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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 210 (sequence 6)
Language
German
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‘mf!. Seite 2lU. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 12. 'Nach Kenntnisnahme dieses Standpunktes begann es in den Köpfen einiger Kassenmitglieder gu dämmern, daß der junge Lehrerverein nur gute, edle Zwecke verfolge. Es ist auch der Zweck dieser Zeilen, daß das Fünkchen Wahrheit, das sich darin befindet, dazu dienen möge, die Dämmerung immer mehr ausznhellen, ans daß endlich den Lehrern der späteren Geschlechter das Morgenrot der Befreiung aus Not und Drang am Horizonte sich zeige. Um dies Ziel zu erreichen, genügt es aber bei weitem nicht, jährlich zwei Vorträge zu halten. Nicht einmal sondern 50 mal jährlich müssen unsere Angelegenheiten behandelt und besprochen werden. Hätte der junge Verein nun gar nichts anderes gethan, als seine erhebenden Bezirkskonferenzen abgehalten, oder seine Denkschrift herausgegeben, oder seine Mitglieder in die Unterstützungskasse eingekauft Umwieviel mehr müssen wir sein Verdienst anerkennen, da er dies alles und noch mehr gethan, schon im ersten Jahre seines Bestehens. Möge die Entscheidung auf der nächsten Pfingstversammlung ausfallen, wie sie wolle, der junge Verein kann ihr ruhig entgegensetzen, da er seine Aufgabe glänzend erfüllt. Die Verschmelzung der beiden Institute ist also so gedacht, daß alle Vereinsmitglieder allmählich Kassenmitglieder, alle Kassenmitglieder aber auch Vereinsmitglieder werden sollen. Kasse und Verwaltung werden durch diese Fusion gar nicht berührt, sondern wirken in gewohnter Weise eifrig fort. Also videant consules. / ■r Keinem-M-er. ❖ Aus Ostpreußen, 16. März. Das Schicksal kleinstädtischer Gemeinden ist in diesen Blättern schon öfter einer eingehenden Besprechung unterzogen worden und folgendes Ereignis ist ganz besonders geeignet, von der schnelllebigen Tragik unserer Zeit auf diesem Gebiete ein anschauliches Bild zu entwerfen. Eine Kreissynagogengemeinde in Ostpreußen besaß bis vor kurzem ein blühendes Gemeinwesen und ihre Beamten zählten zu den bestdotierten und tüchtigsten der Provinz. Der sonst in kleinen Städten übliche Wechsel der Beamten trat hier nur ein, wenn ein Todesfall es erheischte, und Lehrer und Gemeinde lebten in stillem Frieden traulich beieinander, einmütig in Wort und That Werke der Barmherzigkeit und des Gemeinsinnes fördernd. Doch die Wahrheit der Schillerschen Worte: Mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten und das Unglück schreitet schnell, sollte leider auch hier in dem selten anzutreffenden Idyll eines harmonischen Gemeindelebens in die Erscheinung treten. Noch vor Jahresfrist wurden über 5000 Mark Einnahmen erzielt, aber durch Wegzug reicher Familien, wie durch Sterben wohlhabender Mitglieder und einer Austrittserklärung seitens eines Amtsrichters haben die Einkünfte der Gemeinde eine derartige Einbuße erlitten, daß in diesem Jahre eine Etatsausstellnng von kaum 1000 Mark gemacht werden kann. Von dieser Summe sind auf früher eingegangene Verpflichtungen durch Synagogenban rc. jährlich 750 Mark für Amortisation zu entrichten. Sorgenvoll schauen die Gemeindeväter, welche gleich den Ahnen von Babylon bessere Tage gesehen haben, in die dunkle Zukunft und ihre Sorge gilt vornehmlich dem Gedanken, eine tüchtige Lehrkraft für die 45 Religionsschüler der Haupt- und Filialgemeinde W. zu erhalten. Ob dieser allgemeine Herzenswunsch sich jemals realisieren lassen wird, bleibt in anbetracht der herrschenden Verhältnisse der allwissenden Vorsehung überlassen. Und wie ergeht es ob dieser Sachlage dem Beamten, der seine Jugendkraft den Diensten der Gemeinde gewidmet? Mit dem Herzog fällt auch der Mautel. lieber ihm hängt das Damoklesschwert mit der flammenden betrübenden Devise: Dürftig ist die Gegenwart; — aussichtslos die Zukunft. Was bleibt dem Aermsten übrig, als seinem nomen „Wanderlehrer" das omen hinzuzufügen und den Pilgerstab zu ergreifen, wenn er nicht geneigt ist, sein grausig bevorstehendes Geschick abzuwarten. Hier ist ein wunder Punkt im jüdischen Gemeindeleben, den zu heilen der Deutsch- Israelitische Gemeindebund als erste Instanz wohl berufen wäre. Mit Recht nennt man die großen Gemeinden „Mütter in Israel" und es wäre keine andere Pflicht und Forderung, als die der Billigkeit, wenn die größten Gemeinden Deutschlands, welche die Wohlhabenheit der kleinen Gemeinden absorbieren, ihren dürftigen schwachen Mitschwestern zu Hilfe kämen. In erster Reihe wäre die Gemeinde Berlin hierzu berufen, welche das Eldorado aller reichen Kleinstädtermüden ist und an jüdischen Einwohnern wohl sechs Provinzen gleichkommt, aber kaum Raum für die Beamtenzahl einer Provinz hat. Es wird momentan sehr viel für Lehrer, Arbeiter und Beamten seitens der Regierung gethan, warum soll der Sieger von Königgrätz jüdischen Glaubens nicht an den allgemeinen Wohlthaten partizipieren? Rabbi Jizchak Elchanan. In der vorigen Nummer unseres Blattes brachten wir einen kurzen Nachruf für den gefeierten Talmudgelehrten Rabbi Jizchak Elchanan aus Kowno. Wir kommen heute etwas ausführlicher aus die Eigenschaften des Entschlafenen zu sprechen. Der Tod dieses ausgezeichneten Mannes hinterläßt in der russischen Judenheit eine nicht ausfüllbare Lücke, da kein anderer Rabbiner es erreicht hat, durch hervorragende Charaktereigenschaften und immense Gelehrsamkeit ein solches uneingeschränktes Vertrauen und Ansehen zu genießen, wie es dem Verblichenen zuteil wurde. Ohne es zu suchen, wurde er in ganz Rußland als Autorität anerkannt, nicht nur in religiösen Fragen, sondern auch oft, wenn es sich um Streitigkeiten in Gemeinden handelte; und nicht selten hal das vermittelnde Eingreifen des Verstorbenen dazu beigetragen, den Frieden in Gemeinden herzustellen, in denen Jahre hindurch Zwietracht und Streit geherrscht. Die Persönlichkeit des verstorbenen Rabbi Jizchak Elchanan hat in den letzten Dezennien zu den markantesten innerhalb der russischen Judenheit gehört; aber auch außerhalb Rußlands war der Name dieses gefeierten Gelehrten gekannt und anerkannt. In Rußland selbst erfreute sich Rabbi Jizchak Elchanan sowohl unter den Konservativen als auch unter den

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