Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 231 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 13. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 231 Von L. Cohen, Rees a. Rh.*) Das laufende bürgerliche Jahr ist bekanntlich ein Schaltjahr und wird ein solches erst nach 8 Jahren wiederkehren. Jeder, der am 29. Februar geboren ist — und seinen Geburtstag nach dem bürgerlichen Kalender feiert, wird daher erst im Jahre 1904 denselben wieder feiern können. Der Grund dieser seltsamen Erscheinung ist, daß das astronomische Sonnenjahr aus 965 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten und 51 Sekunden besteht. Hätte das Jahr genau 365 Tage, 6 Stunden, so hätten wir ohne Unterbrechung alle 4 Jahre ein bürgerliches Schaltjahr, mithin einen Februar von 29 Tagen. Die Differenz von 11 Minuten 9 Sekunden beträgt aber 3U Tag in 100 oder 3 Tage in 400 Jahren. Daher wurde die Regel festgestellt, daß in 400 Jahren 3 Schalttage ausfallen und zwar in den Säknlärjahren, deren Einheiten sich nicht durch 4 ohne Rest dividieren lassen; dagegen soll jedes vierte Säkulärjahr als Schaltjahr gelten. Da nun die Einheiten 19 des Säkulärjahres 1900 sich dieser Bedingung nicht fügen, ist dieses Jahr anch kein Schaltjahr. Es ist von besonderem Interesse, mit dieser Berechnung, welche im Jahre 1582 durch Papst Gregor XIII. eingeführt wurde, die jüdische Kalenderberechnung zu vergleichen und dieses um so mehr, als am verflossenen Sonntag (15. März) der 1. Rissair war, das Datum, nach welchem alle Fest- und Fasttage des jüdischen Kalenderjahres sich richten, wie dies bereits irr dem Artikel „Kalendarisches" (dir. 9 d. Bl.) gezeigt wurde. Eine Eigentümlichkeit dieses Kalenders besteht nun darin, daß in demselben die Berechnung nach den Mond- und Sonnenjahren genau übereinstimmt. Das Mondjahr besteht ans 12 Monaten zum Gesamtbeträge von 354 Tagen, 8 Stunden, 48 Minuten und 38 Sekunden, das Sonnenjahr aber ans 12 Monaten, znm Gesamtbeträge von 365 Tagen, 5 Stunden, 48 Minuten, 51 Sekunden. Man hat nun durch Berechnung festgestellt, daß im Laufe von 19 Jahren die Differenz zwischen den Sonnen- und Mondjahren nahezu 207 Tage betragen würde, welche die Sonnenjahre vor den Mondjahren eines 19 jährigen Cyklus voraus haben würde. Daher mußte man in 19 Jahren 7 mal einen ganzen Monat einschalten, um diese Differenz anszugleichen und die Mondmit den Sonnenjahren in Uebereinstimmnng zu bringen. Diese 19 jährige Periode wird der kleine oder Mondcyklus genannt und in demselben wird jedes 3., <>., 8., 11, 14., 1, 7. und 19. Jahrein ganzer Monat „Weadar" eingeschaltet. Da aber durch diese Einschaltung von 7 Monaten allein die erwähnte Differenz noch nicht ganz gehoben wird, hat man die Zahl der Monatstage auf 29 und 30 festgesetzt, wodurch mit Berücksichtigung des Jahrescharakters eine vollständige Ausgleichung erzielt wird. Tie Einrichtung des jüdischen Kalenders ist daher höchst einfach; denn während die Monate ihrer Bestimmung entsprechend wirkliche M ondmonate, sind die Jahre durchschnittlich Sonnenjahre, die sich in Perioden von 28 Jahren, dem *) Rach der „Jew. Chronicle". sogenannten großen oder Sonnencyklus, regelmäßig wiederholen. Man hat nämlich gesunden, daß nach je 28 Jahren die Sonne genau in demselben Augenblick desselben Wochentages und zwar am Dienstag Abend 6 Uhr in demselben Punkt der Elyptik tritt wie 28 Jahre früher. Dieser Angenblick ist die Tekuphat Nissan, mit welcher ein neuer Sonnencyklus beginnt, bei welcher Gelegenheit am folgenden Tage (Mittwoch nach dem Morgengottesdienste) der Segensspruch „Osseh maasseh bereschith" gesprochen wird. Das Jahr 5656 ist das letzte im laufenden Sonnencyklus und beginnt der nächste am Dienstag den 4. Nissan 5657 (6. April 1897) Abends 6 Uhr. Ter Umstand, daß die 1. Tekuphath Nissan des 1. Sonnencyklus auf Dienstag Abend 6 Uhr, also zu Beginn des Mittwoch (der jüdische Kalendertag beginnt um 6 Uhr des vorhergehenden Abends) fiel, dient anch als Beweis dafür, daß der Sabbat der siebente Wochentag ist. Als erster Schöpfungstag gilt der Sonntag; am 4. Schöpfungstage wurden die Sonne und die übrigen Himmelslichter an das Firmament gesetzt, womit der 1. Sonnencyklus begann. Da aber der Mittwoch (gleich Mitte der Woche) der 4. Schöpfungstag ist, welchen 3 Wochentage vorangehen und 3 andere folgen, so muß deren letzter also der wirkliche Sabbat sein. Feuilleton. Die litfurptcu. Von S. P. VII. Die Schlacht bei Grochow hatte ihre wichtigen Folgen, so unentschieden auch ihr Ausgang war. Diebitsch zog seine Truppen allmählich von Warschau ab, der Erdiktator Chlopicky ließ sich nach Krakau bringen, um seine Wunden zu heilen, und aus immer von dem Schauplatze der Helden zu scheiden, imd an seiner statt wurde der wackere Skrzynecki zum Generalissimus ernannt, der jetzt neue Truppen, denen sich viele Warschauer als Freiwillige anschloßen, werben ließ. In der Hauptstadt herrschte bis Ende März tiefe Stille, die nur vom Durchnrarsche der neuen Rekruten unterbrochen wurde. Anfang April ereignete sich der bekannte Ueberfall von Wawra und Wilki, der die Russen zur bloßen Defensive zurückwarf. Tie Flamme der Insurrektion hatte indes immer mehr um sich gegriffen, und auch die altpolnischen Provinzen: Polesien, Volhynien und Podolien hatten für die Verteidigung der Nationalrechte die Waffen ergriffen, und der Krieg nahm eine ganz andere Wendung, sich mehr gegen Littauen hinziehend. Hier war die Errichtung zweier Freikorps durch den Grafen Cäsar von Plater und seine junge Schwester wohl das originellste in dieser vielbewegten Zeit. Letztere, eine zweite Jungfrau von Orleans, ungefähr 20 Jahre alt, aus dem Distrikte Wilkomir stammend, hatte schon früher lebhaften Anteil an den patriotischen Vereinen genommen und diese kräftig unterstützt. Schön, von hohem Wüchse und blonden Haaren mit melancholischen Zügen, hatte ihr ganzes Wesen