Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 12 (20.3.1896)
- Date
- 1896-03-20
- Page
- Seite 211 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 12. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 211. Liberalen des ungeteilten Ansehens. Man vergesse nicht, daß man in Rußland unter Konservativen und Liberalen etwas anderes versteht, als hier bei uns. Tort muß man etwas gelernt haben, um als kouservativ oder als liberal zu gelten, über die Knownothings geht man dort ohne Erbarmen zur Tagesordnung über. Rabbi Jizchak Elchauau war ein Mann von großer Menschenkenntnis und Erfahrung, und darin lag das Geheimnis seiner bezaubernden Persönlichkeit. Er war durch und durch wohlwollend, uneigennützig und bescheiden. In dem berühmten hebräischen Roman des Abraham Mappn ,/Ajfit Zebilla" findet sich eine Figur, zu der Rabbi Jizchak Elchauan Modell gesessen hat. Abraham Mappu, bekanntlich in Kowno lebend, war mit dein rabbinischen Judentum zerfalleu, er konnte daher für einen so hervorragenden Rabbiner wie Rabbi Jizchak Elchanan nicht viel Vorliebe besitzen. Nichtsdestoweniger ist der Rabbi in dem Roman als eine Persönlichkeit von Eigenart und Charakter, von ungewöhnlicher Lebensklngheit, aber auch von Milde und Toleranz gezeichnet. Eine lebeusgetreue Schilderung des Rabbi Jizchak finden wir in dem Reisebericht des I. L. Smolensky, der im fünften Jahrgang der hebräischen Zeitschrift „Haschachar" abgedruckt ist. Da wird von dem menschenfreundlichen Wesen des Verblichenen erzählt, wie er unbeschadet seiner Ueberzeugung und konservativen Gesinnung auch mit Andersgesinnten zu verkehren und sich zu verständigen wußte und vom Zelolismus und Fanatismus sich durchaus fernhielt. An seine Geduld wurde oft manche harte Probe gestellt. „Ich besuchte Rabbi Jizchak in seiner Wohnung — erzählt Smolensky — und fand in den Vorzimmern eine ganze Gemeinde aus irgend einem Nest, die mit ihrem Rabbiner in Streit lebte: der Rabbiner war ihr zu freisinnig. Und nun sollte Rabbi Jizchak Elchanan die Entlassung des freisinnigen Rabbiners gutheißen, während der Rabbiner seine Rechtgläubigkeit als über jeden Zweifel erhaben darstellte. Als Beweis für die Irreligiosität des armen Rabbiners wurde angeführt, daß er - o Schrecken! — die hebräische Ausgabe des Mainzer „Israelit" las! Rabbi Jizchak Elchanan gab sich die größte Mühe, die Leute über das Seelenheil ihres Rabbiners zu beruhigen und den Frieden herzustelleu." Smolensky schließt seine Schilderung von der Persönlichkeit Rabbi Jizchak Elchanans mit den Worten: „Wer je diesen Rabbiner kennen gelernt und mit ihm gesprochen, mußte sofort finden, daß er von einer wahren Frömmigkeit, Bescheidenheit, aufrichtiger Herzensgüte und Milde beherrscht war, wodurch er alle Herzen gewinnen konnte." Eine solche Persönlichkeit ist in unserer Zeit eine seltene Erscheinung. Wir finden unwissende Orthodoxe und nicht minder unwissende Reformatoren; sehr selten aber einen Rabbiner, der bei immenser Gelehrsamkeit tolerant und milde auch gegen Andersgesinnte wäre. Die talmudische Gelehrsamkeit schwindet überhaupt immer mehr, und wenn man in Polen und Rußland noch immer Männer findet, welche in der talmudischen Litteratur belesen sind, so fehlen ihnen wiederum all' jene Charaktereigenschaften, durch welche Rabbi Jizchak Elchanan mit Recht ein so weit gehendes Ansehen genoß. * * * Ueber den Tod und die Bestattung des Entschlafenen wird aus Kowno berichtet: R. Jizchak Elchauau starb, wie er gelebt: fromm und gottergeben. Auch die heftigsten Schmerzen entlockten kein Wort der Klage seinen Lippen. Als ihn bereits die Schatten des Todes umgaben, oblag er noch den: Thorastudium, und allen Zeugen des ergreifenden Anblicks wird es unvergessen bleiben, wie der Sterbende am Purim in den erschlaffenden Händen die Megillah hieLt und sie laut vorlas. Es darf wohl sicherlich behauptet werden, daß unter so überwältigenden Kundgebungen der Trauer und von einem so imposanten Gefolge in unserer Stadt noch niemand zu Grabe geleitet wurde. Wohl zwanzigtausend Personen hatten sich eiugefunden, darunter auch zahlreiche nichtjüdische Notabeln, von denen nur genannt seien der Stadthanptmann und der Polizeipräsident an der Spitze aller seiner Beamten, welche in musterhafter Weise die Ordnung aufrecht erhielten. Die Bahre wurde von den Jüngern der Jeschibah nach dem fünf Werft entfernten Friedhof getragen, und dort nahm der Sohn des Verblichenen, der „Maggid" von Wilna R. Hirsch Rabinowitz das Wort. Kein Auge blieb thränenleer, minutenlang vernahm man nur Schluchzen und Klagen, als der ehrwürdige Redner von seinem großen Vater Abschied nahm. Nachdem sodann Herr Rabbiner I. Blaser und mehrere andere Rabbiner und Dajanim gesprochen, widmete Herr Staatsrat Dr. med. Feinberg dem Entschlafenen in formvollendetem Hebräisch einen warmen Nachruf, welcher die Hörer um so mächtiger ergriff, als ihre Herzen dem beliebten Redner, welcher während der Behandlung des Verstorbenen viel Aufopferung bewiesen hatte, in aufrichtiger Dankbarkeit entgegenschlugen. Dann wurden die sterblichen Reste der Erde übergeben, und thränenseuchten Blickes verließen wir den Grabhügel, der die Krone unserer Gemeinde, eine Zierde unserer Glaubensgemeinschaft birgt. vtt I»dc»l1i»>1. Bon Th. Herzl, Doktor der Rechte, Wien. II. Unsere ersten „Unskilleds" bauen nach einem von vornherein feststehenden Plan Straßen, Brücken, Bahnen, Telegraphen, regulieren die Flüsse, errichten sich selbst und unseren Beamten die ersten Heimstätten. Ihre Arbeit bringt den Verkehr, der Verkehr die Märkte, die Märkte locken neue Ansiedler heran. Denn jeder kommt freiwillig, auf eigene Kosten und Gefahr. Tie Arbeit, die wir in die Erde versenken, steigert den Wert des Landes. Die Inden werden schnell eiusehen, daß sich für ihre bisher gehaßte und verachtete Unternehmungslust ein neues dauerndes Gebiet erschlossen hat. Denn das gelobte Land ist in uns, in unserem Kapital, in unserer Arbeit und in der planvollen Verbindung beider. Tie bisherigen Judenkolonisatious-Versuche gingen von einem wunderbaren Irrtum aus. Der Irrtum bestand in der Kleinheit und in der Verwendung unmoderner Mittel. Es ist thöricht, den Juden zu einem Bauer machen zu wollen. Aber der Jude kann ein mit Maschinen arbeitender kleiner oder großer Landwirt werden.