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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · p. Seite 232

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 232 (sequence 8)
Language
German
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Seite 232. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. ein mystisches Aussehen. Eine sorgfältige Erziehung trug noch dazu bei, daß bald eine Schar von Freiern sie umschwärmte, unter denen ein russischer Offizier von der Garnison bei Tünaburg sich besonders auszeichnete. Er hätte auch ihre Hand erhalten, wenn er in ihren Vorschlag eingewilligt hätte, ihr einen Plan von der wichtigen Festung zu überliefern. Ta er aber dieses nicht mochte oder konnte, so wurde er abgewiesen, und das Fräulein weihte Herz und Vermögen dem Vaterlande. Sie rüstete ein Freikorps aus, dessen Stabs-Chef oder Generalintendant sie selber war, und eine Kammerjungfer vertrat die Adjutantenstelle bei ihr. Viele Frauen waren ihrem Beispiele gefolgt und nahmen Dienste beim Regimente. General Gielgud erhielt von Skrzynecki einen Sukkurs von Truppen, die mit dem Freikorps des Fräuleins von Plater vereinigt wurden und zu denen auch Dagobert und Saluschek gehörten. Das Mädchen, auf welches jener geschossen hatte, kam, des Kriegsbrauches ganz unkundig, hierher, um sich ebenfalls bei der Gräfin von Plater anwerben zu lassen. Dagobert hatte sie nicht getroffen, die Kugel schwirrte an ihr vorbei, und nur der Schreck über den unerwarteten Angriff hatte sie zu Boden geworfen. Unter der Pflege der Kammermädchen erwachte sie bald wieder aus ihrer Ohnmacht und trug jetzt auf Befragen des Intendanten ihr Anliegen vor. Sie nannte sich schlechtweg Seline, und wollte sonst weder Geburtsort noch Herkunft angeben, noch sich von dem Vorhaben abschrecken lassen, an der Seite des Fräuleins zu fechten. Vergebens stellte man ihr vor, daß sie, des Krieges ungewohnt, nicht nur nichts nützen, sondern sogar hinderlich sein könne, vergebens lehnte das Fräulein ihre Dienste ab, weil sie, ohne Vorwissen der Eltern und Vormundschaft leicht Zwistigkeiten in einer Familie anrichten könnte. — Umsonst. — Seline beharrte im Schweigen über ihre Herkunft und im festen Entschlüsse, thätigen Anteil an der Sache des Vaterlandes zu nehmen mit solcher Unerschütterlichkeit, daß man sich endlich gezwungen sah, ihr nachzugeben und sie unter dem bloßen Namen Seline in das Freikorps aufzunehmen. Am andern Morgen,nachjenem nächtlichen Vorfälle, beschäftigte Dagobert ein Auftrag von seinem Hauptmanne im Zelte des Stabs-Chefs, und er hatte zu seiner Freude Gelegenheit, sich mit eigenen Augen von seiner Ungeschicklichkeit zu überzeugen. Denn Seline stand leib- und lebhaft in ihrer ganzen imposanten Erscheinung vor ihm. Aber hatte gestern die tote Seline sein Gewissen beunruhigt, so drohte heute die lebendige der Ruhe seines Herzens. Diese edle hohe Gestalt, vorteilhaft durch die halb männliche .Kleidung hervorgehoben, diese wellenförmigen Konturen und dieses dunkelglühende Auge, vereint mit der hohen Meinung, die er von ihrem Charakter, nach der bald im Lager verbreiteten Nachricht ihres Heroismus bekam, trugen nur dazu bei, ihn zu verwirren und für einige Minuten seines Auftrags vergessen zu machen. Er stotterte einige Entschuldigungen über seinen unhöflichen Gruß von gestern, sprach etwas von Dienstpflicht, Subordination und der Notwendigkeit der Vorsichtsmaßregeln im Kriege, bis