Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 196 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 196. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. brachte die Minorität einen Antrag ein, der die Erklärung enthielt, daß der Verein Berliner Volksschullehrerinnen erklärt, für das Wohl und die Rechte eines jeden Mitgliedes gleichmäßig eintreten wolle. Ta infolge mannigfacher Einwendungen und Manipulationen dieser Antrag nicht zur Abstimmung gelangte, trat die Minorität, welche die alten Ideale des Vereins hochhält, aus und gründete einen neuen Verein, für dessen Entwickelung und Gedeihen schon die Thatsache die besten Hoffnungen erweckt, daß die Begründerinnen und Führerinnen des alten fast ausnahmslos auf seiner Seite stehen. — Es wird nicht ausbleiben, daß der neue Verein alsbald mit den Schimpfereien der antisemitischen Presse reguliert werden wird, während der Rest des alten Vereins sich alsbald des Segens der Ahlwardt-Preffe erfreuen wird. Indessen dadurch wird sich der neue Verein sicherlich nicht abhalten lassen, dem ehrenvollen Anfänge feines Daseins eine gleich ehrenvolle Fortsetzung folgen zu lassen. — Wie sie es machen, die Antisemiten, um die Juden als „verbrecherische Ration" hinzustellen, dafür ist die „Antis. Corresp." des Dauer- und Wanderredners Liebermann v. Sonnenberg, der sich als gelehriger Schüler seines Meisters Ahlwardt erweist und jetzt in Ostpreußen Vorträge gegen ein Entree von 50 Pfennig pro Person hält, bezeichnend. Da stehen unter der Rubrik: „Israel im Konflikt mit den Landesgesetzen" 5 Juden verzeichnet aus Berlin, Odessa, Bordeaux und New-Pork. Schade, wir hätten gern aus Asien, Afrika, Australien und Polynesien auch noch ein Paar Namen jüdischer Verbrecher gelesen. Möglicherweise bringt Herr Frithjof Staufen vom Nordpol und ein anderer Entdecker von jenseits des Sambation noch einen mitgeschleppt, um die Schändlichkeit der deutschen Inden ins rechte Licht zu rücken. — Der blinde Eifer hat der „Staatsbürger Zeitung" wieder einmal einen bösen Streich gespielt. „In Kiel — so schrieb sie in ihrer Rr. 99 — hat ein Jude die Frechheit gehabt, eines der Kreuzesworte des Erlösers für seine Reklamezwecke zu mißbrauchen." Sie erzählt dann folgenden Fall: „Ein gewisser Jacobsen," so wird uns von dort geschrieben, der hier (in Kiel) einen Laden in der Hauptstraße besitzt, wo er alle möglichen Gegenstände: Porzellanwaren, Stiefel, Zigarren, Bücher rc. feilhält, hatte letzthin seine Geschäftsräume renovieren lassen und machte alsdann in einer hier erscheinenden freisinnigen Zeitung mit der Fertigstellung dieser Arbeiten das Publikum bekannt. — Hiergegen wäre nun nichts zu erinnern, wenn nicht Jacobsen die Anzeige in einer Weise abgefaßt hätte, die für jeden Christen ein Aergernis bieten mußte. In fettgedruckter Schrift prangten über der Anzeige die Worte: „Es ist vollbracht!" — Daß die Form der hier mitgeteilten Reklame durchaus zu mißbilligen ist, bedarf kaum der besonderen Betonung. Daß sie aber in ihrem blinden Eifer den Kieler Kaufmann für einen Juden hält und seine Handlungsweise zu einer zornigen Anklage gegen die Juden ausbeutet, war nicht klug von ihr.: sie hätte durch frühere trübe Erfahrungen gewarnt sein miisfen. Jacobsen ist nämlich garnicht Jude, sondern Christ, und sogar ein eifriger Gesinnungsgenosse der „Staatsbürger-Zeitung." Das weiß jetzt