Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · p. Seite 229

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 229 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609957--1286-9609962
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 13. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 229. giebt? Was verleiht diesem Feste jene hehre Stimmung, die uns noch im reiferen, selbst im Greisenalter so traulich klingt, als wenn die liebende Mutter uns an ihrer Hand zur festlichen Tafel geleitete, des Vaters Hände segnend uns aufs Haupt gelegt würden? Was macht dieses Fest zu dem feierlichen Grundton, dessen Widerhall wir in allen übrigen festlichen und gottesdienstlichen Veranstaltungen wahrnehmen? Wer noch immer einem Gottesdienste in Israel beigewohnt, wird niemals einen Anklang an den Allszug aus Egypten dabei vermißt haben. Und endlich, was macht dieses Ereignis dazu geeignet, den Beweggrund zahlloser Gebote der Thora abzugeben, die mit dem Zusätze schließen: „denn ich bin der Ewige euer Gott, der euch aus Egypten geführt hat" — gleichsanl als sollte ein Grund damit ins Tresfell geführt werden, der alles andere an durchschlagender Wirkung überbietet. Das soll für den Israeliten die ultima ratio sein, die eindringlicher redet, als die Androhung von Hölle und Fegefeuer. Man wird zur Beantwortung aller dieser Fragen vielleicht sagen: der Auszug aus Egypten ist das wunderbarste Ereignis, das mit und an Israel vor den Augen der ganzen Welt vollzogen ward. Diese Antwort trifft jedoch den Kern der Sache nicht. Sie kann überhaupt nur vom Standpunkte einer beschränkten, unzureichenden Kenntnis der Weltgeschichte im allgemeinen und der israelitischen Geschichte im besonderen in dieser Weise gegeben werden. Denn hat nicht das an Alter und Erfahrung reiche Israel noch andere Tage erlebt, die dem hellen Lenztage in Egypten an Glanz nichts nachgeben? Ist denn jener Freiheitstag von Babylonien, der nach 70jähriger Sklavenschast den als Kriegsgefangenen dorthin Verschleppten anfging, von minder weltgeschichtlicher Bedeutung? Oder soll dieses Ereignis etwa darum in den Schatten treten müssen, weil es nicht dem damaligen Gewalthaber Cyrus durch Strafen erst hatte abgetrotzt werden müssen, sondern durch die freie Anregung seines edlen Herzens erfolgt war? Ja endlich, haben wir denn nicht in unserer Zeit selbst einen solchen Freiheitstag gleich demjenigen von Egypten erlebt? War es denn nicht auch ein noch niedagewesenes Weltereignis, als um die Mitte unseres Jahrhunderts die Gleichberechtigung aller zu einem Staate gehörenden Menschen ohne Rücksicht ans Abstammung und religiöses Bekenntnis zur gesetzlichen Geltung gelangte? Ja noch mehr, man ging soweit, dieses Recht auch auf Israel auszusprechen, das doch 1800 Jahre lang von allen Menschenrechten ausgeschlossen war. Mußte es doch während dieser langen, langen Zeit von Fall zu Fall die elementarsten Rechte, das Recht auf Gottes Erdboden zu lebeu, unter freiem Himmel atmen zu dürfen, erst kaufen, oder auf bestimmte Frist unter dem Vorbehalte der Aufkündigung erst pachten. Und ist dieses Ereignis etwa deswegen geringer an weltgeschichtlicher Bedeutung anzuschlagen, weil es nicht dem Entschlüsse eines Einzelnen seine Entstehung verdankt, sondern wie aus eine stillschweigende Verabredung aller Kulturvölker den Machthabern abgerungen wurde? Man wird daher, ohne die Befreiung aus Egypten darum in ihrer Bedeutung irgendwie verkleinern zu wollen, einräumen müssen, daß dieses Ereignis in unserer Geschichte nicht