Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 215

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 215 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/4794838-9609712-9609936--1271-9609947
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 12. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 215.!Vochen-(Lhronik. Berlin, den 19. März. — Antisemitische Wehklage. In einem hiesigen Antisemitenblatte lesen wir folgenden Schmerzensschrei: „Eine verhängnisvolle Lauheit und Schlaffheit macht sich seit Monaten in der Leitung der Berliner antisemitischen Bewegung geltend, lleberall im Lande wurde den Winter durch stramm gearbeitet, in Berlin begnügte man sich jedoch säst ausschließlich mit der Abhaltung voll Kränzchen, Maskenbällen, Familienabenden, Kegelfestlichkeiten rc. Von einer ruhigen agitatorischen Thätigkeit war nichts zu merken. So hat z. B. der „Deutsche Antisemiten- Bund" seit beinahe einem Jahre keine öffentliche Versammlung abgehalten, trotzdem der Stoff zu solchen wahrhaftig in überreichemMaße vorhanden war."- DasPublikum der antisemitischen Blechschläger findet eben keinen Gefallen mehr an deren abgedroschenen Künsten und schiebt lieber Kegel. — Die „Schlaffheit" scheintübrigensin jenen Kreisen chronisch zil seiil oder zu iverden, sobald an ihren Geldbeutel appelliert wird. Das beweist die Thatsache, daß die Antisemilenblättlein, die vor Jahren in jedem Quartal wie Pilze aus der Erde schossen, jetzt wie der bekannte biblische Kikajon ebenso schnell nach einander von der Bildsläche verschwinden. Unserer antisemitisch-journalistischen Totenliste können wir heute noch einen Namen einreihen: Das „Deutsche Tageblatt" in Nordhausen wird am 1. April zu seinen Brüdern versammelt werden. Auch in Nordhansen werden die Geschäftsantisemiten am und um das,, Tageblatt" einen Schmerzensschrei ausgestoßen haben. Dürfen aber wir darob einen Freudenschrei vernehmen lassen? Die Zahl der Fragezeichen darf der geneigte Leser nach Belieben vergrößern. — Grober Unfug. Dem Redakteur des „Antisemitischen Generalanzeiger", Karl Sedlatzek ist folgender Strafbefehl zugegangen: Ans den Antrag der königlichen Staatsanwaltschaft wird gegen Sie wegen Vergehens gegen § 360 II. Str.-G.-B., § 20 Abs. 2 R.-Pr.-G. vom 7. Mai 1874 eine der Staatskasse gebührende Geldstrafe von 30 Mark, im Falle diese nicht beigetrieben werden kann, eine Haftstrafe von sechs Tagen festgesetzt. Sie haben in der Nr. 93 der hier erscheinenden periodischen Druckschrift General-Anzeiger vom 20. November 1895, für welche Sie als Redakteur verantwortlich sind, einen 'Artikel mit Ueberschrist „Fleisch für die Gojim" veröffentlicht, in welchem gewarnt wird, Fleisch aus Judenläden zu genießen. Durch diese Veröffentlichung haben Sie der Verübung groben Unfugs sich schuldig gemacht, indem diese geeignet erscheint, nicht nur die jüdischen Schlächter in ihrem Gewerbetrieb zu beeinträchtigen, sondern auch dasjenige Publikum, welches bei jüdischen Schlächtern zu kaufen pflegt, zu beunruhigen. Königl. Amtsgericht I. gez. Dr. Menz." — Sedlatzek als Kläger. Der pp. Sedlatzek fühlt das Bedürfnis schon der Abwechslung halber einmal als Kläger vor Gericht zu stehen, und wünscht, daß unser Blatt ihm hierzu verhelfe. Vor 14 Tagen veröffentlichten wir eineil Aufsatz, in welchem voll einem Prozesse gegen einen antisemitischen Buben die Rede gewesen ist. Herr Sedlatzek erklärte dem zuständigen