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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 212

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 212 (sequence 8)
Language
German
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# ■ ■ , - -■', v,;., ■...;■ - '■■mWPM- > U>yW^yÄ--GLÄ WAl Seite 212. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. Und wenn man heute ein Land gründen will, darf illan es nicht in der Weise machen, die vor tausend Jahren die einzig mögliche gewesen wäre. Es ist thöricht, auf alte Kulturstufen znrückzukehren, wenn man Kienes schaffen will. Wenn wir beispielsweise in die Lage kämen, ein Land von wilden Tieren zu säubern, werden wir es nicht in der Art der Europäer aus dem fünften Jahrhundert thun. Wir werden nicht einzeln mit Speer und Lanze gegen Bären ausziehen, sondern eine große fröhliche Jagd veranstalten, die Bestien zitsammentreiben unb eine Melinitbombe unter sie werfen. Und wenn wir Bauten aussühren wollen, werden wir nicht hilflose Pfahlbauten in den Seerand stecken, sondern wir werden bauen, wie man es jetzt thut. Ja, wir werden kühner und herrlicher bauen, als es je vorher geschehen ist. Tenn wir haben Mittel, die in der Geschichte noch nicht da waren. Unsereli niedersten wirtschaftlichen Schichten folgen allmählich die nächsthöheren hinüber. Tie jetzt am Verzweifeln sind, gehen zuerst. Sie werden geführt von unserer überall verfolgten mittleren Intelligenz, die wir überproduzieren. Unsere Techniker, Juristen, Beamten aller Art sind das Offizierkorps der Cnslcklleäs. Natürlich werden wir auch Militär zur 'Aufrechterhaltung der Ordnung nach innen und außen haben. Die Familien unserer Ofstziere und Beamten aller Art eröffnen den Zug des Mittelstandes nach dem neuen Lande. Ihr Erscheinen bringt feinere Bedürfnisse, feineren Verkehr, feinere Märkte, Kunst und Industrie hinüber. Unsere Seelsorger, an die vor allem unser Ruf ergeht, werden sich mit Macht in den Dienst unserer Idee stellen. Dabei wird ihnen von vornherein klar gemacht, daß wir keine Theokratie gründen, sondern einen modernen, duldsamen bürgerlichen Staat. Aber wir werden den Tempel wieder aufbauen, als leuchtende Erinnerung an den Glauben unserer Väter. Unsere Seelsorger werden uns zuerst verstehen. Wird es unter ihnen welche geben, die uns nicht verstehen, so gehen wir über diese hinweg. Rousseau glaubte, der Staat sei durch einen Vertrag der Bürger entstanden. Das glaube ich nicht. Mir scheint, der Rechtsgrund des Staates ist negotiorum gestio. Wenn das Gut eines Behinderten in Gefahr ist, darf jeder hinzutreten und es retten. Das ist der Gestor, der Führer fremder Geschäfte. Er hat keinen Auftrag, das heißt keinen menschlichen 'Auftrag. Seiit Auftrag ist ihnt von einer höheren Notwendigkeit erteilt. Allerdings wird aber der Gestor die äußerste Sorgfalt aufbieten müssen. So brauchen ivir auch zur Führung der politischen Judensache einen Gestor. Das Judenvolk ist gegenwärtig noch durch die Diaspora verhindert, seine Geschäfte selbst zu führen. Dabei ist es aus verschiedenen Punkten in schwerer oderleichterer Bedrängnis. Es braucht einen Gestor. Vor allem anderen muß also ein solcher erstehen. Dieser Gestor darf nun freilich nicht ein einzelnes Individuum sein. Ein Individuum, das dieses Riesenwerk unternähme, köimte ein Wahnsimtiger oder Betrüger sein. Darum ist es für die Reinheit der Idee und die Kraft ihrer Ausführung unerläßlich, daß das Werk unpersönlich sei. Der Gestor der Juden muß, wie der juristische 'Ausdruck lautet, eine „moralische Person" sein. Ans dem Kreise der wackeren englischen Inden, denen ich in London den Plan mitteilte, wird sich diese moralische Person bilden. Sie heißt „Society of Jetvs“ und ist von der früher erwähnten Jewish Company deutlich zu unterscheiden. Die Society os Jetvs ist die Zentralstelle der beginnenden Judenbewegung. Die Society hat wissenschaftliche und politische Aufgaben. Die Gründung des Judenstaates, wie ich mir sie denke, hat moderne wissenschaftliche Voraussetzungen. Wenn wir heute aus Mizraim wandern, kann es nicht in der naiven Weise der alten Zeit geschehen. Wir werden uns vorher anders Rechenschaft geben von unserer Zahl und Kraft. Meine Staatsschrist soll die allgemeine Diskussion über die Judenfrage eröffnen. Freunde und Feinde werden sich daran beteiligen — ich hoffe nicht mehr in der bisherigen Form wüster Beschimpfungen und sentimentaler Verteidigungen. Die Debatte soll sachlich, groß, ernst und politisch werden. Die Society os Jetvs wird alle Kundgebungen der Staatsmänner, Parlamente, Jndengemeinden, Vereine, die in Wort und Schrift, in Versammlungen, Zeitungen und Büchern Hervorkommen, sammeln. So wird die Society zum erstenmal erfahren und feststellen, ob die Juden schon ins gelobte Land wandern wollen und müssen. Die Society wird von den Judengemeinden in aller Welt die Behelfe zu einer umfassenden Statistik der Juden erhalten. Die späteren Aufgaben, die gelehrte Erforschung des neuen Landes und seiner natürlichen Hilfsmittel, der einheitliche Plan zur Wanderung und Ansiedlung, die Vorarbeiten für die Gesetzgebung und Verwaltung :c. sind aus dem Zweck vernünftig zu entwickeln. Die Juden, welche sich zu unserer Staatsidee bekennen, sammeln sich um die Society. Diese erhält dadurch beit Regierungen gegenüber die Autorität, im Namen der Juden sprechen und verhandeln zu dürfen. Gerät nun die Weltdiskussion der Judenfrage in Fluß und zeigen sich die Mächte bereit, uns die Souveränität eines neutralen Landes zu gewähren, so wird die Society über das zu nehmende Land verhandeln. Zwei Gebiete komnten inbetracht: Palästina und Argentinien. Bemerkenswerte Kolonisierungsversuche haben auf diesen beiden Punkten stattgefunden, allerdings nach dem falschen Prinzip der allmählichen Infiltration von Juden. Die Infiltration ntuß immer schlecht enden. Entweder die exportierten Inden gehen gleich zu Grunde — oder sie gedeihen, und im letzteren Falle erzeugt ihr Wohlergehen den Antisemitismus. Bei der Infiltration kommt immer ein Augenblick, wo die Regierung auf Drängen der sich bedroht fühlenden Bevölkerung den weiteren Zufluß von Juden absperrt. Die Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinti, wenn ihre Grundlage unsere gesicherte Souveränität ist. Die Society wird mit den jetzigen Landeshoheiten verhandeln, unb zwar unter dem Protektorate der europäischen Mächte, wenn diesen die Sache einleuchtet. Wir können der jetzigen Landeshoheit ungeheure Vorteile geivähren, einen Teil!l

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