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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · p. Seite 233

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 233 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 13. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 233. die Gedanken unserer Seele, und das Herz hat eine Sprache, die ausdrucksvoller und reicher ist, als die Laute, die je ein Ohr vernimmt. Uub so hatten sich in einem Zeiträume von vierzehn Tagen die beiden Liebenden bereits vollkommen verstanden, ohne sich durch Worte verständigt zu haben. Endlich fiel ein Scharmützel vor, das beide ins Feld rief. Seline sollte die erste Probe ihres Mutes ablegen; sie nahm sich daher so gut als es ging zusammen, um nicht beschämt zu werden, und dies um so mehr, als Dagobert immer in ihrer Nähe stand. Allein die gute Heldin hatte ihre Kräfte überschätzt, die erste feindliche Kleingewehrsalve raubte ihr alle Besinnung, sie stürzte vom Pferde, und wäre unrettbar verloren gewesen, hätte sich nicht Dagobert durch alle Reihen gedrängt, und die Ohnmächtige aus dem Getümmel der Wahlstatt ins Kommandozelt des nahen Lagers getragen, wo sie erst durch seine sorgfältigen Bemühungen sich wieder erholte. „Dagobert," sagte Seline, „Sie haben viel um mich verdient, denn wenigstens war ihre Absicht edel, wenn ich auch mit Schiller sagen kann: Das Leben ist der Güter höchstes nicht." „Mögen Sie," erwiderte er lächelnd, „aus dem zweiten Teile jenes Satzes erkennen, wie gering mein Verdienst ist, denn: Der Uebel größtes ist die Schuld." „Wie verstehen Sie das?" „War es nicht meine Schuld, daß Ihnen mein Geschoß vor wenigen Tagen den Schrecken verursachte. Diese Schuld habe ich gesühnt, und Sie von einem andern Schrecken befreit." „Sie verstehen sein den Dank abzulehnen. Es ist zwar sehr edel, uneigennützig sein eigenes Verdienst nicht hoch anzuschlagen, und ein braver Mann verschmähet jede Belohnung — das sehe ich wohl ein. Aber Dank ist wohl nicht mit Lohn zu verwechseln, und der wahrhaft Edle weist jenen nicht schroff ab. Glaube,i Sie mir, der finstere Tempelherr, der seine Recha aus den Flammen rettet, und ihr keine Gelegenheit bietet, die Empfindung ihres Dankes auszusprechen, verliert einen großen Teil seines Verdienstes, denn der mitleidsvolle Mann ist schätzenswert; aber liebenswürdig ist der, der sich mit dem Geschöpfe seines Edelmutes freut." „Das paßt wenigstens nicht aus mich, denn ich bin nicht nur bedankt sondern auch belohnt." „Wie das?" „Sie leben!" Seline errötete und schwieg. „Bin ich Ihnen denn wirklich wert?" fragte sie dann mit einem Blicke, der der Schweigsamkeit selber eine Zunge verliehen hätte. Aber Dagobert, sonst nicht ohne Beredsamkeit, konnte für diesmal nur auf die Knie fallen und — „Seline, ich liebe Dich." Diese alte stereotype Romanformel war das einzige, was er hervorzubringen vermochte. Seline war minder überrascht als Dagobert sich gedacht hatte, noch weniger erzürnt, und sprach freundlich: „Stehen Sie auf, mein Freund. Ich will es glauben, weil ich es fühle, daß dieses nicht bloße Galanterie sei." (Fortsetzung folgt). * Baron Willy von Rothschild. Die äußerst strenge Art und Weise, mit welcher Baron Wilhelm Carl von Rothschild das jüdische Religionsgesetz befolgt, ist allgemein bekannt. Er nimmt es mit dieser Strenge so ernst, daß er auf Reisen sein eigenes Küchengeschirr mit sich führt. Als er sich vor einigen Jahren in Amsterdam in ärztlicher Behandlung befand, hatte er im Amstel-Hotel, wo er wohnte, seine eigene Küche eingerichtet. — Kürzlich befiel den Baron eine bedenkliche Krankheit, und sein Arzt verschrieb ihm alten Tokayer Wein; der Patient weigerte sich jedoch, diesen zu trinken, da er in seinem Keller keinen rituellen Tokayer hatte. Dr. Rosenbaum bestand trotzdem auf der Ausführung seiner Verordnung; aber Baron Willy blieb unerbittlich. Dieses erfuhr zufällig Herr Moßbacher in Frankfurt a. M., welcher 4 Flaschen rituellen Tokayer von 1845 in seinem Keller hatte und schickte diese dem Baron. Dieser, hocherfreut über Herrn Moßbachers Aufmerksamkeit, schickte demselben auf Purim 5000 Mark zur Verteilung an die Armen. Dieser Gabe ließ der Baron noch ein persönliches Geschenk für Herrn Moßbacher, eine massive, silberne Fruchtschale, gefüllt mit den köstlichsten Früchten, folgen und begleitete das Geschenk mit einer Karte, worauf in hebräischer Sprache geschrieben stand: „Wohlthaten üben ist mehr als Almosen geben." * Eine Trommel mit Bibelversen. Aus Gaunersdors wurde nach dem Kriege von 1866 folgende, nicht uninteressante Geschichte berichtet: Ein jüdischer Kaufmann kam mit einem Tambour der dort lagernden Preußen zusammen und erstaunte nicht wenig, als er auf dem Trommelfelle mit hebräischen Lettern folgenden Bibelvers in der Ursprache sah: „Auf, Ewiger, zerstreue die Feinde!" Der Kaufmann fragte den Tambour, wie seine Trommel zu diesem Spruche gekommen sei, worauf dieser erzählte: Vor der Schlacht bei Königgrätz sei ein Fell seiner Trommel geplatzt, weshalb von seinem Kommandanten in einem Orte Böhmens unter den Requisitionen auch ein Kalbsfell verlangt wurde. Es war indessen keines zu bekommen. Nach langem Hin- und Herraten wurde der Tambour an einen jüdischen Bibelschreiber gewiesen, da dieser stets Pergament vorrätig haben müsse. In der That wurde dieser gerade angetroffen, als er auf einem Pergamente Verse auszeichnete. Der Tambour machte nicht viel Federlesens und forderte kategorisch von dem friedlichen Manne das Material zu der Trommel, welches natürlich sofort abgeliefert wurde. Als er die fremdartigen Zeichen auf dem Pergamente erblickte, konnte er sich nicht enthalten, den Schreiber um die Erklärung derselben anzugehen. Dieser zögerte nicht, ihm zu sagen, daß die Worte den Anfang eines Gebetes bedeuteten, das er — für den Sieg der österreichischen Waffen niedergeschrieben. „Det macht nischt," meinte der Tambour nach kurzem Besinnen, „wir requirieren das Gebet für die preußischen Waffen." * Peßach und Ostern. Wie allgemein bekannt, setzten die Kirchenväter in Nicäa die Osterfeier in einer Weise fest, daß der erste Tag derselben niemals mit dem ersten Tage Peßach zusammenfalle. Weniger bekannt jedoch dürfte sein, daß nichtsdestoweniger infolge eines Irrtums in der Kalkulation diese Möglichkeit nicht ausgeschlossen, ja daß sogar in diesem Jahrhundert zweimal und zwar zuletzt im Jahre 1825 beide Tage zusammenfielen und sich dieser Fall recht bald, im Jahre 190.8, wiederholen wird.

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