Schiedsmann, daß dieser Ehrentitel nur ihm zugedacht geivesen sein könne und daß er sich darum „beleidigt" fühle; und beleidigt, 'wie er ist, lud er den Verfasser jenes Aufsatzes und den Redakteur dieses Blattes vor das Forum eben jenes Schiedsmannes. Nachdem aber beide ein Rendezvous mit Herrn Sedlatzek abgelehnt, wird dieser seinen sehnlichen Wunsch, einmal auch als Kläger vor den Schranken des Gerichts zu stehen, bald erfüllt sehen. — Die „teutsche" Studentenschaft in Wien hat beschlossen, daß alle Inden ehrlos und feig sind und daß man sich mit ihnen nicht mehr duellieren dürfe. Die jüdisch-akademischen Verbindungen entsandten infolge dieser Erklärung eine Abordnung an den Rektor der Wiener Universität, die ihre Entrüstung über diesen Beschluß anssprach und hinzufügen sollte, daß die jüdischen Studenten von ihren akademischen Rechten nicht das geringste preisgeben und eventuell die äußersten Konsequenzen aus der Angelegenheit ziehen würden. Der Rektor erwiderte, daß eine Sitzung des akademischen Senats einberufen sei. Vorläustg könne noch nichts geschehen. Er bedauere auf das lebhafteste den ganzen Vorfall und ermahne alle auf das dringendste zur Ruhe. Da viele Studenten auch Reserveoffiziere sind, so fragt es sich, wie sie sich vorkommenden Falls verhalten werden. Zwei Satisfaktionsverweigernngen antisemitischer Studenten, die Reserveoffiziere sind, sollen bereits an zuständiger Stelle angezeigt worden sein. — Vielleicht hilft dieses unsinnige Vorgehen dazu, die ganze Absurdität des studentischen Tueüunfugs den Beteiligten klar zu machen. In diesem Falle wären die antisemitischen Satisfaktionsverweigerer auch ein Teil von jener Kraft gewesen, die stets das Böse will und stets das Gute schafft. — Dr. Ignatz Heumann, einer der tüchtigsten und mntigsten Verteidiger in dem denkwürdigen, noch unvergessenen „Ritualmord"-Prozeß in Tisza-Eszlür, ist dieser Tage, 54 Jahre alt, gestorben. Sämtliche ungarische Blätter — die klerikaleil natürlich ausgenommen — widmen dem Entschlafenen ehrende Nekrologe, die alle darin ausklingen, daß Dr. Heumann nicht nur die Ehre des Judentums, sondern auch die Ehre Ungarns gerettet habe. Das „Politische Volksblatt" schreibt: „Wie Sankt Georg gegen den Drachen, so kämpfte Dr. Heumann damals lange, bange Monate mit eiserner Energie und rasiermesserscharfem Verstände gegen Lug und Trug, gegen bewußte Rohheit und blutig-naiven Aberglauben. Und in voller Anerkennung seiner bedeutenden Persönlichkeit war er zumeist, mehr als andere exponierten Mitwirkenden an dieser häßlichen Tragikomödie, die Zielscheibe der raffiniertesten Bosheit, der ausgesuchtesten Verfolgungen. Und wenn er dann müde, verbittert, zu Tode gehetzt heimkehrte in die traute Familienstube und die in seiner Hand so furchtbare Waffe ruhebedürftig von sich werfen wollte, da war es seine Frau, die ihm nicht nur mit sanfter Hand die Falten der Stirne glättete, sondern ihn auch ernmnterte, mutig auf der einmal betretenen Bahn auszuharren. „Und wenn wir alle zu Grunde gehen sollten" — sagte Frau Heumann — „wenn wir die Existenz, das Leben einbüßen. Tu darfst nicht zurückweichen, Du mußt ansharren für Deine Ehre, Tn mußt weiterkämpfen für Recht und Wahrheit." Und Heumann kämpfte unter der bewundernden Anerkennung der ganzen zivilisierten Welt den Titanenkampf W.'-Vt-r r'lirtrtr. r' -tfi-KiVS.*- ,JiW»i Jj!»TMltAlt'.1

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.