Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 13 (27.3.1896)
- Date
- 1896-03-27
- Page
- Seite 228 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 228. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. Freiheit, Glaube, Treue, all jeue Güter, welche zu den idealsten Bestrebungen der Menschheit gehören, sie alle wurden von den Juden hochgehalten, und der unverbrüchliche Mut, mit welchem sie an ihrem ererbten Glauben festhielten, für ihn eintraten und Gut und Leben opferten, dieser Mut zeigt uns, wie es um die Feigheit der Juden bestellt ist. Nicht nur die Deutschen, auch wir hatten unseren heiligen Krieg. Doch wir fechten seit Jahrtausenden für unsere gerechte Sache und unser Krieg wurde nicht leichtfertig heraufbeschworen. Die wehrhaften deutschen Studenten haben recht, der Begriff, den wir Juden von der Ehre haben, verträgt sich nicht mit jenem, den sie sich von ihr bilden, denn wir halten es für ehrenhafter und tapferer, für unseren Glauben einzustehen, als für unsere beleidigten Hühneraugen zur Waffe zu greifen. Und wie groß auch die semitische Tapferkeit sein mag, mit der Feigheit jener renommierenden Wichte vermag sie sich nicht zu messen. Rabbiner, Prediger n»b Lehrer. Von Lion Wolfs. II. Der Leser hat wohl schon gemerkt, daß der Kompetenzstreit im Regierungsbezirk Koblenz die indirekte Veranlassung dieser Artikel gewesen, wenn es auch an sich durchaus opportun erscheint diese Frage in einem Blatte zu behandeln, das, außerhalb Berlins, vornehmlich von Rabbinern, Lehrern und Vorstehern gelesen wird. Vor einem Vieteljahrhundert habe ich meine Lehrjahre (als Lehrer) im Südwesten Deutschlands begonnen, und ich muß gestehen, daß ich damals Elemente im Lehrerstande gefunden, die wahrlich nicht würdig waren bei öffentlichen Anlässen als Prediger zu fungieren. Ein christlicher Amtsrichter auf dem Hunsrück erzählte mir einmal folgendes Erlebnis mit einem dieser „Prediger". Ein achtbares Mitglied der jüdischen Gemeinde, zugleich Stadtrat, wurde zu Grabe getragen und der Lehrer hielt die Grabrede, die dem Erzähler sehr gefiel. Auf dem Rückwege vom Friedhofe schloß er sich dem Geistlichen an und sagte ihm ob der gehörten Leichenrede manche Elogen. Darüber war der Lehrer natürlich glücklich; er glaubte aber die Situation benützen zu sollen und bat den Amtsrichter, er möge auch seiner gedenken, wenn er Bedarf in — wollenen Unterhosen und Hemden haben werde, da er eine große Auswahl auf Lager habe. „Ich war sprachlos, erzählte der Herr, und konnte auf die Geschästsempfehlung dieses Herrn im Talar keine Antwort finden." Natürlich habe ich den Herrn über das Verhältnis eines jüdischen Beamten in einer preußischen Gemeinde aufgeklärt, und ihm mitgeteilt, daß es dieser Beanckenkategorie, die nur von den armen Gemeinden abhängig ist, unmöglich ist, mit einem Einkommen von 800 Mark pro Jahr ohne Nebenbeschäftigung eine Famlie zu ernähren.*) *) Wenn die biedere „Staatsbürgerin" dieses Erlebnis zur Kenntnis ihrer Leser bringen will, so soll sie gar nicht vergessen den Nachsatz zu bringen; vielleicht, daß die Regierung rm nächsten Etat auch zur Aufbesserung dieser Lehrer einen namhaften Betrag einstellt. Was wir bei dieser Reminiszenz vermissen, ist die Würde, die mir unter allen Umständen und in jeder Lage von diesen Beamten fordern, sonst soll der Lehrer in kleinen Gemeinden weder sich Prediger nennen, noch als solcher öffentlich funktionieren. Der „Lehrer" darf Nebenbeschäftigungen obliegen, denn auch die christlichen Lehrer aus dem Lande haben fast sämtlich Agenturen odersonstigeunpädagogische Nebenbeschäftigungen. — Im Regierungsbezirk Koblenz wurde damals ein großer Viehmarkt in Neunkirchen, zwischen Simmern und Gmünden abgehalten. Dort wurden (anfangs September) zugleich die Engagements der Vorbeter für die hohen Feiertage abgeschlossen. In den meisten Fällen setzten diese wilden Kantoren nach den Herbstseiertagen ihren Wanderstab weiter, und die den Winter über in ihren Stellungen verblieben, haben auch die geschilderten Funktionen mit und ohne Kenntnisse der einschlägigen religiösen Vorschriften vorgenommen. Es wird heute, nach der Schilderung der Gegenpetition contra Dr. Singer auch dort besser geworden sein, wenngleich Aehnliches in allen preußischen Provinzen noch heute Vorkommen kann, und ich kann lebhaft die Entrüstung eines wissenschaftlich gebildeten Rabbiners nachfühlen, wenn er hört, daß in seiner Nachbarschaft solche Elemente sich als „Rabbiner" ausspielen. Daß tüchtig vorgebildete Lehrer (ich lege auf das Prädikat: „seminaristisch Gebildete" nur geringen Wert) eo ipso berechtigt sind. Trau- und Grabreden zu halten, ist selbstverständlich, ich kann mir auch kaum denken, daß Dr. Singer sich über solche Lehrer beklagt. Es kann auch darüber kein ernstlicher Streit entstehen, wer eine Trauung in einer Gemeinde, die keinen Rabbiner hat, vollziehen soll. Beauftragt ein Brautvater den Lehrer, so will er keinen Rabbiner. Wünscht er aber einen Rabbiner, entweder, weil ihm der Lehrer nicht dazu fähig scheint oder weil er mit ihm nicht auf gutem Fuße steht, so kann der Lehrer das auch nicht verhindern. Es giebt Parvenüs, die durchaus einen „Doktor" für solche Familienfeste haben müssen. Ein anständiger Rabbiner wird sich nicht aufdrängen. Ebenso verwerflich wäre es, wenn es einem Lehrer einfallen sollte, in einer Gemeinde, in der ein Rabbiner amtiert, eine Trauung vorzunehmen. Was nun die Schulinspektion durch einen Rabbiner betrifft, so würde ich heute nach einer 27 jährigen Wirksamkeit eine solche nicht nur nicht hindern, sondern fordern! Ich habe es zweimal, und zwar in der Nähe von Berlin erlebt, daß veritable Analphabeten als Inspektoren meine Schüler prüften. Das kann überall passieren und ehe mich ein ähnliches Unglück wieder heimsucht, würde ich. dringend darum bitten, meine Religionsschule durch einen wissenschaftlich gebildeten Rabbiner inspizieren zu lassen. Drei Weltgeschichtliche Momente. (Religiöse Betrachtung.) Von Rabbiner Dr. D. Fink, Zwittau (Mähren). Was ist es, das dem Feste unserer Befreiung aus Egypten diese unvergleichliche, trotz der Entfernung von Jahrhunderten unmittelbar ergreifende Bedeutung in dem Herzen Israels