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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-20 · 12 (20.3.1896) · p. Seite 209

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
12 (20.3.1896)
Date
1896-03-20
Page
Seite 209 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 12. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 209. vereinsfrage in Rheinland und Westfalen herbeizuführen. Da der Verfasser aber nicht im Mittelpunkte der Schaubühne dieser Aktion, sondern auf einem der beiden Endpunkte steht, also dilrch seine Beleuchtung Licht und Schatten nicht naturrichtig verteilt sein können, ivill ich es versuchen, vom andern Endpunkte aus die Szene gu erhellen. Möge durch beide Lämpchen die Sache ins richtige Licht gestellt sein! Herr Treu hat mit seiner Laterne in alle, auch die entferntester: Winkel geleuchtet, um Spuren zu finden, daß unsere in materieller Beziehung so segensreich rvirkende Unterstützungskasse in früheren Jahren auch die Rolle eines Lehrervereins gespielt und außer ihrer materiellen Thntigkeit auch das ideale Gebiet der Lehrthätigkeit in den Kreis ihrer Aufgaben gezogen habe. Jedes Mäntelchen wird behutsam ans Tageslicht gefördert, auch der nnivichtigste Punkt wird mit der gewichtigsten Miene hervorgezogen und trotzdem wollen die Versuche nicht recht gelingen, was mich gar nicht wundert. Ans der jährlichen Generalversammlung der Unterstützungskasse werden erst die Kassenangelegenheiten erledigt; bei diesem Punkte sind nur die Kassenrnitglieder, zu welchen zu zählen auch ich die Ehre habe, stinunberechtigt. Hernach werden auch andere Angelegenheiten besprochen, wobei jeder Erschienene, Lehrer wie Laie, mitraten und mitthaten darf. Nun frage ich jeden: Ist diese allgemeine, jährlich wechselnde Zuhörerschaft, die keine Pflichten, keine Rechte hat, keinen Beitrag zahlt, als Verein zu betrachten? Als redendes Beispiel führe ich folgende Thatsachen an. Ans der Generalversammlung der Kasse im Jahre 1894 zu Köln beschlossen wir einstimmig, die Vorträge zweier Mitglieder drucken zu lassen, aber bald stellte sich heraus, daß unsere Kasse weder ein Recht, noch ein Mittel habe, auch nur einen Pfennig dafür anszugeben, und die Vorträge blieben ungedruckt. (In Parenthese sei bemerkt, daß der Verein von jüdischen Lehrern in R. und W. diese Angelegenheit in die Hand genommen und in seiner rühmlich bekannten „Tenkschrifl über die soziale Lagederjüdischen Lehrer in R. und W." den Vortrag veröffentlicht hat.) Ebenso ist unsere Unterstützungs- Kasse nicht in der Lage, als solche dem Lehrerverbande event. beizntreten, da sie von ihren Mitgliedern statutenwidrig 6,50 Mk. jährlich Beitrag (statt 6 Mk.) einfordern müßte, wozu voraussichtlich nicht alle Mitglieder bereit sein werden. Dann wäre in unseren Provinzen noch ein dritter jüdischer Lehrerverein gegründet, der diejenigen Kassenmitglieder umfassen würde, die dem Lehrerverband beitreten wollen. Diesem Falle vorzubeugen, fand kürzlich in Düsseldorf eine Besprechung seitens einiger Vorstandsmitglieder beider Institute statt, wobei ich folgenden Standpunkt vertrat: In der festen Erkenntnis, daß es in R. und W. wohl eine Unterstützungskaffe, aber keinen Verein jüdischer Lehrer giebt, traten Ende des Jahres 1894 sechs Kölner Lehrer zusammen, um auch einen Verein zur Wahrung aller Interessen jüdischer Lehrer zu gründen. Daß ein tiefempfundenes Bedürfnis vorlag, erhellt schon ans dem Grunde, daß die junge Schöpfung an ihrem zweiten Geburtstage 80 ordentliche und 3OO außerordentliche Mitglieder