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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-13 · 11 (13.3.1896) · p. Seite 195

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
Seite 195 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 11. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 196. mehr als dreitausendjährigen Mission muß den Juden mit Selbstachtung erfüllen. Kein Ehrentitel, kein königliches Abzeichen kann der Glorie gleichkommen, die in dem Namen Jude gipfelt. Ju dem Namen ist verkörpert eine Aristokratie, nicht die der Macht und des Reichtums, sondern die der Gerechtigteit nnd Wahrheit. Den Mitgliedern die Selbstachtung einflößen, die sie erfüllen müßte, das Gefühl der Würde in ihnen mach zu halten, das der Name „Jude" in sich birgt, ist die Aufgabe, die der Orden sich gestellt. Priester sollen Vorbilder der Gesellschaft sein. So lange man feine eigene Geschichte gering schätze, so lange man seiner heiligen Traditionen spotte, so lange man sich nicht um unser Judentum schare als das stolzeste Besitztum, so lauge dürfe man nicht damit brüsten, eine Mission zu haben. St. * Der Ghettowitz feiert in deutschen Witzblättern, am denen Juden hervorragend Mitarbeiten, seine Auferstehung, wenn auch in neuem Gewände. So finden wir in der letzten Nummer der Lust. Blätter folgende Schnurre: „Jn-der Rekrutierungskommissiou. „Feldwebel, gehen Sie hinaus und stiften Sie Ruhe, man versteht ja nichts!" Feldwebel (außerhalb zu den Rekruten): „Himmel-Kreuz-Steru-Element! Ruhig, sag' ich! Die Kommission verstet nir." — Alexander Moßkowski, der Redakteur des Blattes, giebt hier nur eine Reminiszenz aus dem Beth hamidrasch wieder: „Seid still, Kinder, der Räbbe kann nischt lernen!" haben wir schon in unserer Jugend in den düsteren, aber dennoch lichtvollen Räumen des Beth hamidrasch gehört. Wahrscheinlich auch Herr Moßkowski. Wochen - (Lhronik. Berlin, den 12. März. — Benedict Hanse, der verdienstvolle Lehrerveteran und gemütreiche Schriftsteller, ist gestorben. Aus Eisenach wird uns unterm 5. März geschrieben: „Hause ist am 3. d. M. sanft entschlafen und heute bestattet worden. Am Grabe sprachen die Herren Landrabbiner Dr. Salzer und Lehrer Heidingsfeld von hier. Die Kinder des Entschlafenen haben von nah und fern zahlreiche Beweise inniger Teilnahme empfangen." — Sonst nichts? Sonst wäre nichts mehr zu sagen über den Tod Hause's und noch mehr über sein Leben? Ach nein, mehr, viel mehr könnte man hier erzählen. Denn in Benedict Hause, der vor wenigen Tagen, 82 Jahre alt, verschieden, der sechs Jahrzehnte im Dienste des Judentums gestanden, sechs Jahrzehnte Novellen für unsere Jugend geschrieben und hausierend von Land zu Land, von Ort zu Ort seine Schriften persönlich vertrieben, sechs Jahrzehnte im Dienste des Judentums gestanden und — gedarbt hat, ist der jüdische Litterat der Gegenwart verkörpert. Doch Hause war zu zart veranlagt, als daß er gestattet hätte, sein Leben und seine Schicksale zur Folie zu nehmen, und darum brechen wir hier ab und rufen nur noch dem würdigen Greise, den niemand vergißt, der seine patriarchalische Gestalt geschaut, wie jedem anderen Sterblichen zu: Have pia anima! - Wippchen ist, nachdem sein geistiger Vater, Julius Stettenheim, ihn aufgegeben, von Bernau nach Berlin übergesiedelt, undschreibt, in Ermangelung veritabler Kriege, Kriegsberichte aus dem Repräsentautensaal der hiesigen Gemeinde für das publizistische Organ des Berliner Gemeindevorstandes. Er bemüht sich brünstig unsere Sitzungsberichte nachzuahmen — das ist sein gutes Recht. Er polemisiert gelegentlich für den Vorstand gegen die „neue Majorität" — das ist seine verdammte Pflicht. Er holt hoch aus und trifft regelmäßig daneben — das ist sein gewohntes Pech. Er sucht Stimmung zu machen durch erfundene Mitteilungen — das ist zum mindesten unvorsichtig. In seinen beiden letzten Berichten machte nämlich der Herr dunkle Andeutungen über abfällige Aeußerungen, die er auf der Zuschauer-Gallerie gehört haben will. Ein gesegnetes Gehör, in der That, wenn man erwägt, daß der Berichterstatter gar nicht oben unter den Journalisten, sondern unten neben den Gemeindevätern sitzt und trotzdem Aeußerungen des Mißfallens über die „neue Majorität" hört, die oben auf der Gallerie — gar nicht gefallen sind! Zu seinem Nutz und Frommen wollen wir dem Berichterstatter verraten, wie „das Volk" spricht: Man erblickt in dem Verhalten der bisherigen Machthaber, denen es noch immer nicht einleuchten will, daß die gute alte Zeit, in der die Vertreter der Gemeinde in oder von dem Bureau derselben gleichsam ernannt wurden, hinter uns liegt; daß vielmehr eine neue Aera begonnen, in der mit jeder Hausmeyerei, mit allen Kliquen und Klaquen aufgeräumt werden soll, — in dem Verhalten der bisherigen Machthaber erblickt man auf der Zuschauer-Gallerie eine arge Beleidigung der jüdischen Gemeindewähler Berlins. Wie auf Verabredung wird auf jener Seite der im November vorigen Jahres vollzogene Wahlakt als Null, werden die Männer unseres Vertrauens als Luft, bestenfalls als Geduldete betrachtet, die, sofern sie oppositionell sind, möglichst leise austreten, sich thunlichst unbemerkbar machen, die dankbar sein müßten, daß man ihnen, den „Fremden", gestattet, dieselbe Lust zu atmen mit den „Insassen". Dieses Verhalten erzeugt auf der Gallerie Verstimmuug, über diese Taktik kann man auf der Gallerie manche Aeußerung der Verbitterung vernehmen. Und wenn der Vorstandsschreiber in seinem nächsten Berichte diese Wahrnehmung seinen Lesern Mitteilen wollte, so würde er ausnahmsweise ein Stimmungsbild zeichnen, das der Wahrheit entspricht, würde er, um mit seinem Kollegen in Apoll, mit Wippchen zu sprechen, „den Nagel ins Schwarze" treffen. — Ein neuer Lehrcrinnenverein ist dieser Tage hier durch die treibende Kraft der Notwendigkeit ins Leben gerufen worden. Er ist aus einer Spaltung des seit sieben Jahren bestehenden „Vereins Berliner Volksschullehrerinuen" hervorgegaugen und durch plötzliche, dem bisherigen Geiste des Vereins widerstrebende Umtriebe verursacht worden. Es darf wohl als bekannt vorausgesetzt werden, daß die Ungiltigkeitserklärung eines Vereinsbeschlusses, die Resolution für die jüdischen Kolleginnen betreffend, seitens der überstimmten und der nicht anwesenden Vereinsmitglieder zu der Amtsniederlegung des Gesamtvorstaudes führte. Aus dem Wahlkampfe ging in der Neuwahl ein Vorstand hervor, der insgesamt der Partei der Protestleriuueu angehört. Einesteils um derartigen Umtrieben für die Zukunft vorzubeugen, andernteils aber auch um den konfessionellen Standpunkt des Vereins nochmals klarzustellen.

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