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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 213

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 213 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 213. ihrer Staatsschuld übernehmen, ihueu Verkehrslvege bauen, die ja auch wir selbst benötigen, tiud nach vieles Lindere. Dilrch das Entstehen unseres Staates gewinnen die ^Nachbarländer, iveil im großen wie im kleinen die Kultur eines Landstriches den Wert der Umgebung erhöht. Ist Argentinien oder Palästina vorznziehen? Wir werden nehmen, was man uns giebt und lvosür sich die öffentliche Meinung des Indenvolkes erklärt. Tie Society ivird beides feststellen. Argentinien ist eines der natürlich reichsten Länder der Erde von riesigem Flächeninhalt mit schwacher Bevölkerung. Tie argentinische Republik hätte das größte Interesse daran, uns ein Stück Territorium abzntreten. Tie jetzige Iudeninfiltration hat freilich dort Verstimmung erzeugt. Man müßte die Argentiner über die wesentliche Verschiedenheit der neuen Illdemvanderung ausklären. Palästina ist unsere unvergeßliche historische Heimat. Tiefer Name dicht wäre ein gewaltiger, ergreifender Sammelrus für tlnser Volk. Wenn Seine Majestät der Sultan uns Palästina gäbe, konnten wir uns dafür anheischig machen, die Finanzen der Türkei gänzlich zu regeln. Für Europa würden wir dort ein Stück des Walles gegen Asien bilden. Wir ivürden ben Vorpostendienst der Kultur gegen die Barbarei besorgen. Wir würden als neutraler Staat int Zusammenhänge bleiben mit ganz Europa, das unsere Existenz garantieren müßte. Für die heiligen Stätten der Christettheit ließe sich eine völkerrechtliche Form der Exterritorialisiernttg finden. Wir würden die Ehrentvache tun die heiligen Stätten bilden und mit nttserer Existenz für die Erfüllttng dieser Pflicht haften. Tiefe Ehrenwacht tväre das große Symbol für die Lösung der Iudensrage nach beinahe nettnzehn für das Ittdenvolk gttalvolleit Jahrhunderten. Indem ich mit dieser neuen Formulierung eines uralten Gedankens hervortrete, iveiß ich wohl, daß ich ntich dem Spott und allerlei Anfechtttngett anssetze. Wohlwollendere werden es eilte Utopie nennen. Was ist aber der Unterschied zwischen Utopie uub möglicher Konstruktion? Tie Utopie kann eine scharssinttig kotnbinierte Maschinerie sein, nur fehlt die Kraft, sie in Bewegung zu setzen. Die mögliche Konstruktion hingegett beruht auf einer vorhandenen und erfcutiitcn Kraft. Tie Kraft, die wir brattchen, wird in uns Jttden dttrch den Antisemitismus erzettgt. Planche werdett sagen, daß ich dem Antisemitismus erst recht anfache. Das ist nicht wahr, denn der Antisemitismus würde attch ohne diesen Plan weiter wachsen, so lange die Gründe nicht gehoben sind. Andere werden um ihr Hab und Gut, um ihre eittgerichteten Geschäfte zittern. In meiiter öfters erwähnten Schrift gebe ich einige Beispiele, wie Geschäfte liqttidiert, verpflanzt, durch Filialen, „drüben" zuerst vergrößert unb dann ersetzt werden könnett. Ich gebe nur eittzelne Anregungen — der scharfsinnige Mitarbeiter wird sie ansbanen. Dieser Mitarbeiter ist das ganze Ittdentltm. Welche Slaatssorm werden wir haben? Ich denke die aristokratische Republik, obwohl ich jetzt in meiitem Vaterlande ein überzettgter Monarchist bin. 'Aber nufere Geschichte ist zu lange unterbrochen gelveseti, der bloße Versuch, daran anzttknüpsen, unterläge dem Fluche der Lächerlichkeit. Welche Sprache werden wir haben? Jeder behält die Sprache, welche die liebe Heimat seiner Gedanken ist. Für die Möglichkeit des Sprachen-Föderalismns ist die Schweiz ein endgiltiges Beispiel. Wir werden auch drüben bleiben, lvas wir jetzt sind, so wie tvir nie anfhören werdett, unsere Vaterländer, atts denen wir verdrättgt, mit Wehmut zu lieben. Man wird sagen, daß ich ben Judenfeinden Waffen liefere. Ebenso unwahr. Tenn was ich vorschlage, kann nur attsgesührt werden mit freier Zustimmnng der Jndenmehrheit. Es kann gegen einzelne, selbst gegen die Gruppen der jetzt mächtigsten Inden gemacht werden — aber keineswegs vom Staat aus gegen alle Judett. Alan kamt die gesetzliche Gleichberechtigung der Juden, wo sie einmal besteht, nicht mehr anfheben; denn das tvürde sofort alle Juden, arm und reich, den Nmstnrzparteien znjagen. Und schon der Beginn offizieller Ungerechtigkeiten gegen die Juden hat überall wirtschaftliche Krisen im Gefolge. Man kann also eigentlich wettig Wirksames gegen uns thun, wenn man sich nicht selbst weh thnn will. Dabei wächst und wächst der Haß. Nur ein Unwissender wird den modernen Atttisemitismtts für eine gleichartige Wiederholuttg vergangener Iudenhetzen halten. An einigen Punkten ntag das der Fall sein, der große Zug der Bewegung ist jedoch ein anderer. In den Hauptländern des Antisemitismus ist dieser eine Folge der Iudenemanzipation. Als die Kulturvölker die Unmenschlichkeit der Ausnahmegesetze einsahen unb uns frei ließen, kam die Freilassung zu spät. Wir hatten uns im Ghetto merkwürdigerweise zu einem Mittelstaitdsvolke entwickelt und kamen als eine fürchterliche Konkurrenz für den Mittelstand heraus. Geschichtliche Umstände hatten uns in das Geldgeschäft geworfen, zu dem wir, wie jeder Gebildete weiß, keineswegs von Haus aus aufgelegt waren. Einer der wichtigsten Umstände war das Verhalten der katholischen Kirche zum Anatozismus. Im Ghetto hatten wir uns der körperlichen Arbeit zum Teil etttsremdet. Wir produzierten hauptsächlich mittlere Intelligenzen. So standen wir ttach der Emanzipation plötzlich im Ring der Bourgeoisie und habett da einen doppelten Truck auszuhalten: von innen und von außen. Tie christliche Bourgeoisie wäre nicht abgeneigt, uns dent Sozialismus als Opfer hinzuwersen; freilich würde das wettig helfett. Die Jndensrage ist aber ebensowenig eine soziale, wie eine religiöse, wenn sie sich attch so und anders färbt. Die Ittdenfrage ist eine nationale, unb um sie zu lösen, müssen wir sie vor allem ztt einer politischen Weltfrage machen, die im Rate der Kulturvölker zu regeln sein wird. Man wird noch sagen, daß die Unternehtttttng hoffnungslos sei, selbst wenn stvir das Land und die Souveränität bekommen — weil nur die Armen mitgehen werden. Aber gerade die brattchen wir zuerst, Nur die Desperados rangen znm Erobern. Die Wohlhabendeit ttnd Reichen werden später nachkomnten, bis sie es drüben so schön und noch schöner finden werden, als hüben. Unsere beiden großett Personen: die Society of Jeus und die Jewish Company, die eine für öffentliche, die andere für privatrechtliche Einrichttutgeit, werden alle nötige Kultur Herstellen.

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