Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 235 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 18. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 285. a la Zedlitz fordert. Die von den Konservativen eingebrachte Resolution lautet: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen, die kgl. Staatsregiernng aufzufordern, dem Landtage baldmöglichst ein auf konsessioneller und christlicher Grundlage beruhendes allgemeines Volksschulgesetz vorzulegen." — Die Wiener Bubokratic, welche, wie in voriger stummer mitgeteilt, alle Juden für feig und ehrlos erklärte, hat von offizieller Seite Antwort bekommen. In der Wiener Universität wurde nämlich folgende Kundmachung des akademischen Senats assichiert: „Der akademische Senat hat in Erfahrung gebracht, daß die Delegierten von wehrhaften Studenterlverbindungen den Beschluß gefaßt haben: „In vollster Würdigung der Thatsachen, daß zwischen Arieril und Juden ein tiefer moralischer Unterschied besteht, daß durch jüdisches Unwesen unsere Eigenart so viel gelitten; in Anbetracht der vielen Beweise, die auch der jüdische Student von seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit gegeben, und da er überhaupt der Ehre nach unseren deutschen Begriffen völlig bar ist, faßt die heutige Versammlung deutscher wehrhafter Studenten den Beschluß: ,Dem Juden auf keine Waffen mehr Genugthuung zu geben/ Der akademische Senat hat, ohne dem gesetzlichen Verbot der Herausforderung zum Zweikampf vorzugreisen, in seiner Sitzung vom 13. März 1896 beschlossen, über diesen Beschluß, durch dessen Inhalt und noch mehr durch dessen Begründung ein Teil der Studentenschaft als der Ehre bar erklärt wird, die schärfste Mißbilligung auszusprechen und behält sich nach Lage der Umstände die weiteren Maßnahmen vor. Wiell, am 14. März 1896. Der Rektor der k. k. Universität: A. Meng er, m. p." Der Schimpf, welchen die deutschnationalen Kouleurstudenten einer Anzahl gleichberechtigter akademischer Bürger .und damit der gesamten Universität znzufügen gedachte, hat somit durch die berufene Vertretung der Wiener Hochschule eine ebenso energische wie würdige Zurückweisung erfahren. Wenn Studenten sich einer Handlungsweise schuldig machen, über welche der akademische Senat seine schärfste Mißbilligung auszusprechen sich genötigt fand, und wenn die akademische Behörde gleichzeitig erklärt, daß sie sich weitere Maßnahmen Vorbehalte, so ist hierdurch den aus so mutwillige, absolut unbegründete und darum rechtswidrige Art in ihrer Ehre gekränkten jüdischen Studenten seitens der maßgebenden Instanz die vollste Genugthnnng zuteil geworden. — Im Anschluß hieran ist noch mitznteilen, daß die Mehrheit der wehrhaften Verbindungen in Graz den Anschluß an die Wiener Resolution betreffend die Satisfaktionsunfähigkeit der Juden abgelehnt hat. Fünf Burschenschaften stimmten für den Anschluß, drei Burschenschaften und die Korps lehnten ihn ab. — Der Kampf ums Dasein und die Juden. Der Darwinianer, Professor Dodel in Zürich, behandelte in einigen Vorträgen vor einem größeren Publikum die Darwin'schen Theorien. Unter anderm sprach er vom Kampf ums Dasein auch beim Menschengeschlecht und über die daraus entstehende Zuchtwahl. Um seine Theorien zu beweisen, brachte er unter anderm ein Beispiel ans der Entwickelungsgeschichte der Juden, über welche er folgendes sagte: „Man hat durch 2000 Jahre die Juden in den denkbar drückendsten Ausnahmestellungen unten gehalten, mall hat sie in alle Länder zerstreut, heimatlos und oft auch rechtlos erklärt; man hat sie gelegentlich blutig verfolgt und ihnen das Leben so sauer gemacht, wie es nur Christen unter sich oder gegen andere sauer zu machen verstehen, dabei haben diejenigen, welchen die Macht zur Unterdrückung znkam, völlig übersehen, daß sie selbst der Nemesis eines Naturgesetzes in die Hände arbeiten. Die Unterdrücker und Verfolger sind selbst schuld daran, daß die verachtete Nation der Juden heute allen anderen Rassen geistig überlegen ist. Jene haben durch ihr grausames Verhalten gegen die Kinder Israels die natürliche Zuchtwahl im harten Kampf ums Dasein verschärft. Im schweren Ringen und unter Verfolgungen aller Art sind unter den zerstreuten Nachkommen Jakobs vorweg die ungünstig ausgestatteten, die einfältigsten Individuen ausgejätet worden, indem sie jederzeit vom Gedeihen unter solch prekären Verhältnissen ausgeschlossen, kurzweg ohne Nachkommen blieben. Ich wüßte kein frappanteres Beispiel aus der Menschheitsgeschichte, das eindringlicher vor einer systematischen Unterdrückung ganzer Volksklassen warnte, als es hier der Fall ist. Wer gerecht urteilen will, muß sich gestehen, daß die Ueberlegenheit der Juden von heute genau das ist, was kommen mußte." — Stimmungsbild aus Rußland. Die Austreibung der Juden von Moskau und anderen Städten außerhalb der „Judengrenze" hat viele Familien ihres Heims und ihres Lebensunterhaltes beraubt, und steigerte die Konkurrenz innerhalb des Ansiedelungsrayons bis zu einem abnormalen Punkte. Beschäftigungen, die anderswo ganzen Familien Mittel zum Leben gewährten, sind hier vollständig unprofitabel. Viele der Leute setzten ihre ganze Hoffnung auf Warschau und Lodz, als die einzigen Städte kommerziellen oder mannfakturellen Charakters innerhalb des 50 Werst-Rayons. Doch diese Hoffnung erfüllte sich durchaus nicht, denn auch hier ist der Vorrat größer als der Bedarf, und wenn sich schon ein Arbeitgeber findet, so stellt er die unanehmbarsten Bedingungen. So leben diese armen Menschen ohne Heim und Brot und sind oft gezwungen, vor dem herrschenden Unwetter Zuflucht in den Cafes zu nehmen. Und in dem sogenannten Ansiedlungsrayon selbst werden die Zustände von Tag zn Tag schlechter. Kaum ein Tag geht vorüber, ohne daß man von schrecklichen Fällen jüdischer Armut hört. Juden sterben aus Arbeitsmangel; sie leiden an, durch Hunger und überfüllte Wohnungen hervorgerufene Epidemien und sind oft des notdürftigsten Obdaches beraubt. — Zickzackkurs in Rußland. Was wird endlich das Schicksal der russischen Juden sein? Kein Scharfsinn, keine Kombinationsgabe kann dieser Frage mit Sicherheit gerecht werden. Ein neues allgemeines Judengesetz sollte konstruiert werden, doch wurde dieses Vorhaben bis jetzt immer aufgeschoben. Man sprach und spricht, wie aus Petersburg berichtet wird, daß der Zar bis zu einer bestimmten Grenze human in der Nationalitätenfrage denkt, und so sollte die Regierung von der Verfolgung der Inden zu einer, freilich durch Bedingungen eingeschränkten Duldung übergehen. Ten Juden wurden in ferneren Reichsmarken auch bereits kleine Konzessionen in 4 ' t.