Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 230 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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I i 1! reite 230. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. ist fähig und würdig, Genosse und Teilnehmer dieses Tisches zu sein. Auch ungesäuerte Brote, Mazzoth, gehörten dazu. War zwar die Veranlassung und die drängende Notwendigkeit solche zu backen noch nicht eingetreten, die des Glaubens leben, greifen der Zukunft vor. Sie ist ihnen bis auf den abgezirkelten Augenblick ihres Eintritts gegenwärtig. Derselbe wird von ihnen schon jetzt durchkostet, ist mit all seinen Schrecken und Drängen bereits vollzogen, so daß sie schon jetzt unter jener Ueberstürzung leben, die ihnen z»lm Säuern keine Frist, nur Mazzoth zu backen verstattet. „Mit Bitterkraut sollten sie es essen." Nicht als hätten die aus Egypten zogen ein Erinnerungszeichen nötig. Hatten sie doch egyptische Bitternisse Jahrhunderte lang in schrecklicher Wirklichkeit genossen, trugen sie doch an ihrem schwieligen Leibe noch die deutlichen Spuren von denselben. Sie sollten vielmehr das Bitterkraut, das Symbol ihrer Leiden, hier am festlichen Tische aus Gortes Hand entgegennehmen, und sich damit der Erkenntnis erschließen, daß sie seine Vaterhand ihnen zu ihrem eigenen Heile gereicht. Darin lag ihr großer Trost für die Vergangenheit. So konnten.sie mit ihrem Geschicke versöhnt, ohne seinen Stachel weiter im Herzen tragen zu müssen, aus dem Sklavenjoche hinausziehen. Die einzige unerreichte Weihe dieses Augenblickes wirft ihren Abglanz auf jeden Sedertisch, wo immer in einem jüdischen Hause ihm die gastliche Stätte bereitet wird. Es ist immer der weltgeschichtliche Moment, in voller Erkenntnis und Entfaltung seiner ganzen Tragweite, ^>en wir dabei stets aufs neue durchkosten. Und gerade diese Umstände sind es, welche den Glanz jener andern nicht minder bedeutenden Weltereignisse nicht zur vollen Entfaltung gelangen lassen. Kann man etwa behaupten, daß jener einzige Befreiungstag von Babylonien als solcher in seiner ganzen Tragweite erkannt und gewürdigt wurde? Mit nickten. Ganz zu geschweigen von dem oft kleinlichen Sinn und noch kleinlicheren Gezänke der Heimkehrenden, wie wenige waren es doch nur, die von dem großen Rechte Gebrauch machen wollten. Die meisten zogen die Abhängigkeit und Duldsamkeit in Persien der Selbständigkeit in Palästina vor, ohne zu ahnen, welchem Verhängnis sie voll ruhigen Mutes und sorgloser Zuversicht entgegen gingen. Kaum war ein halbes Jahrhundert verflossen und ein unerhörtes Verhängnis, desgleichen noch kein Volk je erfahren, sollte sich, durch Hamans Tücke heraufbeschworen, zermalmend über ihre Häupter entladen. Sie, die persischen Patrioten, waren von Gesetzeswegen zu einer ungeheuren, gräßlichen Menschenschlächterei ausersehen. Mit einem Schlage sollte Israel mit Stumpf und Stiel in einer einzigen Menschenmetzölei hinweggetilgt werden. Einen so grausigen Akt weiß die Weltgeschichte nicht wieder zu erzählen. Römische Proskriptionen und sizilianische Vesper nehmen sich dagegen als einfache Kinderspiele aus. Könnten diejenigen, welche den Freiheitstag von Babylonien erlebt haben, nur in die allernächste Zukunft schauen, mit welch' andern Gefühlen hätten sie seinen Strahlenglanz begrüßt? Noch nie ist der berechnenden Klugheit der selbstlosen Hingabe und Begeisterung gegenüber eine so herbe Enttäuschung bereitet worden. Und ganz zu demselben Ergebnis kommen wir bei eingehender Würdigung des weltgeschichtlichen Momentes um die Mitte unseres Jahrhunderts. Wenn wir heute auf jenes Ereignis zurückschauen, so können wir nicht anders, als eine vollständige Verkennung seiner Tragweite bei den meisten, die es erlebt haben, feststellen. In den Besitz der Gleichberechtigung gelangt, der bürgerlichen Gesellschaft eingegliedert, glaubte der Jude nunmehr keinem andern Ziele seine Kräfte leihen zu sollen, als eine möglichst hohe Staffel auf der Stufenleiter bürgerlicher Ordnung zu erklimmen. Da die Pflege der religiösen und idealen Güter aus unserer Vergangenheit dieses Streben eher zu behindern als zn fördern angethan schien, so war es selbstredend, daß man sich ihrer bei dem Auszuge aus den Ghettos gründlich zu entledigen suchte. Sie wurden mit einem Eifer hinweggetilgt, der sonst nur dem alten Chamoz gegenüber am Ruhetage des Peffachfestes angewendet wird. Jener Zukunft, unsere Gegenwart, hat uns das ganze Verhängnis dieses Irrtums klar gemacht. Sie hat uns gezeigt: es war durchaus nicht das bei den Kulturvölkern endlich zum Durchbruch gelangte Rechtsgesühl, das uns die Gleichberechtigung zuerkannte. Dieselbe verdanken wir vielmehr dem Umstande, daß sie zu den unvermeidlichen Folgerungen gehörte, denen die Menschen auf dem Wege ihrer damaligen Bestrebungen nicht ausweichen konnten. Denn wie sollte man für sich selbst die ausnahmslose Rechtsgleichheit erwirken und erkämpfen, wenn man die Juden davon ausgeschlossen wissen wollte. Wäre das nicht den Machthabern gegenüber Eingeständnisses genug, um auch die eigene Forderung als gemeingefährlich zu kennzeichnen? Der Begriff: Gleiches Recht für alle, gehört durchaus nicht zu den grundlegenden Kategorien in der moralischen Verfassung der heutigen Kulturvölker. Dazu sind sie noch nicht reif. Daher aus der einen Seite das Bestreben gegen besseres Wissen uns Verbrechen von Religionswegen anzulügen, ausschließlich in der wohlgezielten Absicht, damit unsere Rechtsfähigkeit zu widerlegen. Daher auf der andern Seite das Bestreben, Ausschreitungen einzelner Juden aus die Gesamtheit abzuwälzen ausschließlich zu dem Zwecke, um uns der allgemeinen Rechte für unwürdig zu erklären. Daher endlich drittens das Bestreben, einzelne in den neuartigen Verhältnissen oder in den geltenden Gesetzen und Einrichtungen hervortretende Unzulänglichkeiten den Juden zur Last zu legen und daraus die große Lüge von der „Judenfrage" aufzubauschen. Was die Herren Judenfrage nennen ist von unserem Standpunkte gesehen eine Christensrage, ist die Frage, die wir in dem Sinne unfern christlichen Mitbürgern zurückgeben: ob sie sich endlich entschließen wollen den Grundsatz: Gleiches Recht füralle, zu der unveräußerlichen und unverrückbaren Kategorie ihres sittlichen Urteils zu erheben, ohne immer wieder aufs neue daran zu mäkeln und zu markten. Mag die Antwort ausfallen wie sie wolle, wir geben in stiller Zuversicht unsere Sache der Entscheidung Gottes und der Zukunft anheim. Denn wir leben der unverwüstlichen Hoffnung: Unser wartet ein Freiheitstag, noch größer als der von Egypten. /