Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 197 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Nr. 11. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 197. Ein Rabbiner ans Osteuropa möchte in Bern den Doktorhnt holen und hat zu dem Behuf eine Dissertation eingereicht über das Recht aus Arbeit nach dem Talmud. Die Zulassung der Arbeit kann nicht geschehen, ohne daß geprüft wird, ob die wissenschaftliche Arbeit auch im Einklang stehe mit dem Texte, auf den sie sich stützt. Der mit der Borprüfung betraute Rechtsprosessor hätte etwa 40 Bände zu studieren, wollte er sich gewissenhaft überzeugen, ob die Dissertation auch quellenmäßig geschrieben sei. Man fönnte sich zur Rot für die vorläufige Untersuchuug an einen Theologieprofessor wenden oder vielleicht noch besser an einen israelitischen Professor der philosophischen Fakultät. Während die Abnahme der Dissertation zu Bedenken solcher Natur Anlaß gab, drängte der Kandidat, ein armer Schlucker, mit umso größerem Eifer ans Zulassung seiner ungewöhnlichen Arbeit. Die Juristenfakultät hat noch keinen Beschluß gefaßt; es ist wohl möglich, daß sie die Arbeit nicht annimmt, sondern den Verfasser ersucht, sie an die philosophische Fakultät gelangen zu lassen. — Zur zionistischen Bewegung. Der „Dziennik Polski" widmete der zionistischen Bewegung eine Serie von Artikeln, welchen, abgesehen von einzelnen judenfeindlichen Auslassungen und falschen Angaben — das polnische Blatt behauptet z. B-, die jüdischen Ackerbaukolonien in Rußland hätten sich nicht bewährt - im großen und ganzen eine richtige Auffassung der thatsächlichen Verhältnisse nicht abgesprochen werden kann. Völkerwanderungen, sagt der „Dziennik Polski", gehören der Vergangenheit an und ließen sich heutzutage auch nicht mit Zuhilfenahme eines viele Millionen betragenden Kapitals ins Werk setzen, denn die zu einer solchen Bewegung erforderlichen elementaren Kräfte lassen sich weder durch Geld, noch durch die energische Propaganda irgend welcher Komitees gewinnen. Sollte es aber trotzdem gelingen, einen Bruchteil der jüdischen Bevölkerung zur Auswanderung nach Palästina zu bestimmen, so würde die Lösung der „Judenfrage" dadurch keineswegs herbeigeführt werden. Die jüdischen Kolonien im gelobten Lande würden immer Kolonien bleiben, die Judenfrage hätte auch dann ihr Zentrum in Europa und würde durch natürlichen Zuwachs die durch die Auswanderung entstandenen Lücken ausfüllen. Die nach 2000 Jahren aus Europa nach Palästina zurückkehrenden Juden kämen in Konflikt mit der antochthonen mohammedanischen Bevölkerung, zumal die Türken, die immer mehr aus Europa hinausgedrängt werden, ihren Stützpunkt in Asien suchen müssen. Nicht einmal in- Palästina, geschweige denn in Syrien und Mesopotamien, woselbst die Zionisten ebenfalls jüdische Kolonien gründen wollen, könnten die Inden in solch' einem Maße Herren des Landes werden, um dort an die Bildung eines Judenstaates zu denken. Das polnische Blatt glaubt auch nicht daran, daß die Menge kleiner jüdischer Geschäftsleute bereit wäre auf einen Wink der Zionisten ihre Läden und Werkstätten zu schließen und sich ans den Weg nach Jerusalem zu machen. Vereinzelte Beispiele, daß jüdische Greise nach Palästina auswandern, um dort ihre Augen zu schließen, sind auf religiöse Beweggründe zurückzuführen und berechtigen umsoweniger zu irgend welchen Folgerungen im zionistischen Sinne, als auch viele