Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Journal
- Allgemeine Israelitische Wochenschrift
- Volume
- 5 (1896)
- Issue
- 11 (13.3.1896)
- Date
- 1896-03-13
- Page
- Seite 193 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 11. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Seite 193. Tische geladen haben; es sei nur unartig von David, es nicht nach Hause sagen zu lassen. Es wurde drei, vier Uhr, es war schon die Zeit des Abendgebetes, David kam nicht in die Synagoge, der alte Kaiman, der dort war, versicherte, ihn mit keinem Auge gesehen zu haben; Samuel ward nun bedenklich. Doch er erwartete noch, daß David abends gewiß kommen müsse, da das Pnrimfest mit der Verlesung des Buches Esther eröffnet wird, deren Verabsäumung eine Sünde gewesen wäre. Samuel hätte zwar gleich nachforschen mögen, allein er ging am Sabbat nicht aus dem Hause; es wäre denn in die Synagoge. — Die Sonne war indes völlig untergegangen, die Gemeinde wallte in Scharen nach dem Gotteshause. Der Vorbeter, um deu ruhigen Zwischenakt, welchen der nach der Schlacht von Grochow für die Polen so vorteilhafte Waffenstillstand herbeigesührt, zu benützen, um die Purim-Feier abzuhalten, (welche um so weniger auffallend war, als sich alle Einwohner der Freude hingegeben hatten), entfaltete die Megillah und sprach den Segen bei Heller Fackelbelenchmng, worauf er das Buch Esther verlas. Mit Jauchzen stimmte die Gemeinde ein, wenn Mordechais, des Volksretters Name verlesen ward, dafür wurde der boshafte Haman mit Gepolter und Lärmen begrüßt, auf Bänken und Stühlen wurde gehämmert und gepocht, um den Schall des verhaßten Namens zu übertäuben. Sein Andenken sollte vertilgt werden. Dieses Bestreben trägt natürlich, wie bei dem unsterblichen Mordbrenner des Diana-Tempels, Herostrat, nur dazu bei, den 'Namen tiefer ins Gedächtnis zu prägen. Besonders hatte die liebe Jugend eine besondere Freude an dem armen Haman; denn während sie sich bei Mordechais Preis still verhalten mußte, konnte sie bei Hamans Erwähnnng ihre Kunststücke produzieren, und noch dabei Gelegenheit nehmen, sich einmal gründlich untereinander durchzuprügeln. Alles war voller Freude und Jubel. Nur Samuel sah traurig und bekümmert darein — denn ach! David war auch nicht zur Megillah gekommen, zwar unterließ es der Alte nicht, dem Haman noch einige Püffe in die Ewigkeit nachzusenden, aber sein Herz wußte nichts von Freude, er that es blos aus Gewohnheit und Pietät für die Sitte. Er kehrte heim, und sprach den Abendsegen, (Habdalah), um den heiligen Sabbat mit Feier zu verabschieden, wie er ihn begrüßt hatte. David kam noch immer nicht. Die Mutter weinte, Samuel war düster, und zum ersten Male in seinem Leben ward ihm das Fest getrübt, denn David war sein einziger Sohn. Er stellte am andern Morgen Nachforschungen an. — Niemand wußte ihm Bescheid zu geben. — VI. Wohlthätig wirkte die Kühle der heiteren Juli-Nacht auf die von der Hitze des Tages ermatteten Glieder, und der blaue goldgestickte Himmelsteppich blickte freundlich auf das weite Thal bei Düuaburg nieder, in dessen Mitte einige Freikorps des polnischen Heeres ihr Lager aufgeschlagen hatten. Wie oben der Mond zwischen den zahllosen Sternen, so ragte hier unter den vielen Feldhütten, die wie eine Heerde weißer Lämmer herumgelagert waren, ein prächtig geschmücktes Zelt hervor. Es war offenbar für den Chef dieser Kompagnien bestimmt und lag einem dunklen Buchenhaine gegenüber, der mit wildem Gestrüppe umzännt, sanfte Kühlung dem Lager aus regen Lüften zuwehte. Zwei Schildwachen gingen vor dem Kommandozelte auf und nieder, und richteten ihr Augenmerk vorzüglich auf das Gehölz, welches den feindlichen Spähern einen bequemen Versteck darbieten konnte. „Kamerad", sprach einer der beiden Soldaten, „es ist gut, daß wir hier zwei beisammen sind, denn im Haine dort soll es nicht ganz geheuer sein, und jetzt ist nicht weit von Mitternacht." „Schämst Du Dich nicht dieser weibischen Furcht? Ein Soldat und eine solche Memme." „Furcht ist gerade meine Sache nicht, des Tags stehe ich meinen Mann, aber die Nacht ist keines Menschen Freund." „Zehn Moskowiter übernehme ich lieber, denn ein- Gespenst", ergänzte spottend der andere. „Na, an Gespenster glaube ich zwar nicht, aber an geheime Naturkräfte die — doch ich mag den Teufel nicht an die Wand malen, setzte er zitternd hinzu; es ist besser, wir plaudern zusammen. Unter wem dienst Du?" „Unter Gielgud." „Ei, Gottes Blitz, da sind wir ja bei einer Kompagnie. Wie heißt Du?" „Dagobert." „Und ich Saluschek, bin aus Warschau, habe dort einen Krämerladen, und bin rein aus Vaterlandsliebe hierher gekommen. Mein Weib, die Minka aus Lonicz, wollte das zwar nicht zugeben. Ja, die Minka, die ist ein Mordsweib, die mußt Du einmal kennen lernen. Wenn die das Kommando hätte, die triebe die kecksten Burschen zu Paaren." So schwatzte der redselige Saluschek, um seine Furcht vor der Geisterstunde zu verbergen, als es plötzlich im Laube der Bäume rauschte. Er sah hin nach dem Haine; da bogen sich die Zweige auseinander und eine sonderbare Gestalt wand sich aus der Hecke hervor. Saluschek ward ihrer kaum ansichtig, so siel er wie Espenlaub zitternd auf die Knie. Auch Dagobert ward überrascht, doch ermannte er sich und donnerte dem Gespenste „Wer da?" entgegen. Keine Antwort erfolgte, die Gestalt blieb stehen und schaute rings herum. „Alle guten Geister loben Gott, den Herrn," sprach der zitternde Saluschek. „Es ist der Gottseibeiuns. Wir sind verloren, er hat zwei Hörner auf dem Kopfe." „Wer da?" schrie Dagobert jetzt beherzter, denn er erkannte im Schimmer des Mondes, daß die Gestalt eine halb männliche, halb weibliche Kleidung trage, und daß die zwei Hörner nur die Zipfel eines über den Kopf gebundenen Tuches seien. Allein die Gestalt gab au) das wiederholte 'Anrufen keine Antwort, und Saluschek drückte die Augen zu und sagte im Herzen seiner Minka Lebewohl. „Wer da, oder ich gebe Feuer," rief Dagobert zum dritten Male und legte sein Gewehr an — da blitzte es von der Pfanne aus — ein Knall — und die Gestalt sank zusammen. Sogleich wurde es im Zelte rege, und eine Ordonnanz kam heraus, die Wache um den Vorfall zu befragen. Es ivurden nach erstattetem Berichte Fackeln beigebracht, um den Spion, wie man meinte, zu untersuchen. Dagobert mußte dabei vor-