Szene gesetzten Ansiedelungsversuche der Juden sein?" — Amerikanisches Allerlei. Große Besorgnis macht den leilenden jüdischen Kreisen in Amerika eine dein Kongreß vorgelegte Einwanderungs-Bill und deren mögliche Annahme. Sie enthält die Forderung, daß jeder Einwanderer den Nachweis zu erbringen habe, seine Landessprache lesen und schreiben zu können. Nur ältere Familienmitglieder sollen hiervon ausgenommen werden. Man fürchtet nun, daß der jüdische Jargon nicht als „Sprache" im Sinne des Gesetzes angesehen werden möchte; doch hofft man, daß bei Einführung des Gesetzes es an möglichster Rücksicht nicht fehlen ivird. — Rev. Dr. E. G. Hirsch in Chicago will dem an ihn ergangenen Rufe an den durch Dr. Einhorn bekannt gewordenen Reformtempel zu New - Jork gegen ein Jahresgehalt von 72000 Mark nicht Folge leisten, weil er nicht das Herz hat, seine Gemeinde zu verlassen. Es scheint übrigens, daß der Seelenhirt mit dem Besuche seines radikalen Tempels, in welchem nur des Sonntags Gottesdienst gehalten wird (am Sabbat bleibt derselbe geschlossen) nicht recht zufrieden ist und er hat daher sein längeres Verbleiben in der jetzigen Stellung an die Bedingung geknüpft, daß in zwei Jahren der Besuch derartig sein müsse, wie er ihn wünscht. — Merkwürdig! Vor der Sündfiut gab Gott den Menschen 120 Jahre Zeit zur Besserung, und heute soll sich das Wunder in zwei Jahren vollziehen! Wenn doch nicht die Dampfkrast wäre! — Rev. Dr. Mendes und seine Kollegen am jüdischtheologischen Seminar zu New-Hork bemühen sich, aus den Downtown-Gemeinden eine vereinigte Synagoge zu bilden. .85 Gemeinden haben ihren Anschuß bereits zugesagt und weitere Beitritterklärungen stehen in Aussicht. Die Veranlassung zu dieser Organisation ist das Bedürfnis einer aufsichtführenden Behörde über die „Schechitah". Man wird jedoch bei diesem Punkte nicht stehen bleiben, da noch viele andere Angelegenheiten der Organisation durch die beabsichtigte Vereinigung entgegenharren. — Der amerikanisch-jüdisch-historische Verein, welcher am 29. Januar in Philadelphia tagte und bei welcher Gelegenheit die berufensten Redner Vorträge hielten, beschloß diese und die gepflogenen Verhandlungen in 2 Bänden von je 800 Seiten durch den Druck zu veröffentlichen. Die Zahl der Vereinsmitglieder beträgt 165 und wird die nächstjährige Konferenz zu Baltimore stattfinden. Die interessantesten Vorträge hielt Herr Dr. Holländer und zwar über „Unveröffentlichtes Material über die Disabilität der Juden in Maryland" und „die Naturalisation der Juden in den amerikanischen Kolonien unter der Akta von 1740." Gleichzeitig wurde auf Veranlassung des Ehren-Kurators Dr. Cyrus Adler die Bibliothek wertvoller hebräischer Bücher des Rev. Jsaa c Lesser, des Uebersetzers der amerikanischen Volksbibel ausgestellt. — Das jüdische Zeitungswesen in Amerika kann nicht florieren. Kaum hat ein Blatt sein armseliges Dasein ausgehaucht, so ist auch schon wieder ein neues an seiner Stelle. Nur die Jargonblätter haben eine ungeheure Verbreitung und machen gute Geschäfte; sie finden einen größeren Leserkreis als irgend ein anderes in fremder Sprache, mit Ausnahme der deutschen, hier erscheinendes Blatt. Einige derselben erscheinen sogar täglich. Tie meisten neuen Blätter sind Lappalien, leicht wie die Luft und entbehren jeden Vorzugs; sie hängen nicht nur von der Laune der Abonnenten ab, sondern auch von den Anzeigen, welche verschmitzte Agenten ihnen zusühren. Keiner, welcher sie kennt, findet Befriedigung an solch' neuer verderblicher Produktion. Die Reklamen führen den Leser nicht nur oft irre, sondern untergraben schließlich alles Vertrauen. Die überladenen Illustrationen haben ebenfalls ihre Zugkraft verloren. — Herr Dr. Kraus köpf befindet sich wieder auf einer Vortragsreise zu gunsten seiner Ackerbauschule. Er läßt sich den Vortrag mit 100 Dollars honorieren und nimmt außerdem Subskriptionen und Schenkungen entgegen, deren Beträge alle dem Gründungssonds zugesührt werden. Man glaubt, daß bis zur Eröffnung des Instituts bereits eine Summe von 20000 Dollars zusammengebracht sein wird. — Kantor Alois Kaiser in Baltimore, Komponist und Herausgeber der Synagogen-Gesänge „Simrath Jah“, ist ersucht worden, den 21. Psalm für eine Odessaer Gemeinde, welche ihn bei Gelegenheit der Kaiserkrönung singen will, in Musik zu setzen. _ Hier und dort. £ Berlin, 19. März. Der Lissaer Hilfsverein zu Berlin beging am 16. d. M. seine 28. General-Versammlung. Als Gast erschien auch der Amtsgerichtsrat Herr Kohlisch, Landtagsabgeordneter des Kreises Lissa, welcher den Verhandlungen bis zum Schluß beiwohnte und an dem darauf fol-