Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 214 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Seite 214. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. "Aber sie können nichts thnn ohne die Begeisterung unseres Volkes. Der Gedanke muß hinausfliegen bis in die letzten jammervollen '-Hefter, wo unsere Leute wohnen. Sie werden aufwachen aus ihrem diunpsen Brüten. Denn in unser aller Leben kommt ein neuer Inhalt. Jeder braucht nur an sich selbst zu denken und der Zug wird schon ein gewaltiger. Und welcher Ruhm erwartet die selbstlosen Kämpfer für die Sache! Darum glaube ich, daß ein Geschlecht wunderbarer Juden aus der Erde wachsen wird. Tie Makkabäer werden ivieder ausstehen. Und so wird es zugehen: gerade die Armen und Einfachen, die gar nicht wissen, welche Macht der Mensch schon über die Natnrkräste besitzt — gerade die Einfachen unseres Volkes werden die neue Botschaft am stärksten glauben. Denn sie haben die Hoffnung aus das gelobte Land nicht verloren. Da ist es, Inden! kein Märchen, kein Betrug! Jeder f'cum sich davon überzeugen, denn jeder trägt ein Stück vom gelobten Lande hinüber; der in seinem Kopse, der in seinen Armen und jener in seinem erworbenen Gut. Wir wollen endlich als freie Männer ans unserer eigenen Scholle leben und in unserer eigenen Heimat ruhig sterben. Dir alte» jüdischen Melodien. Von Z. Schönberger, Potsdam. In einem ebenso gediegenen wie geistreichen Aussatze plaidierte neulich Herr Pros. Steinthal für eine Sammlung und Veröffentlichung der in der Erinnerung und im Herzen alter Mitglieder unserer Gemeinden lebenden jüdischen Melodien. Ich gestatte mir zu dieser Frage das Wort zu nehmen, um von neuem meine Berussgeuoffeu anzuregen, sich dieser hohen Ausgabe zu widmen und eine Sammlung solcher Melodien zu veranstalten. Daß viele, jüdische Melodien der synagogalen und häuslichen Andacht sich an Volkslieder anlehnen ist in fachmännischen Kreisen bekannt, und in den slavischen Ländern gehört es noch heute uicht zur Seltenheit, daß der Kantor einer kleinen Gemeinde einmal im Jahre nach einer Großstadt reist, dort Konzerte oder die Oper besucht, um die gehörten Melodien zu einer schönen Keduschah und dergleichen zu verarbeiten.*) Ich kenne z. B. ein ibtr?z und ein "scn je, die ganz im Rhytmus und Charakter einer russisch-militärischen Gesangsweise gehalten sind. Doch was ist schließlich eine jüdische Melodie? Ans dem Sinai sind sie alle nicht gesungen worden. Sobald ein Sang sich dem Geiste des hebräischen Textes und dem Gemüte des *) Eine kleine Anekdote will ich den lieben Lesern bei dieser Gelegenheit nicht vorenthalten. Der Sohn eines reichen Mitgliedes einer Mittelgemeinde in Rutzland absolvierte in Berlin seine medizinischen Studien. Heimgekehrt wurden ihm beim Sabbatgottesdienste in der Synagoge viele Ehren erwiesen; auch der Kantor ließ seine schönsten Weisen erschallen, um dem Gaste zu gefallen, und jeder Teil der Keduschah wurde nach einer besonderen populären Opernmelodie vorgetragen. Nach dem Gottesdienste näherte der Kantor sich dem Gaste, um von ihm zu erfahren, ob auch Berlin einen guten Chasan besitze. Der junge Doktor aber erwiderte: Einen Chasan Ihresgleichen besitzt Berlin nicht, aber Ihre Keduscha habe ich im Opernhause gehört. Bekommen Sie auch Ihre Tantieme § Betenden assimiliert, sobald er mit der Empfindung der Gemeinde verschmilzt und ihre Eigeriart annimmt, ivird er meiner Meinung nach, zum jüdischen Gesänge. Und doch glaube ich, daß Herr Pros. Steinthal zu weit geht, wenn er glaubt, daß dabei für den Gottesdienst nicht viel gewonnen würde. Ich bin der Neberzeugung, daß gerade Melodien, die so mächtig aus das Gemüt wirken, stets die Grundlage der jüdischen Synagogenmusik und die Quelle der Chasanuth bilden werden. Mögen die Juden ihre Melodien den Sangesweisen des Volkes, in dessen Mitte sie leben, anpassen und mögen die berufenen und nichtberusenen Chordirigenten an den jüdischen Melodien modeln und ändern, die wahre jüdische Melodie, die Melodien z. B., die einen Prof. Steinthal durch ein Leben wissenschaftlichen Schaffens geleitet und ihn noch heute entzücken, werden niemals anshören und nie veralten, weil sie dem jüdischen Herzen und dem jüdischen Empfinden entstammen. In der echten alten jüdischen Melodie jubelt und weint die jüdische Volksseele, und darin liegt der Zauber, den sie auf im§ ausübt, der eigenartige Reiz, mit dem sie unser Inneres erfüllt. Wohl haben viele jüdische Gemeinden in Deutschland alle Gebete, die auf Zion und Jerusalem Bezug haben, aus der Synagoge verbannt und mit ihnen auch einen Schatz herrlicher jüdischer Melodien, allein diese Gemeinden bilden nicht die Mehrheit der deutschen Juden, und noch weniger die Majorität der Gesamtjudenheit. Die meisten betenden Juden — und sie allein kommen doch hier inbetracht! — wollen ihre Synagoge in der altehrwürdigen inneren Gestaltung erhalten wissen und sich an ihnen teuer und heilig gewordenen alten Melodien erbauen. Ein schön vorgetragenes i^xizri ’jE’Cl steigert noch heute die Andacht des Betenden und nähert ihn seiner Geschichte und seinem Gotte. Wir wollen aus der Synagoge weder ein Opernhaus noch eine Kirche machen. Der Jude soll auf seine Art beten und sich in seiner Art erbauen. So wenig wir das Judentum aus seiner Geschichte herausreißen können, so wenig vermögen wir den Synagogengesang seinem Ursprung und seiner Entwickelung zu entfremden. Und deshalb möchte ich gerade vom Standpunkte der Hebung des Gottesdienstes aus die Anregung des Herrn Prof. Steinthal unterstützen. Ich wünsche in erster Reihe eine Sammlung der jüdischen Melodien für die Synagogenandacht, um den Kantoren, namentlich denen der jüngeren Generation, Gelegenheit zu geben, sie zu studieren und sie lieben zu lernen, damit diese schönen Melodien, ein teueres Erbe unserer Väter, auch in Zukunst gepflegt werden und nicht in Vergessenheit geraten. Daß die Sache auch ihre hohe kulturhistorische Bedeutung hat, macht sie uns noch wertvoller. Wie man das Wesen des Judentums nur versteht, wenn man seine alte Geschichte und antike Litteratur kennt, so wird man unsere heutige Synagogenmusik erst durch die alten jüdischen Melodien begreifen lernen. Hier ist ein segensreiches Gebiet, auf welchem meine berufenen Kollegen im Dienste der Synagoge und der Kulturgeschichte arbeiten und ein Werk von dauerndem Werte schaffen könnten.