auch die „Staatsbürger-Zeitung", wiederrufen hat sie gleichwohl nichts. War es Mangel an Raum oder an — Ehrlichkeit? — Praktischer Antisemitismus. Die „Eberswalder Zeitung" berichtet: „Ein ruchloses Bubenstück ist auf dem hiesigen jüdischen Friedhose verübt worden. Zwei Grabdenkmäler sind umgeworfen und teilweise zertrümmert worden. Es wäre sehr bedauerlich, wenn es nicht gelingen sollte, den Thäter zu ermitteln; die jüdische Gemeinde hat eine Belohnung von 100 Mk. für die Entdeckung desselben ausgesetzt." — Der Judcnhasser — Cohns. In Mayen (Regierungs- Bezirk Koblenz) fand letzthin eine Reichstagsersatzwahl statt. Bei derselben erhielt der antisemitische Kandidat eine verhältmäßig ganz geringe Stimmenanzahl. Nichtsdestoweniger ist der Name des Kandidaten interessant: er heißt — Cohns. Wie viele Generationen hindurch mag die Familie Cohns wohl schon judenseindlich sein? — Die Kreuzzeitnng giebt ein merkwürdiges Beispiel von — Unbefangenheit, indem sie über „das Recht am Namen" folgendermaßen sich äußert: „Wiederholt haben schon auffällige Beispiele pon Namensänderungen, besonders bei Judentanfen, das Interesse an der Frage eines privatrechtlichen Schutzes der Familiennamen wachgerufen. Das Motiv mancher Judentaufen ist ein sehr durchsichtiges. Anstatt wie früher sich einen phonetisch wohlklingenden, aber wirklich originellen Namen unter Zuhilfenahme der botanischen oder zoologischen oder mineralogischen Nomenklatur zu geben (Rosenberg, Lilienthal, Hirsch, Goldberg u. s. w.), zieht es Jtzig Beitel vielfach neuerdings vor, sich womöglich aus der ihm bekannten christlichen Umgebung einen alten deutschen Familiennamen, der einen durch die Abstammung seiner bisherigen Eigentümer oder gar durch anerkannte Leistungen bewährten gesellschaftlichen Klang hat, von der Behörde zu erbitten." — Tie „Kreuzzeitung" würde ja in der Lage sein, ein ihr naheliegendes Beispiel einer derartigen Namensänderung eines Konvertiten anzuführen. Wer hat der Reaktion in Preußen den Grundstein geliefert? Professor Friedrich Julius Stahl, der in Miinchen als Jude und als Erbe des Namens Schlesinger geboren wurde. Es ist wahrscheinlich, daß er den alten deutschen Namen Stahl, der durch anerkannte Leistungen eines früheren Trägers bewährten Klang hatte, bei seinem Uebertritte in Erlangen sich auserwählte, weit in dem davon nicht allzuweit entfernten Ansbach der ausgezeichnete Chemiker Georg Ernst Stahl zur Welt gekommen ist. Jetzt sind freilich, wie die „Kreuzzeitung" richtig bemerkt, „mineralogische" Flamen etwas diskreditiert. „Stahl" reizt nicht mehr und gar den Namen Hammerstein wird kein Eindringling sich freiwillig zu eigen machen wollen. — Auf den Kuabcumord in Rixdors kommt am Sonnabend die „Staatsbürger-Zeitung" zurück, indem sie die Beschuldigung des Ritualmordes aufrecht erhält, weil ja „jeder Mord doch schließlich einen Beweggrund haben muß." Nun, für manchen Antisemiten mag der Beweggrund, den verhaßten Juden den Mord in die Schuhe zu schieben, ausschlaggebend sein für die Ausführung des Mordes. Ueberall, wo sogenannte Ritualmorde auftauchten — in Tanten und anderwärts — waren Antisemiten der That verdächtig. Hoffentlich wird das vergossene Blut des Knaben Burr nicht ungerächt zum Himmel schreien! — In Verlegenheit. In einer gewissen Verlegenheit befindet sich dermalen die juristische Fakultät der Universität Bern.