so vereinzelt, wie es den Anschein hat, dasteht. Wenn aber trotzdem das gesamte Israel an der unvergleichen Bedeutung des Ereignisses, daß unserem Feste zu Grunde liegt, festhält, so kann das keineswegs auf eine allgemein verbreitete Täuschung oder Unkenntnis des geschichtlichen Sachverhalts zurückgeführt werden. Eine so große, weitverzweigte Gemeinschaft wird sich wohl schwerlich gerade in ein und demselben Irrtum zusammenfinden. Jene überschwängliche Wertschätzung ist für uns der allgemeine, vielleicht unbewußte Ausdruck von Israels Gemüt und Empfindungen, die auf Eindrücke schließen lassen, die in solcher Gestalt nie wiederkehren. Und gewiß, wir brauchen in unserem Nachdenken nur den Spuren dieser Vermutung zu folgen, um auf den rechten Kern des Peßachsestes zu treffen. Er liegt nicht in dem Ereignisse als solcher, das zwar andere nicht überbieten, dem sie sich aber doch immerhin gleichzustellen vermögen. Wohl aber steht dieses Ereignis einzig da in der Art und Weise, wie es von denjenigen, die es erlebt haben, begangen wurde. Weltgeschichtliche Augenblicke werden der Regel nach erst von den Nachkommen als solche erkannt, die Beteiligten selbst haben fast immer keine Ahnung davon. Das soll ihnen hier durchaus nicht zum Vorwurfe nachgesagt werden. Werden doch solche Ereignisse erst durch jene weitaus greifenden Wirkungen zu ihrer Bedeutung erhoben, die noch augenblicklich in der Zukunft Schoß verborgen liegen. Diese ganze unermeßliche Zukunft ward jedoch in jener einzigen, schauervoll feierlichen Mitternachtsstunde zusammengefaßt und durchlebt, als Israel auf egyptischem Boden, ihrer Stellung nach zwar noch pharaonische Sklaven, ihrer Stimmung nach jedoch Erlöste des Herrn, jene einzige Feierstunde, den ersten Sederabend beging. „Ein Lamm für das Vaterhaus, ein Lamm für das Haus" (2. B. Mos. 12,3) — unter dem Wahrzeichen des Opfers sollten sie aus Egypten ziehen. Denn alle großen Ereignisse der Weltgeschichte, jeder Aufschwung wird unausbleiblich von einem Niedergang begleitet, gerade so wie der Schatten unweigerlich dem Lichte folgt. Ist jeder Aufschwung ein Ausdruck der höheren Natur des Menschen, so ist der Niedergang ein solcher, in dem sich die gemeinen, für den Augenblick zurückgedrängten Kräfte Geltung verschaffen. Um jenes Weltereignis vor diesem Rost zu bewahren, sollte Opfer die Losung sein, unter welcher es von Israel begangen wurde. Die Thürpfosten jedes jüdischen Hauses bildeten die Altäre zur Aufnahme der Opferspende. Somit enteigneten die der Erlösung Harrenden sich ihres Hauses und alles dessen, was es an Hab und Gut barg, und erklärten es als das ausschließliche Eigentum Gottes, dessen Nahen sie unter feierlichem Schrecken entgegenbebten. „Die Lenden gegürtet, die Schuhe an den Füßen und den Wanderstab in der Hand", denn für sie war der Glaube keine leere Redensart, sondern eine Gewißheit, sicherer als die rauhe, schreckliche Wirklichkeit, die sie anuoch umgab. Mochte sie egyptischer Pöbel in solcher Haltung als wahnbethört ansehen, ihrer kindlichen Zuversicht spotten, für sie war die Thatsache der Erlösung vollzogen, noch bevor sie in die Erscheinung trat. In solchen Gefühlen scharten sie sich um den festlichen Tisch, an dem Gott selbst nunmehr als Hausvater waltete und sie, die festliche Schar, als seine Kinder aus seiner Hand die Gaben der Festtafel entgegennahmen: Einen Bissen des Opferlammes in Feuer gebraten, denn nur derjenige, welcher von der Flamme der Begeisterung erglüht,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.