er auf seinen gegenwärtigen Auftrag kam, den er schon gefaßter und zusammenhängender vortrug. Auch Seltnen flößte der stattliche junge Mann einiges Jnteresse ein. Um ein Gespräch anzuknüpfen, fragte sie freundlich: „Gedenken Sie denn gar nicht zu avancieren? Denn das steht gewiß nur bei Ihnen." Dagobert mußte das besser wissen. Er seufzte tief und schwieg. Da wurde Seline gerade abgerufen, als sie eine zweite Frage an ihn stellen wollte, sie verneigte sich freundlich und ließ den verdutzten Jüngling flehen. Von dieser Stunde an war Dagoberts Ruhe dahin. Er wurde täglich düsterer,' denn täglich sah er Seltnen, täglich sprach er sie und täglich grub sich der Liebespfeil tiefer in seine schwermütige Brust. Kurz, Seline war der Abgott seines Herzens, ohne daß er an eine Verbindung mit ihr denken konnte, denn unausfüllbare Klüfte lagen zwischen ihm und ihr. Er konnte an seine bescheidene Anspruchlosigkeit nicht im entferntesten die Ahnung knüpfen, von der Erhabenen geliebt zu werden, und vollends ihre Hand erlangen, — das schien ihm so ungereimt, als etwa den Mond herunterholen zu wollen. Denn adelig war sie gewiß, wenigstens hatte Saluschek dieses behauptet und in seiner Art bewiesen. „Unser Gespenst", meinte er, ist gewiß wenigstens eine Baronin, sonst würde sie nicht so ziererisch gegen die schmucksten Burschen sein, dazu kommt noch die patriotische Kaprice, die nur sehr hohe Damen aus langer Weile haben können. So was fällt meiner Minka das ganze Jahr nicht ein." Das letzte Argument überzeugte auch Dagobert vollkommen. Denn unmöglich kann dieser heroische Enthusiasmus, solche kühne Erhabenheit und Hinwegsetzung über die Vorurteile ihres Geschlechts, — die Gesinnung eines Bauernmädchens sein, dachte er. Und ich, rief er bei solchen Betrachtungen aus, ich Namenloser, was kann ich ihr gelten? Ach Seline, Dein Name klingt so sanft und süß, wie Du selber, freundlich milder Engel, zart und gut bist. Ein beimatsloser Pilger, schaue ich zu Dir hinaus. Du Meteor an meinem Horizonte, ob Du meiner Wallfahrt hienieden Glück verkündest oder Unheil bringst. Doch Welten liegen zwischen mir und Dir, wie die unermeßlichen Räume, die die leuchtenden Sterne von der dunklen Erde trennen. Tu Edle, Hochgesinnte — Dir folgt der Segen Deines Volkes, Du trägst des Sieges Palme einst, und windest um die schöne, reich geschmückte Stirne noch des Triumphes Lorbeerkranz. Ich dagegen wandle einer dunklen Zukunft entgegen, mir drohet Fluch von der einen, Verachtung von der anderen Seite." So quälte sich Dagobert von Tag zu Tag — aber ganz ohne Not. Er konnte freilich nicht wissen, daß er Selinen nicht mehr gleichgiltig sei. Sie hatte zuerst gefunden, daß ihm die Uniforni recht gilt stehe, später gestand sie sich, daß sein melancholisches Wesen recht interessant sei, hieraus lernte sie seinen Charakter schätzen und achten, und endlich wurde es ihr klar, daß sie ihn recht inniglich liebe. So trugen beide das süße Geheimnis mit sich herum, ohne daß ein Geständnis über ihre Lippen gekommen wäre. Dagobert hielt jede Liebeserklärung für eine Entweihung, und Seline war ein Mädchen, sie konnte sich ihm nicht an den Hals werfen; und so wenig verschwiegen auch sonst die Frauen sind, sie lassen bei solchen Gelegenheiten doch immer lieber den Mann sprechen. Dies alles konnte natürlich nicht Bestand haben. Blicke und Mienen verraten oft wider unfern Willen

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