Christen aus denselben Motiven nach dem heiligen Lande ziehen. Der praktische Kaufmann ist viel zu nüchtern, als daß man ihm zntrauen könnte, er würde sich aus eine phantastische und gefährliche Expedition nach fernen, ihm nicht bekannten Landen einlassen. — Rabbi Jizchak Elchanan. Freitag, den 6. März verstarb in Kowno (Rußland) der gefeierte Talmndgelehrte Rabbi Isaak Elchanan Spektor, Oberrabbiner des genannten Ortes. Der Verblichene war nicht nur in seiner Gemeinde und in Rußland, sondern in der ganzen Judenheit als talmudischer Gelehrter und rabbinische Autorität anerkannt. Er war aber nicht nur ein Gelehrter, sondern ein ganzer Mann, eine markante Persönlichkeit und galt mit Recht als der geistige Führer der Judenheit in Rußland. Die Gemeinde Kowno ist keineswegs eine so bedeutende; aber darin zeigt sich eben der Mann, daß er unabhängig von den äußeren Umständen eine imponierende Stellung sich zu erobern weiß. Während manche Rabbiner großer Gemeinden diese geistig Herabdrücken, verstand es der verstorbene Rabbi Isaak Elchanan Spektor, Kowno zum Mittelpunkt der talmudischen Gelehrsamkeit zu machen. Er war eine imponierende Erscheinung, er besaß Gelehrsamkeit, Menschenkenntnis und Erfahrung, war mild und tolerant in seinen Anschauungen, wohlthätig und uneigennützig mit einem Worte ein Rabbiner der guten alten Zeit und wie wir seinesgleichen in der Gegenwart schwer finden werden. Das Ableben dieses ausgezeichneten Mannes wird nicht verfehlen, in der ganzen Judenheit große Teilnahme hervorzurufen. — Zickzackknrs in Rußland. Russische Blätter veröffentlichen das Programm der bei der Kaiserkrönung im Mai zu veranstaltenden Festlichkeiten. Nach demselben haben Vertreter aller Religionsbekenntnisse, sowohl Laien als Geistliche, Einladungen zu der Krönungsfeier oder zu der Gratulationscour am Hofe erhalten. Es wurden eingeladen Geistliche der orthodoxen Kirche, die römisch-katholische, die armenisch-katholische, die armenisch - gregorianische Geistlichkeit, Präsidenten und Geistliche der Lutheraner, Muftis der Mohamedaner, transkaukasische Schecks, Vertreter der Llamas in Ostsibirien und der Chacham (Oberrabbiner) nebst zwei Mitgliedern der Karaiten zu Enpatoria. Wie es scheint, wurden die fünf Millionen jüdischer llnterthanen des Zaren bei den Einladungen ignoriert, und dieses Faktum nmß leider als ein ungünstiges Omen gedeutet werden. — Die Frage der Annahme christlicher Namen seitens der Juden in Rußland fand unlängst eine interessante Illustration durch eine gerichtliche Entscheidung, der man eine prinzipielle Bedeutung nicht absprechen kann, zumal es bei dem in den ungebildeten jüdischen Kreisen herrschenden Usus, den Kindern korrumpierte, resp. diminutive Namen beizulegen, oft schwer sestzustellen sein dürste, wie die betreffende Person eigentlich heißt und ob in dem korrumpierten Namen nicht ein sogenannter „christlicher" verborgen ist. Der Thatbestand obenerwähnter Gerichtsverhandlung ist folgender: Ter Kaufmann der Stadt Dubno, Alexander Tscherkeß, hatte sich nach vorhergehenden unausbleiblichen Polizeichikanen vor dem Luzker Bezirksgericht wegen unberechtigter Führung des Namens 'Alexander, da er doch „Sender" heiße, zu verantworten. Er erklärte, entschieden Alexander zu heißen und sich auch hinfort, ungeachtet einer eventuellen Strafe, so nennen zu wollen. Das Gericht verurteilte ihn zir einer Geldstrafe. Alexander Tscherkeß reichte