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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 216

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 216 (sequence 12)
Language
German
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Seite 216. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. bis ans Ende." — Das Leichenbegängnis Dr. Heumanns fand unter ungewöhnlich großer Beteiligung aller Kreise der Bevölkerung statt. Unter den nach Tausenden zählenden Tranergästen befand sich auch der Obergespan mit den Notabilitäten und Beamten des Komitats. Die hunlanitären Vereine, denen der Verstorbene ein stets hilfsbereiter Förderer gervesen, hatten sich korporativ eingefnnden. Tie Leichenrede hielt der Großwardeiner Rabbiner Tr. Kecskeiiwthy und am offenen Grabe sprach der Reichstags-Abgeordnete Dr. Ladislaus Mako, in ergreifender Rede die Verdienste schildernd, die sich Heumann um die Stadt und das Komitat erworben. — Ehre seinem Andenken! — Hcrzls Judenstaat. Sir Samuel Montagn in London hat auf die Frage eines Interviewers, welche Meinung er über die neu aufgetanchte Idee des „jüdischen Staates in Palästina" hege, erklärt, daß die Freigabe der Einwanderung seitens der türkischen Regierung die Lage unserer russischen Brüder, welche in Massen dorthin wandern würden, mit einem Schlage bessern werde. Leider sehe die türkische Regierung nicht ein, daß ihr selbst der größte Nutzen daraus erivachsen würde. Die Geldfrage spielt keine Rolle; heute betragen die Einkünfte Palästinas 1,600,000 Mark, eine rationelle Kaiffsumme also 40 Millionen Mark; aber wenn auch viel mehr gefordert würde, sei es sicher, daß der Betrag vielfach überzeichnet werden würde. Leider liege die Realisierung dieser Pläne noch in sehr ferner Zukunft. — Sollte es mit Palästina nichts sein, dann könnte vielleicht British Honduras erwählt werden, denn eine Zuschrift von dort empfiehlt dieses Land als ein geeignetes Feld für die jüdische Einwanderung. Es sei die einzige englische Kolonie, in der keine Juden wohnen, trotzdem das Klima gesund sei. Es seien Vorkehrungen getroffen, um den Landerwerb zu erleichtern, auch fänden Aerzte unb Handwerker sichere und lohnende Thätigkeit, besonders geschickte Mechaniker immer gut bezahlte Stellungen. Ein Ritualmord der Antisemiten. In Pest hat der Gastwirt Ignatz Adler aus Garam-Kissallo Selbstmord begangen, lieber die näheren Umstände der Verzweiflungsthat wird folgendes gemeldet: Ignaz Adler, der seit 41 Jahren in Garam-Kissallo wohnte und daselbst als anständiger Mann bekannt war, war, seitdem die kleine Jnliska Balazs tot anfgefunden wurde, fortwährenden Verfolgungen ausgesetzt. (Wir haben s. Z. über diesen Fall referiert. Red.) Der Jpolrffager Gerichtshof, welcher in der "Angelegenheit die Untersuchung einleitete, hat wohl einen Einstellnngsbeschlnß erbracht, trotzdem hörte die Hetze gegen Adler nicht ans. Die Gemeindebewohner und insbesondere der Vater des Mädchens drohten ihm mehrmals mit dem Tode, schlugen seine Fenster ein, drangen einmal in seiner Abwesenheit in seine Wohnung und drohten seiner Frau, sie zu erstechen; die Folge war, daß der in Ehren ergraute Mann sich nicht mehr ans seiner Wohnung hinaus wagte. Es kränkte ihn sehr, daß er einer Mordthat beschuldigt wurde, er ward apathisch und allmählich nmnachtete sich sein Geist. Im Verlaufe von einigen "Monaten wurde Adler wahnsinnig. Sein Sohn und sein Schwiegersohn brachten ihn nach Budapest, wo sie den Advokaten aufsuchten, der im Aufträge Adlers gegen den Garam-Kissalloer Pfarrer Johann Fuß, der die Mär vom „Ritnalmord" in die Welt setzte und