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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · p. Seite 227

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 227 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 227. brachte. Aber wenige Monate nach dieser heftigen Rede des Mose zogen die Heerscharen Gottes als freie Männer ans Egypten und Pharao war tief gebengt. So sollten wir nicht durch Ungeduld unser Leid steigern, unser Herz verbittern. Alle diese Verfolgungen sind doch nur Winterstürme in der Frühlingszeit; über alle die Luftströmungen, die für eine kurze Zeit auf Erden das Wetter bestimmen, geht die Sonne hoheitsvoll ihren Weg und spendet das Licht und die Wärme. Einstmals stand in der Versammlung der Gelehrten, so berichtet der Talmud, ein Rabbi Iehuda den Cutyra auf und behauptete, er sei ein direkter Sprosse derer, die Hesekiel vom Tode habe anferstehen lassen, und er zeigte die Tephillin, die jener durch den Propheten vom Tode erweckte Ahne angelegt hatte. Wir glauben das willig; warum sollte ein Prophet nicht einen erweckt haben, der für das Judentum erstorben war; solche Erweckungen sind ja der Lebensbernf des Propheten; und wie leicht war es, ihn dauernd wach zu halten, wenn die Tephillin ihn täglich mahnten, Denken und Thun zu heiligen. Solche Erweckung des Frühlings in unserer Seele wäre kein übler Versuch, draußen den Winter zu bannen, die Vorurteile zu entwaffnen. Das wäre die rechte Ungeduld, wenn wir keine Geduld hätten mit unseren Schwächen, mit unseren Fehlern. Wir üben am Feste mannigfachen Brauch; aber Rabbi Gamaliel sagt: Das Neben des Brauches ist nicht das Wesen. Wer nur Peßach, Mazah und Maror auf den Tisch bringt, wer sie nicht bespricht und erwägl, der hat eine Pflicht am Feste nicht erfüllt. Wer opfermutig ist, wer auch bei kargem Brot und trotz aller Bitternis am Feste sich ergötzt, der verzagt nicht, der wird nicht ungeduldig und bitter, wenn hie und da die Unduldsamkeit Triumphe feiert, der sieht über Wolken und Stürmen die Frühlingssonne, die die Erlösung bringt. B. R. Sfmitifdic ffiglirit — arische Tapferkeit. Von Rabb. Dr. L. Goldschmied, Mißlitz*). Ein Blick auf die an Märtyrern ihres Glaubens so reiche Geschichte der Juden belehrt den Geschichtskundigen, ivas die feigen Semiten an Tapferkeit geleistet haben. So haben im elften Jahrhundert, in dem kurzen Zeiträume von zwei Monaten mehr als zwölstausend Juden in den Rhein¬ *) Eine schneidige Antwort aus die unwürdige Verrufs-Erklärung der jüdischen Studenten in Wien giebt Vers, in dem folgenden Aufsatz in der Oesterr. Wochenschrift. Einen beherzigenswerten Rat geben übrigens die Mitteilungen aus dem Abwehrverein den jüdischen Studenten in Wien. „Unserer Meinung nach, schreiben sie, sollten die jungen Leute den Kampf auf den geistigen Turnierplatz verlegen. Es giebt nur eine Revanche für die Ablehnung der persönlichen Satisfaktion: Die Erreichung geistiger Satisfaktion. Die jüdischen Studenten sollen fleißig sein „bis zur Abfuhr". Holt Euch die ersten akademischen Zeugnisse und Grade! Ehrt und liebt in Bescheidenheit Eure Wissenschaft! Holt Euch alle akademischen Preise! Das ist mehr wert, als wenn vom Schläger das Blut herniedertropft!" Ganz unsre Ansicht. Red. städten den Märtyrertod ihres Glaubens erlitten, und die tapferen Helden, die über wehrlose Frauen und Kinder herflelen, waren — tapfere Arier, Teutonen, die den Mut mit Löffeln gefressen haben. Und wer das zweite Kapitel in Zunzens Synagogaler Poesie liest, wer diese ununterbrochene Kette der Verfolgungen, Plünderungen, Vertreibungen und Ermordungen sich vergegenwärtigt, die „wahrhafte" deutsche Männer gegen „ehr- und wehrlose" Juden unternommen haben, der wird die Größe germanischer Tapferkeit unbedingt anerkennen und der Feigheit der Juden, die sich für eine Idee hinschlachten ließen, die ganze Wucht seiner Verachtung zuwenden müssen. Die Bewunderung für deutsche Ehre und Tapferkeit wird aber noch mehr wachsen, wenn man die Ursachen dieser Judenverfolgungen erforscht, welche von frommen, gottesfürchtigen Kreuzzüglern veranstaltet wurden. Allerdings heißt es, daß die begeisterte Schar kreuzfahrender Ritter vorerst mit den Ungläubigen in ihrer eigenen Heimat aufräumen wollte; aber die Erpressungen, Schuldenerlässe und sonstigen Benefizien, durch welche die frommen Ritter ihre leeren Säckel gefüllt haben, zeigen uns, wie fadenscheinig der Glorienschein dieser Glaubenshelden war. Wie anders erscheint uns die so hochgepriesene deutsche Treue, wenn wir jene hündische Demut betrachten, in der die deutschen Fürsten unter der Peitsche Napoleons sich gebeugt haben. Hat doch Friedrich August, der König des christlichen Sachsenlandes, ans Furcht und Feigheit sich nicht entschließen können, ob er es mit seinem kaiserlichen Patron halten oder sich an dem heiligen Kriege der koalierten Fürsten beteiligen soll. Und jenes häßliche Schachern und Feilschen um den Länderbesitz, das wir bei den deutschen Duodez-Fürsten jener Tage sehen können, steht in der ganzen Weltgeschichte vereinzelt da. Eine solche Ehre und eine solche Tapferkeit ist dem jüdischen Wesen allerdings fremd, und die tapsern wehrhaften Studenten haben allerdings recht, wenn sie behaupten, daß der jüdische Student „der Ehre nach deutschen Begriffen völlig bar ist." Wie anders, um wie viel tapferer und mannhafter erscheint uns jener Mut, mit welchem die Inden selbst unter der Schreckensherrschaft der Revolution für ihren Glauben eingetreten sind. Als nämlich, nach Abschaffung aller Kulten durch den Konvent, die Religion der Vernunft eingeführt wurde, als Priester und Laien an diesem thörichten Treiben des irregeführten Menschengeistes regen Anteil nahmen, da besaßen die Juden den Mut — pardon! — die Feigheit, für ihren Glauben einzustehen. So ließen z. B. die Juden von Nancy ein Zirkulär unbeachtet, das Bigerot, der offkier municipal „aux republicains et philosophes de la ci-devant religion juive“ an sie gerichtet, und in welchem er sie aufgefordert hat, ihren alten Aberglauben abzuschwören, die^eiligen Schriften auszuliefern und die kostbaren Ornamente zu übergeben. Sie leisteten mutigen Widerstand und hielten an dem ererbten Glauben ihrer Väter fest. Wie anders benahm sich eine Frau Hamadard aus Metz, die zur Zeit der Schreckensherrschaft das Paffahfest durch die Anfertigung ungesäuerter Brote gefeiert und diese Sitte vor dem Prokonsul ihrer Stadt damit erklärt hatte, daß sie ihrem Herzen so teuer ist, weil sie uns an die Freiheit erinnert!

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