zählte und jetzt scholl darüber hiilaus ist. Es wurde immer und immer beteuert, der Lehrerverein soll kein Gegner, sondern Stütze und Ergänzung der Unterstützungskaffe sein, indem er seinen Mitgliedern ansehnliche Beihilfe zum Eintritte tu die Kaffe gewährt. Für die Jahre 1895 und 1896 sind je 3OO Mk. zu diesem Zwecke vorgesehen. Ist dies nicht eine Wohlthat für Lehrer und Kaffe? Denn wären nicht so viele unserer Vereinsmitglieder im vorigen Jahre in die Kaffe eingetreten, so wäre die bedenklich sinkende Unterstütznngsquote noch mehr gesunken, was für die Pensionäre nicht gerade angenehm wäre. Der junge Verein (den Herr Treu immer so traulich den „kleinen" nennt, trotz seiner 82 Mitglieder) hat ferner eine Stellenllachweisunb Vermittlungsstätte, sorgt für die Unterbringung Kranker und Leidender in Kurorten, gewährt seinen Mitgliedern Rechtsschutz in Lehrerangelegeicheiten, gründet demnächst wahrscheinlich eine Krankenkasse, sorgt durch seine rühmlichst bekannten Bezirkskonferenzen für die Weiterbildung der jungen Lehrer, bringt Genleinde uird Schule in engeren Anschluß. , Gewiß lauter Fragen, die für den schütz- und rechtlos dastehenden jüdischerl Lehrer höchst bedeutungsvoll sind, für welche die Unterstützungskasse aber weder Geld, noch Zeit zur Verfügung hat. Wie kann man nun diesem mächtig glimmenden Funken zumuten, er soll wieder erlöschen und verschwinden? Wäre es nicht richtiger, beide Institute mit ihren Vorständen und ihrem verschiedenen Wirkungskreise ruhig und friedlich weiter arbeiten zu lassen? So gut, wie der junge Verein seinen Mitgliedern fortwährend ans Herz legt und sie unterstützt, in die alte Kaffe einzntreten, darf man von Kollegen erwarten, daß sie Vertrauen mit Gegenvertrauen ehren, daß der Kassenvorstand den Kassenmitgliedern empfiehlt, dem jungen mächtig schaffenden Vereine beizutreten, der doch hauptsächlich das ideale und iviffenschaftliche Moment behandelt. Herrn Treu scheint es unbekannt geblieben zu sein, daß der Verein auf seiner diesjährigen Generalversammlung die Rabbiner „geköpft", d. h. die Worte „der Rabbiner" aus seinem Titel gestrichen hat, und daß dadurch die verschiedenen Bezeichnungen in Wegfall kommen. Ich kann nur nicht begreifen, wie das Kollegialitätsgefühl sich so sehr mißbilden kann, daß einige unserer Kassenmitglieder, die hauptsächlich in Westfalen ihren Wohnsitz haben, fortwährend von einem „schwarzen", einem „orthodoxen" Verein, von „Dunkelmännern" n. s. w. sprechen, wenn sie von dem alle Richtungen umfassenden Lehr erverein reden. Wenn schon „ganz Israel Brüder" sind, wie viel mehr müßte dies bei uns Lehrern der Fall sein, die wir doch so wenig aufrichtige Freunde haben. Mit Freude dagegen kann ich konstatieren, daß seitens der Mitglieder des jungen Vereins solch' sarkastische Bezeichnungen, wie „Neologenverein", „Reformparteiliche Lehrerkaffe" nicht gebraucht werden. Und dies mit Recht; denn niemand darf sich dazu aufschwingen wollen, Inquisitor des andern zu sein; wenn dies seitens eines Strenggläubigen geschieht, nennt man es gewöhnlich Fanatismus. Hüten wir uns also vor gegenseitiger Beschimpfung und Verspottung. Denn unser Stand hat andere Arbeiten zu erledigen, hat alle Hebel in Bewegung zu setzen, um sich ein menschenwürdiges Dasein zu sichern. So wurde auch die erwähnte Denkschrift an die hohen Behörden, an einige Abgeordnete, an die lehrerfrenndliche Presse gesandt, um diese Kreise für unsere Notlage zu interessieren. Und nun, was verfolgt ihr unser Heerde? —

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