dieselbe auch in einem klerikalen Blatte publizierte, einen Preßprozeß einleitete. Adler erklärte dem Advokaten, er werde sich das Leben nehmen, da er die Schmach, in seinem Alter des Mordes geziehen zu werden, nicht ertragen könne. Der Greis begann zu weinen und stürzte bewußtlos zusammen. Auf Anraten des Advokaten gingen seine "Angehörigen mit ihm zu einem "Arzte, der die Geisteskrankheit konstatierte und auf seinem Rezepte bemerkte, „der Patient sei unter fortwährender Aussicht zu halten". Von da begaben sie sich zum Professor Lausenauer, welcher dem Greise kalte Kompressen ordinierte. In die Wohnung des Schwiegersohnes Adlers zurückgekehrt, bemerkte man an dem Greise eine ungemeine Aufregung. Er zog seinen Sohn mehrmals an sich, überhäufte ihn mit Küssen und sagte: „Ich weiß nicht, was ans mir wird; ich kann nicht mehr denken." Er wartete ab, bis im Hanse alles ruhig geworden, ging in den Hof hinaus und verübte den Selbstmord — einen Ritualmord der Antisemiten. Hier und dort. * Berlin, 15. März. Unter diesem Datum erhalten wir soU gende Zuschrift, die wir wiedergeben und deren Beachtung wir unseren geehrten Lesern gern empfehlen: Der Vorschuß- Verein für hilfsbedürftige Mitglieder der jüdischen Gemeinde, welcher im Jahre 1846 von einer Anzahl hochherziger Mäner begründet worden ist, hält am 26. März, abends 7Vs Uhr im Saale des Brüdervereins, Unter den Linden 4a, seine 50. Generalversammlung ab. Ter Verein hat es sich zur Ausgabe gestellt, unbemittelten gewerbetreibenden jüdischen Mitbürgern durch Gewährung zinsfreier Darlehen Aushilfe zu bringen, und er hat stets in dem Sinne der Begründergewirkt, die von der richtigen Voraussetzung ausgingen, daß Almosen wohl die augenblickliche Not lindern, indessen eine nachhaltige Besserung der Bedürftigen in der Regel nicht ermöglichen. Jedoch, wo es darauf ankommt die wirtschaftliche Existenz einer Familie ansrecht zu erhalten, oder gar einen vollständigen Zerfall zu verhindern, kann wirksam nur eiugetreten werden, wenn dem Hilfsbedürftigen vorschußweise ein Darlehen gewährt, und die Rückzahlung durch Gestattung von Ratenzahlungen ermöglicht wird. In diesem Sinne wirkt der Verein seit seinem Bestehen und hat Tausenden von kleinen Gewerbetreibenden und Handwerkern geholfen und sie vor vollständiger Verarmung geschützt. Die Ansprüche an den Verein werden durch die Ausdehnung unserer Gemeinde immer größere und würde noch mehr Gutes gethan werden können, wenn die Zahl der Beitrag zahlenden Mitglieder sich vergrößerte, denn wenn je ein gutes Werk der Unterstützung wert war, so darf dies sicher von diesem Verein behauptet werden. Ihre einflußreiche Zeitung wird gewiß die Aufmerksamkeit vieler Ihrer Leser aus unseren Verein lenken und sie veranlaßen, sich als Mitglieder desselben bei dem Vorsitzenden, Herrn Oscar Rathenau, Bendlerstraße 26, zu melden. I. E. * Berlin, 16. März. Gestern Nachmittag 2'/, Uhr wurde ein Zweiginstitut des israelitischen Heimathanses, der israelitische Kindergarten durch einen Hanptgottesdienst eingeweiht. Im Kindergarten finden Kinder wenige bemittelter Eltern Aufnahme und während des ganzen Vormittags angemessene Zerstreuung und Beschäftigung und Aussicht und Leitung einer sachlich vorgebildeten Lehrerin. Die^ Zahl der Kleinen, die schon jetzt die Wohlthaten dieser Institution in Anspruch nehmen dürfen, beträgt nicht weniger als 125 ein Beweis für die Nützlichkeit und Notwendigkeit des Kindergartens. Die Einweihungsseier, bei welcher die Herren Dr. Weiße und Kantor Marksohn, sowie Kapellmeister Kellermann nebst

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