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Allgemeine Israelitische Wochenschrift · 1896-03-13 · 11 (13.3.1896) · p. Seite 192

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Journal
Allgemeine Israelitische Wochenschrift
Volume
5 (1896)
Issue
11 (13.3.1896)
Date
1896-03-13
Page
Seite 192 (sequence 8)
Language
German
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Seite 192. Allgemeine Israelitische Wochenschrift. Nr. 11. blieb, wird von einem modernen Philosophen*) in knapper Form präzisiert: „Namentlich die jüdische Religion ist dem Verehrer des Bnddhaismus ein Greuel. Er hat nicht Unrecht, denn die sittliche Weltansicht, welche darin enthalten ist, und die auch ein Fundament ist in der christlichen Religion, widerspricht in allen Stücken dem Pessimismus, .sofern sie glauben, daß die Welt nicht entstanden ist aus einem großen Egoisten, dem blinden Willen zum Leben, sondern ans einem vernünftigen Wesen, aus einem Gotte, der nicht der Welt ein falsches Ideal gegeben hat, zu dessen Verwirklichung sie die Mittel nicht enthält, sondern ein Ideal, das von den Menschen nicht die Verkehrung . . ., sondern die Befolgung aller sittlichen Marimen ... fordert." So steht Schopenhauer als Philosoph dem Judentum gegenüber. Es ist aber sehr wahrscheinlich, daß diese philosophische Feindschaft sich auf dem realen Fundamente einer allgemein menschlichen Abneigung aufbaute. Schopenhauer dehnte zwar seinen Weiberhaß auf die eigene Mutter aus; allein wie sie ihm ihren klaren, gewandten, treffenden Stil vererbte, so kann er auch ihren ästhetischen Abscheu vor allem, was Jude heißt, angenommen haben. Denn eine Judenfeindin war Johanna Schopenhauer, die einst vielgelesene und heute vergessene Schriftstellerin; das zeigen nicht nur ihre gehässigen, oft kleinlichen Ausfälle, das beweist vor allem ihre Tendenz - Novelle „Josebeth". Ter Plan zu dieser Erzählung — sie steht im fünftletzten der viernndzwanzig Bände, mit denen Johanna Schopenhauer die deutsche Litteratur beschenkte — hat sie wohl bei ihrem Aufenthalt in Holland gefaßt. Aus dem Lande der Langeweile war nicht viel von belletristischen Eindrückeu, wie sie sie auf ihren Reisen zu sammeln pflegte, zu holen. So nahm sie im Vorübergehen das Amsterdamer Judenviertel mit und das ungewohnte Milieu gefiel ihr: was konnten diese düstern Häuser nicht alles erzählen, welche Geheimnisse steckten wohl in der alten, hochgewölbten Synagoge! Und sie setzte sich hin und schrieb ihre Ghettogeschichte: die gewohnten Gestalten ihrer Romane bekamen den gelben Hut und mußten in der Judengasse tragieren; dann eine Handvoll Holländer Pöbel dazu gethan, das Ganze ins Mittelalter verlegt, mit ein wenig Lokalgeschichte verbrämt — und das Werk war vollendet. Doch nein, Frau Schopenhauer hat auch eruste Studien getrieben, um ihre Novelle recht interessant zu machen; sie kennt drei oder vier Ausdrücke des Jargon, sie weiß, daß man am „Lauberhüttenfest" (sic!) Palmzweige schüttelt und daß Amsterdam einmal einen berühmten Rabbiner besaß, Manasse ben Israel. Es ist der Mann, dessen politischer Scharfblick den Juden England erschloß; derselbe, der sie in seiner „Rettung Israels" mit so großem sittlichen Ernst gegen das Blutmärchen verteidigt. Unsere Dichterin weiß aber noch viel mehr von Manaffee — so nennt sie ihn — zu erzählen: er, „der fürchterliche Oberrabbiner" terrorisiert die ganze Jndenheit, ist ein blinder Fanatiker und moralisch derart verworfen, daß er die schöne Josebeth mit raffinierter Grausamkeit verderbe« will, weil sie ihn zurückgewiesen hat. Man sieht, *) F- Harms, weil. Professor an der Universität Berlin: „Die Philosophie seit Kant", Berlin 1879, S. 584 f. Frau Schopenhauer wird pikant. Ihre Heldin, diese weiße Taube, ist aber auch einer näheren Betrachtung würdig: sie möchte gar zu gern aus Ehe und Judentum heraus; es gelingt ihr, für die Rolle des Erlösers einen galanten, jungen Edelmann zu finden und zur Verabredung des Weiteren bescheidet sie ihn nächtlicher Weile zum Stelldichein — in die Laubhütte. Die piäce de resistance der Verfasserin kommt aber noch; sind vorher schon verschiedene Andeutungen von den „furchtbaren Lehren" und „unmenschlichen Gesetzen" des Judentums gefallen, die ihrer Phantasie alle Ehre machen, so entrollt sie jetzt mit berechnender Langsamkeit das Bild eines mittelalterlich-jüdischen Tribunals in Sachen von Ehebruch. Jüdische Rabbiner, im „kellerartigen Gewölbe", richtend auf Tod und Leben über ein schönes, junges Weib! Ja, das ist Romantik! Selbstverständlich führt die brave Josebeth ihre Sache mit dem ganzen Mute der Unschuld und nötigt Manasse durch einen kühnen Einfall ä la Porcia dazu, das „Wasser der Verfluchung" mit ihr zu teilen. Manasse, der Bösewicht, hat es natürlich vergiftet, und so stirbt er „unter den fürchterlichsten Zuckungen", während das Volk, von Josebeths Geliebten harangniert, die Pforte des Gewölbes einschlägt. Tableau. — Dieses Genre der Ghettonovelle ist ein Produkt der Lust am Sensationellen, der Begier, in allem Fremdartigen etwas Gruseliges, Furchtbares zu finden. Der Kunstgriff, die Leser zu fesseln, indem man die gröbsten Saiten in ihrem Herzen anschlägt, kostet nicht viel. Und wer die Dinge mehr oder weniger entstellt, wie vielleicht aus Unwissenheit die Verfasserin, der hat bei jenem Publikum gewonnenes Spiel. So entstehen Mysterien von dem geheimen Treiben der Jesuiten, der Freimaurer. — Zieht man den nachhaltigen Einfluß einer Mutter, wie es die Verfasserin von „Josebeth" sein mußte, auf das Gemüt des Kindes inbetracht, so erscheinen Arthur Schopenhauers Angriffe auf das Judentum, wenn auch nicht entschuldbar für den gereiften Denker, so doch von dem Menschen begreiflich. Feuilleto n. Die Insurgenten. Von S. P. (Fortsetzung.) „Nu! Nu! Die Sache ist ja schon abgemacht. Was willst Du mehr? Du heiratest die Sara, nicht wahr? Du wirst mir dann erst meine Liebe danken." „Mein Vater!" „Kein Wort mehr davon! — Horch, welch' ein Tumult ist wieder auf dem Markte. Sieh zu, was es giebt?" David ging hinaus. Der Vater wartete eine halbe Stunde, David kam nicht wieder. Die Jugend muß alles mit ansehen. Er wird sich in eine Standarte vergafft haben, beschwichtigte sich der Alte, und ging unbekümmert nach Hanse. Indes eine volle Stunde verlief, und David — kam nicht. Die Mutter fing an zu sorgen, Samuel tröstete sie. Es schlug elf — zwölf, — es war Mittag, er kam nicht. Die Mutter wollte eine böse Ahnung haben, Samuel meinte, der alte Kaiman, der auf dem Markte wohnt, werde ihn zu

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