Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 194 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/4794838-9609712-9609915--1249-9609925- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 194 Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. leuchten und nicht wenig neugierig über den Fang, dessen er sich zu rühmen gedachte, sah er mit gespannter Erwartung das Tuch abnehmen, welches Kopf und Gesicht des Gefallenen verhüllte. Er beugte sich vor um zu sehen, und — da durchfuhr es ihn wie ein elektrischer Funke — denn das reizendste Frauenantlitz, das ihm je vor Augen gekommen, leuchtete anmutvoll ans den umfließenden schwarzen Locken, wie eine weiße Rose aus dunklein Schatten hervor. Ein holdes Lächeln schwebte ans den blassen stummen Lippen, und die wehmutvollen Züge des bleichen Gesichtes kündeten Zartheit der Empfindung und jugendliches Sehnen, und doch lag auf der edlen elsenen Stirne der Ausdruck würdevoller Entschlossenheit und kräftigen Willens. Unmöglich, dachte er bei sich, kann dieser Engel böse Absichten gehabt haben. Ich hätte doch warten können, bis sie näher gekonurren wäre, und nicht gleich mit dem blinden Diensteifer Herausplatzen müssen. So machte er sich selber Vorwürfe und war nur ängstlich zu wissen, was der herbeigerufene Arzt sagen würde. Dieser sah bald ein, daß hier Frauen nötiger als Soldaten wären, und ließ zwei männlich gekleidete Kammermädchen aus dem Zelte holen, die den vermeintlichen Spion hineinbrachten. Alles verlief sich wieder, und die Schildwachen kehrten auf ihren Posten zurück. Salnschek hatte sich längst erholt, da er überzeugt war, daß er mit Fleisch und Blut zu thun habe; jedoch als er beim Fackelscheine seinen Kameraden so recht ansehen konnte, da fuhr ihm eine Erinnerung wie ein Blitz durch die Seele, er hatte etwas sprechen wollen, wovon nur der Respekt vor dem Intendanten ihn zurückgehalten. Jetzt, als er mit Dagobert wieder allein war, brach er los: „Ei! Gotts Donner, daß Dich — Du Raufbold, Du! Wir haben ja noch eine alte Rechnung miteinander!" „Wie meinst Tu das?" „Sehe mir einer den naseweisen Jungen an, läßt sich vom Krämer Salnschek erzählen, als ob er ihn nie gesehen hätte! Hu! meinst Du das Stückchen vor Warschau, wo Du . . . „Abgelöst" hallte es jetzt von drüben her, und Salnschek mußte schweigen, denn die Feldpatrouille machte jetzt die Runde, die Schildwachen wurden abgelöst. Dagobert und sein Kamerad marschierten in die Lagerkaserne zurück und ihre Posten wurden mit anderen Wachen besetzt. _ (Fortsetzung folgt.) Die fiillilirii Drojiljctrn. Es steht ein Spruch geschrieben, Der Trost und Hoffnung giebt: „Ihr sollt den Nächsten lieben, Wie ihr euch selber liebt." Doch Sturm und Wind verwehten Das Oelblatt mit der Schrift, Und falsche Volkspropheten Ersetzen es durch Gift. Ihr Ruf durchhallt die Gassen, Bis Echo Antwort giebt: „Ihr sollt den Nächsten hassen, Wie ihr euch selber liebt." Julius Jacob Strauß. * lieber musikalische Wunderkinder schreibt, unfern Bericht über Bronislaw Hubermann ergänzend, ein hiesiges Blatt: Jeden, der nur einigermaßen Musikliebhaber ist, dürften die jetzt so zahlreichen Notizen der Tagespreise, in welchen über die Ankunft und das Auftreten eines Wunderkindes auf dem Gebiete der Jnstrumentalnmsik Bericht erstattet wird, in Erstaunen versetzen. Dieser an sich merkwürdigen Erscheinung wird man umsomehr ein warmes Interesse entgegenbringen, als gerade die edle Kunst des Geigenspieles besondere Naturveranlagung bedingt, die außer einem richtigen Gehör noch ein starkes empfindnngsreiches Temperament erfordert. Für uns sind diese musikalischen Wunderkinder aber auch noch ein Gegenstand besonderen Interesses. Sie sind nämlich sämtlich Juden. Vor allem sind die vier jugendlichen Virtuosen anzuführen: Max Gibianski lOstz Jahr, Bronislaw Hubermann 13 Jahr, L. Sußmann 13 Jahr, L. Argiewitsch 15 Jahr, die erst in den letzten Wochen durch ihre außergewöhnliche Begabung allgemeines Aufsehen erregten. Namentlich muß der kleine Max Gibianski hervorgehoben werden, der erst das zehnte Jahr überschritten und doch seiner kleinen Geige die wundervollsten Töne zu entlocken weiß. Der zarte Knabe, dessen Vater, nebenbei bemerkt, ein bekannter hebräischer Litterat in Warschau ist, errang sich in kürzester Zeit die Sympathien der ersten Kapazitäten des Geigenspieles, vor allem des Geigerkönigs Joachim, was füglich als bestes Zeugnis für seine geniale Veranlagung angesehen werden kann. * Anfopfernngsfähigkeit. Ehemals, doch ist es schon lange her, stand die Religion im hohen Preise, und die Liebe zu ihr siegte über die Liebe zum Gelde. Im Talmud (Sukka 411>) wird erzählt: Rabbi Gamliel kaufte einen Lulab für 1000 Gulden; Tama ben Retina wies, um den schlummernden Vater nicht zu wecken, einen Gewinn von 600,000 Goldgulden zurück, und dieser Dama war sogar ein Kutäer — (Kiduschin 31, a), und Jose ben Kisma konnte 1,000,000 Goldgulden und außerdem kostbare Schätze erhalten, wenn er sich entschlösse, seinen Wohnort mit einem andern, wo jedoch das Gesetz nicht gelehrt wurde, zu vertauschen: er wies diesen Tausch gegen alle Schätze der Erde zurück. (Abot b, 10). * Das Emblem des U. O. B. B. (Unabhängigen Ordens „Bn'e B'rith), den Hirtenstab, erläuterte jüngst Rabb. Dr. Großmann in New-Iork aus Anlaß der Einführung neuer Mitglieder. Er bezeichnet den Hirtenstab als eine Versinnbildlichung der Pilgerfahrt Israels während der Jahrhunderte. Seit der Dämmerung der Zivilisation, bis zum heutigen Tage zieht Israel von Land zu Land, freund- und heimatlos, der Paria der Gesellschaft, gehaßt und verfolgt. Vergebens aber sind die Angriffe, die auf Israel gemacht werden. Noch ist es voller Lebenskraft, das Feuer der Jugend durchrieselt noch seine Adern und alle die Pfeile des Hasses prallen schadlos an ihm ab. Wie läßt sich dieses Rätsel der Weltgeschichte lösen? Durch das Emblem des Hirtenstabs, der Israel stets daran inahnt, daß es feine Mission ist, den Ozean der Völker zu. durchschreiten und durch die Verinnerlichung des Gottesgedankens „ein Segen zu werden allen Völkern." Tie von Vorurteil Befangenen mögen spotten, die Zeloten mögen hassen, der Jude wird nicht aufhören, den Weg nach dem Gottesberg voran zu gehen. Erfassung seiner