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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-27 · 13 (27.3.1896) · p. Seite 226

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
13 (27.3.1896)
Date
1896-03-27
Page
Seite 226 (sequence 2)
Language
German
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Seite 226. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 13. seligeil Glauben, daß es Frühling geworden sei; das Eis schien geschmolzen, wir sahen die jungen Blüten der Freiheit, der Liebe, der Gerechtigkeit aufsprießen, wir waren glücklich, jenes erkältende Gefühl der Fremdheit los zu sein. Das Frühlingsgefühl ist ungleich schöner als die Freude an der Natur in Hellen Sommertagen, denn der Schrecken des Frostes, der in unserer Erinnerung lebt, erhöht die Freude an der Gegenwart. Ta haben die alten Vorurteile wieder Macht gewonnen: ein Haß, der an Wahnsinn grenzt, führt überall das laute Wort, und den Besten in unserer Mitte und unter unseren Freunden wird ganz bang mrd zag im Gemüte gegenüber diesen winterlichen Stürmen. Unsere alten Weisen sagen: „Frechheit ist eine Herrschaft ohne Krone", und sie berufen sich dabei aus die Erzählung in der heiligen Schrift, nach welcher David, der .König in Israel, der die Krone trug, seine Ohnmacht erklärte gegenüber Joab, jenem übermütigen Raufbold, der ohne Scheu Gewaltthat übte. Solch unerhörter Nebermut wütet gegen uns. Für den Frechen giebt es keine Widerlegung; eine Behauptung, die an unserem Glauben, die an unserer Ehre rührt, wird heute in ihrer Grundlosigkeit erwiesen und morgen wird sie wieder keck verkündet, als sei gar nichts vorgefallen. Unsere Gegner haben offenbar das Prinzip, keine Lüge, die je von der Tollheit oder Bosheit gegen uns vorgebracht worden ist, fallen zu lassen. Der Talmud rät uns, Schmähungen gegenüber demütig zu sein. Es ist nicht leicht, Kränknngen gelassen zu tragen, und wie können wir demütig schweigen, wenn unser Glaube gekränkt wird, wenn unserer Religion Grausamkeit gegen Mensch und Tier und dumpfer Aberglaube vorgeworfen wird! Der deutsche Dichter sagte einmal in seinem Unmute über die Herrschaft der Lüge: „Sagt, wie tonnen wir das Wahre, denn es kömmt uns ungelegen, niederwerfen auf die Bahre, daß es nie sich möchte regen? Solche Mühe wird nicht groß sein kultivierten deutschen Orten; wollt ihr es auf ewig los sein, so erstickt es nur mit Worten." Ties Rezept wird nur zu genau befolgt. Und der Frühling selbst war es, der diese Winterschaner hat erzeugen helfen. Als die Israeliten in die allgemeine Kultur eintraten, da offenbarten sie eine so jugendliche Regsamkeit, da gewannen sie Siegespreise nicht nur aus dem Boden des materiellen Erwerbes, sondern in allen Wettkämpfen der Künste und Wissenschaften, so daß sie sich sofort aller Welt ebenbürtig erwiesen. Da entstand der Neid; selbst diejenigen, die anfangs um der Gerechtigkeit willen mitgeholfen hatten, das Joch der Juden zu brechen, ertrugen es unwillig, daß die Juden so gar keinen Spaß verstanden und allen Ernstes von den ihnen eingeräumten Rechten den vollen Gebrauch machten. Aber gerade die Vorgänge der Statur sind ein Mahnruf, auch in ben Geisleskämpfen nicht sogleich die Geduld zu verlieren, nicht sogleich zu verzagen und zu verzweifeln, wenn einmal mitten in alle Herrlichkeit des beginnenden Frühlings der Winter wieder hineinstürmt, wenn der zurückgedrängte Wahn einen Vorstoß wagt. Der Fortschritt der Weltgeschichte vollzieht sich nun einmal nicht so gradlinig, wie der Pfeil, der vom Bogen stiegt. Wenn wir nicht Geduld haben, so erhöhen wir nur die Beschwerden, die schon ohnedies dieser Rückfall in den Winter uns auserlegt, und überdies können wir es nicht leugnen, daß unsere Freunde auch mit uns ein wenig Geduld haben müssen, daß nicht alles, was wir thun und lassen, des unbedingten Beifalls sicher sein darf. Im Talmud ist zu lesen: R. Jose ans Galiläa kam einst nach Alexandrien, dort traf er einen Greis, der ihm in Egypten die Stätten zeigte, an denen die Egypter die Israeliten ins Meer gestoßen oder mit dem Schwerte getötet oder durch Oualen bedrückt hatten und wegen dieser llnthaten der Egypter ist Mose bestraft worden, denn er konnte, da er dies sah, die Erregung seine Seele nicht meistern und schleuderte gegen die göttliche Gerechtigkeit den Vorwurf: „Warum duldest du, daß diesem Volke so weh geschieht? Auch nachdem ich zu Pharao gekonimen, um in deinem Namen zu reden, mißhandelt er dieses Volk und du hast es nicht geretter." Gott aber sprach hierauf verweisend zu Mose: „Wehe um diejenigen, die dahin sind und derengleichen nicht zu stnden ist. Abraham hatte die Verheißung, daß das ganze Land ihm gehören werde, und als er ein Grab für seine Gattin brauchte, mußte er es um Geld erwerben, und er hat dennoch meinem Worte geglaubt und es begriffen, daß eine solche Verheißung nicht von heute auf morgen sich verwirklichen könne. Jsak vernahm die Kunde: Dir und deinen Sprossen werde ich alle diese Länder geben und hatte später kaum einen Brunnen, um seine Heerde zu tränken; aber er hat dennoch an der Wahrheit des göttlichen Wortes nicht gezweifelt. Jakob empfing dieselbe frohe Botschaft und mußte später, um sich ein Zelt anszurichten, Grund und Boden um hundert Münzen von den Insassen des Landes erwerben. Du aber hast kanm deine Sendung begonnen und erwartest schon einen Erfolg und zweifelst an dem Weltgericht, weil es dem Sünder Zeit läßt; so sollst du bestraft werden und zwar das Strafgericht an Pharao sehen, aber nicht die Israeliten in das Land der Verheißung führen." An dieser Erzählung haben die Erklärer auszusetzen, daß ja die Schrift von einer Bestrafung des Mose bei diesem Anlaß nichts erwähnt, daß erst später aus einer ganz anderen Veranlassung, weil Mose allzuhestig gegen die dürstenden Israeliten in der Wüste auffuhr, dem Mose das Urteil wurde, in der Wüste zu sterben. Aber beidemal stammt der Fehler des Mose aus demselben Grunde, aus der Ungeduld, die in Egypten sich nicht darein finden kann, daß Gottes Mühlen langsam mahlen, die in der Wüste keine Nachsicht hat mit dem körperlichen Leid einer an strenge Selbstbeherrschung nicht gewöhnten Menge. In beiden Fällen entsprang der Fehler aus einer edlen Empfindung, in Egypten aus dem tiefen Gefühl für die unschuldig Leidenden, in der Wüste aus dem festen Gottvertrauen, kraft desseil er dasselbe Leid, weswegen das Volk seufzte, kaum verspürte. Immerhin bringt uns die Ungeduld kaum vorwärts, sondern eher zurück. Ein Mose mußte sich sagen, daß es für die Israeliten in Egypten ein Segen war, langsam emporgehoben zu werden, sich an das Licht der Freiheit allmählich zu gewöhnen. Was wir von unseren Verfolgern erfahren, ist wohl geeignet, unseren Zorn, nnsere Erbitterung zu erregen, wie Pharaos Uebermut das Blut des Mose in heftige Wallung

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